Schlachtermangel nach Brexit Erst Benzin, bald Würstchen - Briten sorgen sich um ihr Weihnachtsessen

Die Höfe sind voll, die Schweine werden immer fetter – aber der Fachkräftemangel in Großbritannien hat infolge des Brexit auch die Fleischindustrie erfasst. Die Branche warnt vor einer "aktuen Katastrophe".
Da war die Wurstwelt noch in Ordnung: Großbritanniens Premier Boris Johnson 2019 bei einem Wahlkampfauftritt

Da war die Wurstwelt noch in Ordnung: Großbritanniens Premier Boris Johnson 2019 bei einem Wahlkampfauftritt

Foto: POOL / REUTERS

Wegen eines Mangels an Schlachtern ist nach Ansicht eines britischen Branchenverbandes das Weihnachtsfestessen auf der Insel gefährdet. Es fehlten etwa 15.000 Arbeitskräfte, deshalb müsse sich die Branche auf einfache Arbeiten konzentrieren, wie etwa die Supermarktregale aufzustocken, teilte der Verband der Fleischproduzenten British Meat Processors Association (BMPA) der Zeitung "The Times" mit.

"Wir haben es geschafft, die Lebensmittelversorgung Tag für Tag am Laufen zu halten", sagte eine BMPA-Sprecherin. "Aber wir hätten bereits seit Juni oder Juli Weihnachtsessen produzieren sollen, aber das ging nicht, und deshalb wird es an manchen Dinge wie Partyspeisen oder Würstchen im Schlafrock mangeln." Die "pigs in blankets" sind ein typisches britisches Weihnachtsessen. Wie die "Times" berichtete, erwägt die Regierung nun, bis zu 1000 vorübergehende Arbeitsvisa für ausländische Fachkräfte als Soforthilfe auszugeben.

Großbritannien ächzt aktuell unter Versorgungsengpässen. Auch andere Branchen sind infolge der Covid-19-Pandemie und des britischen Austritts aus der Europäischen Union vom Fachkräftemangel schwer getroffen. Vor allem fehlt es an Lastwagenfahrern. Deshalb blieben zuletzt viele Regale leer, auch Benzin wurde knapp. Die Regierung will nun unter anderem bis zu 5000 ausländische Fahrer ins Land lassen und prüft laut Medienberichten, Soldaten als Fahrer einzusetzen.

Autofahrer in Großbritannien müssen nach Einschätzung der Regierung noch länger mit Engpässen bei Kraftstoffen rechnen. Es werde noch "etwa eine Woche" zu langen Schlangen an Tankstellen kommen, sagte Staatssekretär Kit Malthouse am Freitag dem Sender BBC Radio 4. Das würde bedeuten, dass auch der Parteitag der Konservativen Partei von Premierminister Boris Johnson von der Krise überschattet werden könnte. "Wir erleben weiterhin eine hohe Kraftstoffnachfrage in Teilen des Landes. Die Verteilungsmechanismen versuchen, auf diese beispiellose Nachfrage zu reagieren", sagte Malthouse. Die Situation stabilisiere sich aber. Zuvor hatte ein anderes Kabinettsmitglied gesagt, die Lage sei völlig unter Kontrolle. Dem widersprachen aber Branchenverbände. Ausreichend Kraftstoff ist zwar in Großbritannien grundsätzlich vorhanden. Seit Tagen haben die Ölkonzerne aber große Probleme, Benzin und Diesel an die Tankstellen zu bringen.

Der Verband der Schweinezüchter warnte vor einer "akuten Tierwohlkatastrophe". Weil die Tiere nicht geschlachtet werden könnten, reiche der Platz auf den Bauernhöfen nicht mehr aus, sagte der Chef der National Pig Associaton, Rob Mutimer, dem Sender BBC Radio 4. Es drohe eine Massenkeulung. Seine Schweine wögen normalerweise etwa 115 Kilogramm, nun hätten sie bereits 140 Kilogramm auf den Knochen. "Die Ställe und Einrichtungen sind einfach nicht für Tiere dieser Größe ausgelegt." Mutimers Verband rief am Freitag britische Supermärkte dazu auf, weiterhin britisches Schweinefleisch anzubieten, auch wenn Fleischprodukte aus der EU aktuell günstiger seien. Andernfalls drohe vielen Betrieben die Schließung.

luk/dpa