Nachfolgersuche Wer Chinas neuer Wirtschaftschef werden könnte

Liu He ist einer der einflussreichsten Strippenzieher in China, nun verlässt er die politische Bühne. Von seinem Nachfolger wird maßgeblich abhängen, welchen wirtschaftspolitischen Kurs das Land künftig gegenüber dem Westen einschlagen wird.
Spitzname "Onkel He": Chinas Vizepremierminister Liu He (r.), hier 2019 bei einem Treffen mit Olaf Scholz, damals noch deutscher Finanzminister, mittlerweile Bundeskanzler

Spitzname "Onkel He": Chinas Vizepremierminister Liu He (r.), hier 2019 bei einem Treffen mit Olaf Scholz, damals noch deutscher Finanzminister, mittlerweile Bundeskanzler

Foto: Andy Wong / picture alliance / dpa

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Für Chinas Staatschef Xi Jinping (69) war Liu He (70), den er bereits seit gemeinsamen Jugendtagen in Peking kennt, lange das "Sprachrohr" zur westlichen Welt. Und zwar ganz wörtlich: Liu hat einst an der amerikanischen Harvard University studiert und spricht nahezu perfekt Englisch. Egal, ob mit Donald Trump (76) oder Joe Biden (79), Angela Merkel (68) oder Olaf Scholz (64), stets fand er einen Umgang mit den für China wichtigsten Politikern aus dem Ausland. Und auch mit Managern und Wirtschaftsvertretern traf er regelmäßig zusammen – denn Liu gilt als "Wirtschaftschef von China".

Nun wird er auf dem nur alle fünf Jahre stattfindenden Parteitag der Kommunistischen Partei Mitte Oktober von seinen Ämtern zurücktreten. Zum einen als stellvertretender Ministerpräsident Chinas, zum anderen aber auch als wichtiger Berater in Gremien für Wirtschafts- und Finanzangelegenheiten sowie für umfangreiche Reformen im Land. Der Politiker, der in China auch "Onkel He" genannt wird, war so etwas wie der "Oberaufseher" der heimischen Industrie, verantwortlich für weite Teile der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Er bestimmte maßgeblich den wirtschaftspolitischen Kurs, auch gegenüber dem Westen.

Vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie war Liu oft in Deutschland und Europa zu Besuch, war etwa Gast bei den China-Tagungen der Hamburger Handelskammer oder handelte Vereinbarungen zum Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen aus – etwa den 2021 geschlossenen China-EU-Investitionspakt oder auch ein Abkommen zwischen der Bundesbank und der chinesischen Zentralbank.

China ist wichtigster Handelspartner der deutschen Wirtschaft. Allein im ersten Halbjahr 2022 erhöhte sich der Anteil der Importe aus dem Land auf 12,4 Prozent aller Einfuhren. Und die Direktinvestitionen deutscher Konzerne nahmen zu – trotz steigenden Drucks durch die kommunistische Staatsführung – auf insgesamt 10 Milliarden Euro. Die Frage, wer künftig die Rolle des chinesischen Wirtschaftschefs einnimmt, ist daher gerade für die deutschen Unternehmen nicht unwichtig.

Drei mögliche Nachfolger für Liu He

Für seine Nachfolge bringt das britische Nachrichtenmagazin "The Economist" nun gleich mehrere potenzielle Kandidaten ins Spiel. Zum einen Han Wenxiu (59), der durch einen Studienaufenthalt an der Oxford University und einem Doktortitel in Finanzen eine ähnliche Vita wie Liu aufweist – wenn auch deutlich jünger. Bekannt wurde er in China durch seine kritische Auseinandersetzung mit den Wachstumszahlen des Landes und dem Streben nach technologischer Eigenständigkeit. Mit Liu sitzt er in den gleichen Gremien und gilt als dessen Favorit.

Ein weiterer Anwärter auf die Rolle des neuen Wirtschaftschefs soll Guo Shuqing (66) sein, der an der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften promoviert und ebenfalls ein Jahr an der Oxford University verbracht hat. Bereits 2004 kritisierte er, dass staatliche Interventionen der chinesischen Wirtschaft schaden könnten, sie seien "losgelöst von den Marktrealitäten". Da er bereits als Gouverneur der Provinz Shandong und Vorsitzender der China Construction Bank tätig war, gilt er als "Macher".

Als aussichtsreichster Kandidat gilt jedoch He Lifeng (67), derzeit Leiter der chinesischen Planungsagentur. Ausgebildet an der Xiamen-Universität in der Provinz Fujian, pflegt er gute Beziehungen zu Xi und nahm an dessen zweiter Hochzeit als Gast teil. Auch ist er an der chinesischen Belt-and-Road-Initiative beteiligt, die hierzulande als "Neue Seidenstraße" bekannt ist und den Ausbau von Handelsrouten und Infrastruktur in vielen Ländern der Welt mit hohen Milliardensummen unterstützt. 2002 war er zudem Mitherausgeber eines Buches über den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WHO). In diesem wurde davor gewarnt, dass die WTO das Internet nutzen könnte, um westliche Werte in China zu verbreiten, die den Einfluss der Kommunistischen Partei schmälern würden. Eine Denkweise, die auch Staatschef Xi vertritt. 

China steht vor grundsätzlichen Entscheidungen

Doch egal, wer von den Kandidaten sich am Ende des einwöchigen Partei-Treffens durchsetzen und an der Seite des oft ideologisch und autoritär regierenden Xi in Zukunft den wirtschaftspolitischen Kurs des Riesenreichs steuern wird: Die Aufgabe für den neuen "Wirtschaftschef" ist auf jeden Fall gewaltig. Denn ausgerechnet in China, das lange mit hohen Wachstumsraten als ein Motor der Weltwirtschaft galt, stockt die wirtschaftliche Entwicklung. Die Weltbank erwartet, dass die Volkswirtschaft 2022 nur noch um 2,8 Prozent zulegen wird. Erstmals seit 30 Jahren fallen die Wachstumsraten des Landes damit hinter die Zuwachsraten der asiatischen Region zurück. Der Grund dafür liegt zum einen in der strikten Null-Covid-Politik  der chinesischen Regierung, wegen der zuletzt immer wieder Teile der Wirtschaft lahmgelegt wurden. Zum anderen litten zuletzt viele Landesteile und die dort angesiedelten Unternehmen unter einer heftigen Dürre, zudem steht die Immobilienbranche Chinas vor großen Problemen.

Das Verhältnis zu den ausländischen Konzernen gilt als so angespannt wie nie in den vergangenen Jahren. Und vor allem angesichts des Ukraine-Kriegs und des Taiwan-Konflikts steigen die Spannungen weiter. Mit den USA, aber auch mit Europa. Liu Hes Nachfolger wird daher auch die wichtigste Weichenstellung für die Zukunft mit beeinflussen: Ob China weiterhin für globale Zusammenarbeit mit anderen Staaten und Unternehmen aus dem Ausland eintritt – oder es auf eine zunehmende Abschottung setzt. Für Teile der deutschen Wirtschaft ist diese Frage existenziell.

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