Montag, 18. November 2019

Reize den Drachen nicht Warum China den Handelskrieg gewinnt ...

Wirkungsvoll: Feuerdrachen-Tanz am Neujahrsfest in Shangqiu.

Statistisch eröffnet die amerikanische Starbucks-Kette alle 15 Stunden einen neuen Coffee Shop in China. Der Fast-Food-Gigant Yum (wichtigste Marken: KFC und Pizza Hut) will in China in den nächsten 15 Jahren rund 15 000 Restaurants aufmachen. Nike und Gap bauen stetig ihr Ladennetz aus. Ebenso Häagen-Dazs und Dunkin' Donuts. Auf Chinas Strassen rollen immer mehr Chevrolets und Fords. Und für Apple ist China inzwischen der wichtigste Markt.

Die US-Konzerne sind groß im Geschäft mit der gigantischen chinesischen Verbraucherschar. Aber das könnte jetzt für sie zu einem großen Problem werden. Denn China und die USA sind mitten in einem von Donald Trump angezettelten Handelskrieg.


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Erst erhoben die USA Zölle auf chinesische Waren im Wert von 50 Milliarden Dollar. Die Chinesen reagierten, indem sie ebenfalls Zölle auf US-Waren in gleicher Höhe erheben. Nun stehen wir vor der nächste Runde: Trumps Handelskrieger planen Strafzölle auf China-Produkte über 200 Milliarden Dollar und machen dabei einen großen Fehler.

Die Amerikaner schielen nur auf die Zölle und fühlen sich schon als Sieger, schließlich könnten sie - so ihre simple Logik - wegen des Handeldefizits viel mehr Waren aus China mit Zöllen belegen als umgekehrt: 500 Milliarden Dollar versus 130 Milliarden Dollar.

Aber das ist viel zu kurz gedacht und zeigt, dass in Washington eher die Dilettanten sitzen, in Beijing dagegen die Strategen. Denn die Chinesen haben viel mehr Pfeile in ihrem Köcher als nur Strafzölle. Sie beherrschen das Spiel der kleinen handelspolitischen Nadelstiche nahezu perfekt. Sie wissen, wie sie ausländische Firmen empfindlich piesacken können. Protektionistische Akupunktur sozusagen.

Eine aktuelle Studie des Center for a New American Security ("China's Use of Coercive Economic Measures") listet auf, welche handelspolitischen Folterinstrumente die Chinesen in ihrem Werkzeugkasten haben und wie sie sie auch anwenden. Sie reichen von Importbeschränkungen über Boykottaufrufe bis hin zu restriktiven Anwendungen von Sicherheitsbestimmungen.

In der Vergangenheit haben die Chinesen immer wieder in den Instrumentenkasten gegriffen. Zuletzt gegen koreanische Firmen. Als Südkorea den USA erlaubte, auf seinem Boden ein Raketenabwehrsystem zu installieren, reagierte China prompt. Besonders betroffen war der koreanische Lotte-Konzern, ein gigantischer Gemischtwarenladen. Er hatte 115 Warenhäuser in China. Plötzlich entdeckten die chinesischen Behörden in einem Teil der Lotte-Läden Verstöße gegen die Feuerschutzbestimmungen und machten sie einfach dicht. Vor manchen Lotte-Shops waren rote Banner gespannt, wo auf weißen Lettern stand: "Haut ab aus China".

Auch Japans Unternehmen bekamen immer mal wieder den Zorn zu spüren, wenn Japans Politiker den Yasukuni-Schrein (wo auch Kriegsvverbrecher verehrt werden) besuchten oder der Streit um die Senkaku/Diaoyu-Inseln eskalierte. Dann ziehen protestierende Chinesen vor japanische Auto- und Warenhäuser, skandieren markige Worte und rufen schon mal zum Boykott japanischer Waren auf.

Das waren bislang eher kleine Scharmützel, die aber zeigen, zu was Chinesen fähig sind, wenn sie proviziert werden. Und das werden auch die amerikanischen Unternehmen spüren, wenn Trump & Co. meinen, sie müssten den Handelskrieg weiter eskalieren lassen.

Wehe, man reizt den Drachen.

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