Lehren aus dem China-Crash Weltwirtschaft am Wendepunkt - aber kein Grund zur Panik

Die Märkte haben das Vertrauen in die chinesische Regierung verloren - die Chinesen selbst offenbar auch. Kurzfristig könnte sich das Börsenbeben daher fortsetzen. Langfristig ist die Ansteckungsgefahr für die Weltwirtschaft aber nicht so groß, wie uns Panikmacher glauben machen wollen.
Von Klaus Martini
Foto: AFP

Bis zum vergangenen Sommer schien alles normal zu sein. Obwohl gerade wir Deutschen immer wieder große Zweifel an Chinas Wirtschaft hatten, entwickelten sich das Land und die Region über viele Jahre prächtig - zunächst als verlängerte Werkbank der Industrienationen, dann als Produzent von Massenartikeln und nun als moderne eigenständige Industrienation. Damit einher ging ein Investitionsboom aus dem Ausland, Investitionen in Infrastruktur, Bildung, IT und Forschung ermöglichten einen einzigartigen Aufstieg. Heute ist das Reich der Mitte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit jahrelangen Wachstumsraten im Bereich von zehn Prozent und mehr.

Für die westliche Welt war das ein Glücksfaktor: Das hausgemachte Wachstum der Volkswirtschaften stotterte, und so kam es allen entgegen, sich neue Absatzmärkte zu erschließen und in diesen Niedriglohnländern billig produzieren zu können. Enorme Investitionen flossen in die Schwellenländer - nicht unbedingt immer effizient.

Die Weltwirtschaft profitierte einerseits vom Aufblühen der Schwellenländer, und die Industrieländer wurden andererseits durch die Nullzinspolitik der Zentralbanken am Leben erhalten. Allerdings führte beides zu enormen Blasen.

Klaus Martini
Foto: Mathis Beutel

Klaus Martini leitete viele Jahre die europäischen Aktienfonds der DWS, war der oberste Vermögens-verwalter der Deutschen Bank und Vorstand der Bank Wilhelm Finck. Seit März 2015 ist er Mitglied der Geschäftsleitung bei Plückthun Asset Management.

In der Vergangenheit haben niedrige (Zentralbank-)Zinsen meist den Transmissionsriemen der Kreditschöpfung in Gang gesetzt und somit Wirtschaftswachstum generiert. Nun war aber in den entwickelten Ländern die Kreditnachfrage der Unternehmen gering. Außerdem verlagerten die traditionellen und investitionsintensiven Industrien ihre Standorte in die Schwellenländer.

Wo floss das billige Geld hin? Zum einen in vermeintlich billige Assets: Die globalen Aktienmärkte stiegen - wenn auch unter kräftigen Schwankungen - zu neuen Höchstständen. Die Preise für Immobilien in attraktiven Lagen erreichten Niveaus, die kaum noch Mietrendite erwarten ließen. Auch für die schönen Dinge des Lebens, die keine laufende Rendite bringen, wie Oldtimer oder Kunst, zahlten Liebhaber astronomische Preise. Zum anderen floss das im Überfluss vorhandene billige Geld in vermeintlich sichere Zinsanlagen. Die Renditen für jede Art von Anleihen fielen auf historische Niedrigstände und machten es den langfristigen Anlegern schwer, ihre Zielrenditen einzuhalten. Die Jagd auf Rendite war eröffnet, mit der Konsequenz, dass viele Risiken heute völlig falsch gepreist sind.

Chinesen dürfen seit Jahresbeginn wieder 50.000 Dollar pro Kopf ins Ausland schaffen

Nun sind wir an einem Wendepunkt angekommen. China wächst langsamer - das wissen wir bereits länger. Doch seit Beginn des neuen Jahres fallen sowohl die dortigen Börsen als auch die Währung. Der schwache Yuan wird auch als Auslöser für die jüngste Verkaufswelle an den chinesischen Börsen gesehen. Vielleicht liegt das daran, dass ein chinesischer Bürger im Jahr maximal 50.000 US-Dollar ins Ausland schaffen darf, und dies nun mit Jahresbeginn wieder neu möglich ist.

Privatanleger sind aktuell die Hauptverkäufer an der Börse. Sie gehen mit Stop-Loss-Orders in den Markt und lösten somit immer wieder die nicht sehr zweckmäßigen Handelsstopps aus, die nun wieder abgeschafft wurden.

Der Wertverlust des Yuan dürfte auch andere asiatische Länder zu einer Währungsabwertung zwingen. Einige Marktbeobachter sprechen schon von einem Währungskrieg, durch den jedes Land - und nicht nur in Asien - seine Exportindustrie durch niedrigere Wechselkurse stimulieren will.

Aber warum erzittern weltweit alle Börsen, wenn die hauptsächlich von inländischen Anlegern dominierte Börse in China fällt? Weil die Situation neu ist.

Zinsen steigen, Wachstum schwächelt, Risiken steigen

Die Zinsen steigen - zumindest in den USA -, das Weltwirtschaftswachstum schwächelt, die Risiken steigen. Die wunderbare Welt des billigen Geldes, des unendlichen Wachstums und der damit verbundenen stetig steigenden Unternehmenserträge scheint allmählich zu Ende zu gehen.

Zudem ist die Lage in China für jeden institutionellen Anleger eine hochwillkommene Entschuldigung, Risiken im eigenen Portfolio zu reduzieren und Aktien zu verkaufen. Doch wie weit kann diese Korrektur gehen? Wenn Anlegergurus wie George Soros eine erneute Finanzkrise wie 2008 ausrufen, kann man dies nicht völlig ausschließen. Allerdings ging damals die Initialzündung von der Wall Street aus. Die "Ansteckungsgefahr" im Falle Chinas ist geringer.

Natürlich spüren wir alle die ökonomischen Krisen der Schwellenländer - allerdings auf sehr unterschiedliche Art. Die deutsche Börse zum Beispiel und insbesondere der Dax  sind stark in China "investiert". Außerdem ist Deutschland einer der global liquidesten Aktienmärkte. Hier können Anleger schnell rein, aber auch wieder raus. Die deutlich höhere Volatilität im Vergleich zu den USA ist das Ergebnis.

Die Märkte haben anscheinend momentan das Vertrauen in die chinesische Wirtschaft verloren; das wird kurzfristig sicher weiterhin die Stimmung trüben. Langfristig aber sollte man China nicht abschreiben. Der eingeleitete Wandel von einer export-, investment- und produktionsgetriebenen Wirtschaft zu einer service-, konsum- und innovationsgetriebenen Wirtschaft wird seine Wirkung nicht verfehlen. Und wo findet man heute noch Volkswirtschaften, die noch immer Wachstumsraten von sechs Prozent aufweisen?


Klaus Martini ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.