Kohle wird knapp Stromausfälle lähmen Chinas Industrie

Das nächste Mangelproblem bedroht die Weltwirtschaft: Weil Chinas Kraftwerke zu wenig Kohle bekommen, häufen sich Stromausfälle. Banken senken ihre Wachstumsprognose.
Öfter rauchfrei: Blick auf Kohlekraftwerk in Shanghai

Öfter rauchfrei: Blick auf Kohlekraftwerk in Shanghai

Foto: HECTOR RETAMAL / AFP

In China wird Privathaushalten und Unternehmen immer öfter der Strom abgeschaltet - auch großen Firmen, die für den Export produzieren. Die US-Investmentbank Goldman Sachs senkte deshalb ihre Prognose für das chinesische Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 8,2 auf 7,8 Prozent. Ursache für die Stromknappheit sind Lieferengpässe bei der Kohle, von der nach wie vor ein Großteil der chinesischen Stromerzeugung abhängt.

Kohle wiederum ist knapp, weil der anhaltende Handelsstreit mit Australien, dem weltweit zweitgrößten Kohleexporteur, dazu geführt hat, dass Lieferungen nach China stark eingeschränkt wurden. Zudem verschärften die lokalen Behörden die Sicherheitsstandards für chinesische Bergwerke, nachdem es zu einer Reihe von Unfällen gekommen war.

Zu wenig Kohle, zu wenig Strom: 20 Provinzen haben seit Mitte August Stromsperren verhängt, darunter die Industriezentren Guangdong, Zhejiang und Jiangsu. Betroffen davon waren auch Zulieferer für Apple oder Tesla. Behördenangaben zufolge überstieg die Stromnachfrage im Land im ersten Halbjahr das Niveau von vor der Corona-Pandemie. Die Kohlepreise sind an den chinesischen Terminmärkten in den vergangenen drei Monaten um rund 50 Prozent gestiegen.

Einkaufszentren schließen früher, keine Straßenbeleuchtung

Goldman Sachs ist bereits die zweite Bank, die ihre Vorhersage für Chinas Wirtschaftswachstum revidiert. Am Montag hatte die japanische Nomura-Bank ihre Prognose auf 7,7 Prozent gesenkt. Auch sie verwies dabei auf eine steigende Zahl von Fabriken, die wegen Umweltschutzvorgaben der Regierung oder aufgrund steigender Energiepreise und Kohleknappheit ihre Produktion unterbrechen mussten.

Die Stromknappheit hat auch Auswirkungen auf den Alltag in einigen Regionen. In der Provinz Liaoning im Nordosten waren laut lokaler Medienberichte Straßenbeleuchtung und Ampeln abgeschaltet. Einkaufszentren mussten laut Beschwerden von Bürgern im Internet früher schließen, ein Supermarkt wurde mit Kerzenlicht erhellt.

Auch in der Hauptstadt Peking soll der Strom in den kommenden Tagen mehrfach abgestellt werden - wegen "geplanter Wartungen", wie der Stromversorger State Grid auf AFP-Anfrage mitteilte. Staatliche Medien führen die geplanten Abschaltungen hingegen auf die Stromknappheit zurück.

Größere Folgen als Evergrande-Krise

Chinas Stromkrise droht Analysten zufolge größere Folgen für die Wirtschaft zu haben als das Schuldenproblem beim Immobilienentwickler Evergrande. "Die Evergrande-Krise entwickelt sich schon seit geraumer Zeit, und ich denke, dass die Risiken gezielt entschärft werden", sagte Hedgefondsmanager Yuan Yuwei von Water Wisdom Asset Management. Die Stromausfälle würden hingegen das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage stören. Das wiederum wirke sich direkt auf den Konsum und die Realwirtschaft aus. "Die Folgen werden eher außer Kontrolle geraten", warnte Yuan.

Das setzt die Profitabilität unter Druck. Das Gewinnwachstum der chinesischen Industrieunternehmen hat sich im August bereits den sechsten Monat in Folge abgeschwächt. Die Überschüsse legten nur noch um 10,1 Prozent zum Vorjahresmonat zu. Die Aktien chinesischer Chemieproduzenten, Automobilhersteller und Schifffahrtsunternehmen sind gefallen, während Aktien aus dem Bereich der erneuerbaren Energien in die Höhe geschnellt sind. Ein Börsenindex, der Nichteisenmetallhersteller wie Kupfer- und Aluminiumunternehmen abbildet, ist in diesem Monat bereits um 15 Prozent gefallen. Die Aktien der größten Stahlhersteller Chinas sind eingebrochen: Baoshan Iron & Steel und Angang Steel haben seit ihren jüngsten Höchstständen von Mitte September jeweils mehr als 20 Prozent verloren.

Die Produktion von Stahl, Aluminium und Zement sowie der Bau von Infrastrukturen seien von den Stromausfällen und Lieferbeschränkungen unmittelbar betroffen, schrieben die Analysten von Morgan Stanley. Die Probleme könnten auf weitere Branchen wie die Schifffahrt und die Autobauer übergreifen. Yang Tingwu, stellvertretender Geschäftsführer des Hedgefondshauses Tongheng Investment, sagte, er bevorzuge jetzt Unternehmen mit wenigen Fabriken. Chinas Beschränkungen für Energie- und Kohlenstoffemissionen seien "auf kurze Sicht schlechte Nachrichten für die Gesamtwirtschaft".

Wegen der großen Stromnachfrage baut China weiterhin neue Kohlekraftwerke, hat als Beitrag zum Klimaschutz aber einen Stopp von Exportfinanzierungen für neue Anlagen im Ausland angekündigt. Im Inland soll die Erzeugung aus fossilen Quellen später ebenfalls heruntergefahren werden. Die Notwendigkeit, weniger Kohle zu verfeuern, gilt auch als wichtiger Antrieb für Chinas Durchgreifen gegen Kryptowährungen wie Bitcoin, deren Erzeugung viel Strom verbraucht.

ak/AFP, Reuters
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