Plus 18,3 Prozent Chinas Rekordwachstum wird sich so nicht wiederholen

Vor einem Jahr erlitt Chinas Wirtschaft wegen der Corona-Krise einen schweren Einbruch. Nun legt sie den größten Wachstumssprung seit gut 30 Jahren hin. Doch die Dynamik wird deutlich nachlassen, sagen Experten.
Qualitätskontrolle in Textilfabrik: Chinas Industrieproduktion schnellte im ersten Quartal gegenüber dem vom Lockdown gezeichneten Vorjahreszeitraum um fast ein Viertel in die Höhe

Qualitätskontrolle in Textilfabrik: Chinas Industrieproduktion schnellte im ersten Quartal gegenüber dem vom Lockdown gezeichneten Vorjahreszeitraum um fast ein Viertel in die Höhe

Foto: DPA

Boomende Exporte, steigende Kauflust, staatliche Hilfen: Die chinesische Wirtschaft ist Anfang 2021 trotz der weltweiten Corona-Krise so schnell gewachsen wie noch nie. Wie das Pekinger Statistikamt am Freitag mitteilte, legte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt in den ersten drei Monaten um 18,3 Prozent zu im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres.

Das ist das größte Plus seit Beginn der Quartalsstatistik 1992. Der ungewöhnlich starke Zuwachs erklärt sich damit, dass die chinesische Wirtschaft im vergangenen Frühjahr wegen der Corona-Pandemie stark eingebrochen war. Ein rigoroser Lockdown und scharfe Einreisekontrollen führten dazu, dass - von kleineren lokalen Ausbrüchen abgesehen - bereits seit gut einem Jahr nur noch sehr wenige Corona-Fälle auftreten. Seitdem befindet sich die Wirtschaft auf Erholungskurs.

Peking zurückhaltender als der IWF

Generell habe sich im ersten Quartal eine "stabile Erholung" fortgesetzt, teilte Chinas Nationales Statistikamt am Freitag mit. "Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass sich die Covid-19-Pandemie immer noch weltweit ausbreitet", so die Behörde weiter, die vor großen Unsicherheiten und möglicher Instabilität warnte.

Künftig dürfte das Wachstum wegen anderer Vergleichsquartale auch geringer ausfallen. So wuchs Chinas Wirtschaft wegen bremsender regionaler Corona-Ausbrüche etwa im Vergleich zum Vorquartal nur noch 0,6 Prozent - weniger als halb so viel wie von Experten vorhergesagt und weit weniger als im Schlussvierteljahr 2020 mit 3,2 Prozent.

"Die Wirtschaft hat bereits das Vorkrisenniveau übertroffen, weshalb die politische Unterstützung zurückgezogen wird, sodass Chinas Aufschwung abflacht", sagt Ökonom Julian Evans-Pritchard von Capital Economics. "Wir gehen davon aus, dass das Wachstum im Quartalsvergleich für den Rest des Jahres bescheiden bleiben wird, da der jüngste Boom im Baugewerbe und bei den Exporten nachlässt." Das sehen andere Experten ähnlich und warnen davor, sich vom Rekordwachstum im Vorjahresvergleich blenden zu lassen. "Die konjunkturelle Dynamik im Reich der Mitte hat weiter Fahrt aufgenommen, wächst allerdings weitaus weniger fulminant, als die jüngste Wachstumszahl nun suggeriert", sagte LBBW-Ökonom Matthias Krieger.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die chinesische Wirtschaft in diesem Jahr um weitere 8,1 Prozent zulegen könnte. Die chinesische Regierung ist vorsichtiger und legte ihr offizielles Wachstumsziel auf dem gerade in Peking zu Ende gegangenen Volkskongress auf einen Wert von "über 6 Prozent" fest.

Besonders ein starker Außenhandel half Chinas Wirtschaft zuletzt auf die Sprünge. Chinas Fabriken liefen auf Hochtouren, um medizinische Güter wie Corona-Tests und Schutzmasken in alle Welt zu exportieren. Auch Laptops und andere Ausstattung für das Homeoffice kommen oft aus China. Die Industrieproduktion zog im ersten Quartal um 24,5 Prozent an. "China war ein Krisengewinnler", erklärt der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel, das gute Abschneiden im internationalen Vergleich. Sobald die USA und Europa zur Normalität übergehen, dürften die enormen chinesischen Exportzuwächse auch deshalb der Vergangenheit angehören, glaubt er.

Deutsche Exporteure profitieren

Umso wichtiger ist für die Volksrepublik daher, dass die Binnennachfrage an Schwung gewinnt. Hier gab es zuletzt starke Zahlen: Der Einzelhandelsumsatz stieg im März um 34,2 Prozent zum Vorjahresmonat und damit stärker als erwartet. Der an Schwung gewinnende Konsum ist auch eine gute Nachricht für die deutschen Exporteure, die nur in den USA noch mehr absetzen als in China. Das zeigten zuletzt unter anderem die starken Absatzzahlen von Volkswagen für das erste Quartal. Daimler fuhr dank großer Nachfrage in China kräftig steigende Gewinne im ersten Jahresviertel ein.

China bemüht sich seit Jahren, den heimischen Konsum zu stärken, um so vor dem Hintergrund der zunehmenden Spannungen mit den USA und Europa unabhängiger vom Außenhandel zu werden. Auch im gerade verabschiedeten neuen Fünfjahresplan spielt dies eine Schlüsselrolle.

Peking dürfte staatliche Anreize zurückfahren

Der Binnenkonsum profitierte zuletzt auch deshalb, weil der Staat großzügige Hilfen etwa für kleinere Firmen gewährte. Die dürften nun aber schrittweise zurückgefahren werden, da die Konjunktur auf einem solideren Fundament steht. Die Zentralbank etwa will das Kreditwachstum eindämmen, um Risiken für das Finanzsystem abzubauen. Die Behörden fürchten vor allem einen überhitzten Immobilienmarkt und haben die Banken aufgefordert, bei der Vergabe genauer hinzuschauen, um Vermögensblasen zu verhindern. So wuchsen die Preise für neue Häuser im März so schnell wie seit sieben Monaten nicht mehr. Platzt eine Vermögenspreisblase, würden viele Banken auf ihren Kreditforderungen sitzen bleiben und selbst in Schlingern kommen - mit verheerenden Folgen für das Finanzsystem und wegen der zunehmenden Bedeutung Chinas wohl auch für die Weltwirtschaft.

rei/DPA/Reuters