Samstag, 30. Mai 2020

Brexit und die Folgen Ökonomen, Banker und Manager warnen vor Brexit

Raus oder nicht? Die Frage über den Verbleib Großbritanniens in der EU entzweit die Menschen in der zuletzt zweitstärkste Volkswirtschaft.
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Raus oder nicht? Die Frage über den Verbleib Großbritanniens in der EU entzweit die Menschen in der zuletzt zweitstärkste Volkswirtschaft.

Wissenschaftler und Wirtschaftslenker warnen vor einem Austritt der Briten aus der EU. Ein Brexit hätte gravierende Konsequenzen für ganz Europa - weitere Risiken nicht inbegriffen.

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sieht neben drohenden unmittelbaren Folgen wie schwächerem Wachstum und weniger Handel auch die Gefahr, dass andere Länder später ebenfalls aus der Union ausscheren könnten. "Großbritannien könnte der erste Dominostein sein", sagte der DIW-Chef.

Ähnliche Referenden in Euro-Staaten wie Italien und Frankreich würden aus seiner Sicht eine noch gefährlichere Unsicherheit bringen als ein Abschied des Vereinigten Königreichs, das nicht zu den Mitgliedern der Eurozone zählt. Gefährliche Ansteckungseffekte zwischen der zuletzt zweitgrößten Volkswirtschaft Europas und den übrigen EU-Ländern schließt der Ökonom nicht aus. "Dann hat man wieder einen Mechanismus, der letztlich Europa und auch Deutschland wieder in die Rezession führen kann, so wie in der globalen Finanzkrise 2008 und 2009."

Der DIW-Chef verwies auf Studien, nach denen die britische Wirtschaft in den nächsten 15 Jahren um drei bis vier Prozent schrumpfen würde. Aber: "Meine größte Sorge gilt der Nachhaltigkeit des Euro. Andere Länder könnten fragen: Wollen wir eigentlich auch in der EU bleiben?"

In den mächtigen Zentralbanken steigt die Unruhe mit Blick auf die britische Abstimmung am 23. Juni. Nachdem sich schon der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, für einen Verbleib Londons in der EU ausgesprochen hatte, betonte Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau in der "Welt am Sonntag": "Falls es unglücklicherweise zu einem Brexit kommen sollte, wird dies kurzfristig für Instabilität auf den Finanzmärkten sorgen."

Später stelle sich die grundsätzliche Frage, wie Finanzgeschäfte im Binnenmarkt überhaupt weiter abliefen. Auch über die Eurozone hinaus sind der innereuropäische Handel und Kapitalverkehr eng vernetzt.

Ifo-Chef Clemens Fuest rechnet in Deutschland mit einem Wachstumsverlust im Fall eines britischen EU-Austritts. Langfristig könnte das Bruttoinlandsprodukts in Deutschland um bis zu 3 Prozent sinken, sagte der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung der "Rheinischen Post" (Montag).

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Schäden für die Konjunktur des gesamten Kontinents befürchtet auch der Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Achim Wambach. "In Großbritannien leben 13 Prozent der Einwohner von Europa, und Großbritannien macht 17 Prozent der Wirtschaftskraft aus", sagte er. "Ein Ausstieg wird nicht leicht zu verkraften sein." Und Vorbilder für ein solches Szenario gebe es bisher nicht.

Die in Großbritannien stark vertretene deutsche Autobranche hofft, dass der Brexit-Fall nicht eintritt. "Sollten auf beiden Seiten des Ärmelkanals wieder Zollschranken hochgezogen werden, würde diese Erfolgsstory sicherlich einen empfindlichen Dämpfer erhalten", sagte Verbandschef Matthias Wissmann dem Magazin "Börse Online". Der Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, stellte im "Tagesspiegel" (Montag) Risiken für die Banken und die Londoner City heraus: "Die größten Institute bekämen die größten Probleme."

Einige Dax -Konzerne rüsten sich für den Flurschaden, den ein Brexit anrichten könnte. "Extreme Positionen gewinnen in vielen Ländern an Bedeutung", meinte Henkel-Chef Hans van Bylen in der "Rheinischen Post". "Das ist kein gutes Umfeld für die Stabilität in der Gesellschaft und Wirtschaftswachstum."

In Hannover warnte der Finanzvorstand des Autozulieferers Continental die Briten davor, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. "Wir würden eine Fortsetzung der EU-Mitgliedschaft begrüßen, da ein Austritt die EU und auch Großbritannien schwächen würde", sagte Wolfgang Schäfer.

rei/dpa/Reuters

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