Großbritannien stimmt ab Drei Gründe, warum ein Brexit brandgefährlich wäre

Von Guntram Wolff
Es steht Spitz auf Knopf: Die Briten stimmen in wenigen Wochen über den Verbleib in der Europäischen Union ab. Befürworter und Gegner eines Austritts halten sich in etwa Waage

Es steht Spitz auf Knopf: Die Briten stimmen in wenigen Wochen über den Verbleib in der Europäischen Union ab. Befürworter und Gegner eines Austritts halten sich in etwa Waage

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Guntram Wolff
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Guntram Wolff ist Direktor des Bruegel-Instituts  in Brüssel.

Wenige Wochen vor dem Referendum in Großbritannien über einen Austritt aus der Europäischen Union erscheint der Ausgang ungewisser denn je. Einige Umfragen sehen das Lager der Europa-Befürworter leicht in Führung, andere sagen das Gegenteil voraus.

Aus Erfahrung weiß man, dass derart knappe Prognosen nichts besagen, außer dass das tatsächliche Ergebnis unvorhersehbar ist. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass das Vereinigte Königreich die EU verlässt, ist hoch genug, um sich ernsthaft über die Folgen eines solchen Schritts Gedanken zu machen. Jenseits der Probleme, die ein "Leave"-Votum für die Einheit Großbritanniens und die dortige Innenpolitik hätte, möchte ich drei zentrale Gefahren hervorheben.

1. Flucht von Unternehmen und Kapital

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Da sind zunächst die ökonomischen Konsequenzen eines Austritts. Viele internationale Unternehmen, darunter der japanische Hitachi-Konzern, haben angekündigt, im Falle eines Sieges der Europa-Gegner einen Teil ihres europäischen Geschäfts aus Großbritannien abzuziehen und in andere Länder zu verlagern. Einige amerikanische Banken mit Sitz in London haben in vertraulichen Gesprächen durchblicken lassen, dass die britische Hauptstadt als Standort für sie unverzichtbar ist - aber nur solange er rechtlich innerhalb der EU angesiedelt ist. Gleichzeitig ist die Europäische Union der wichtigste Handelspartner der Briten. Zweifellos hätte ein Austritt gravierende ökonomische Folgen.

Deren Ausmaß wird vom Ausgang der Verhandlungen abhängen, die auf eine Entscheidung gegen Europa folgen würden. Sollten die Briten den formellen Austrittsprozess starten, dürfte es etwa zwei Jahre dauern, bis die Modalitäten der Scheidung final ausgehandelt sind. Anschließend dürften viele weitere Jahre vergehen, bis Großbritannien mit allen Partnerländern, zu denen die Wirtschaftsbeziehungen derzeit auf EU-Ebene geregelt sind, neue Handels- und Investitionsabkommen ausgehandelt hat.

Es ist schwer vorherzusagen, was das Ergebnis all dieser neuen Verträge wäre. Aufgrund der Tatsache, dass Großbritannien verglichen mit der EU die weit kleinere Wirtschaftsmacht ist, fällt es mir aber schwer zu glauben, dass es den Briten gelingt, günstigere Konditionen als die aktuellen auszuhandeln. Die EU wird garantiert darauf bestehen, dass sämtliche neuen Handels- und Dienstleistungsverträge im Einklang mit dem EU-Binnenmarkt stehen.

Zudem werden die EU und ihre Institutionen höchstwahrscheinlich alle Finanzgeschäfte, die in Euro abgewickelt werden, auf den Kontinent zurückverlagern. Und sie könnten auch versucht sein, einen Schritt weiter zu gehen und noch mehr Kapitalmarktaktivitäten aus London abzuziehen.

2. Instabilität in Europa

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Die geopolitischen Folgen eines Austritts Großbritanniens aus der EU werden weithin unterschätzt. Die Europäische Union ist ein weltweit einmaliges Konstrukt, geschaffen nach dem Zweiten Weltkrieg, um dem Kontinent eine friedliche Zukunft auf Basis von Gesetzen und Behörden zu ermöglichen.

In der Praxis ist die Gemeinschaft inzwischen zu einem Forum geworden, in dem sich Vertreter aller 28 Mitgliedsstaaten täglich und auf allen Hierarchieebenen austauschen können. Die Bedeutung dieses Netzwerks ist kaum zu überschätzen. In einer Zeit, in der sich internationale Konflikte von harten militärischen Auseinandersetzungen zu "hybrider Kriegsführung" entwickeln, sind europäische Institutionen, informelle Kontakte und persönliche Vertrauensverhältnisse ein dringend benötigtes Element der Stabilität.

3. Zunehmender Populismus

Schließlich wäre ein Abschied Großbritanniens sowohl wirtschaftlich als auch politisch in hohem Maße nachteilig für alle verbleibenden EU-Mitglieder. Trifft ein Land eine basisdemokratische Entscheidung, die Union zu verlassen, wird dies die populistischen Strömungen in anderen EU-Staaten weiter anheizen. Die Forderungen, Sonderregelungen auszuhandeln, die mehr Vorteile und weniger Verantwortung bedeuten, dürften zunehmen.

Alle EU-Staaten, insbesondere Deutschland MeinungsMacher und Frankreich, müssen sich darauf vorbereiten, derartigen Tendenzen etwas entgegenzusetzen. Ein Ansatz könnte sein, den Austritt aus der Staatengemeinschaft möglichst teuer zu machen. Das wäre ein starkes Signal - doch es würde die Trennung nicht nur teuer für Großbritannien machen, sondern auch für alle anderen.

Und das in einer Zeit, in der Europa dringend seine langsame wirtschaftliche Erholung aufrechterhalten muss. Die Politik sollte daher alle Anstrengungen unternehmen, das Wachstum zu beschleunigen und die demokratische Legitimität der Europäischen Union zu stärken. Ein Austritt des Vereinigten Königreiches wäre in jedem Fall ein in hohem Maße disruptives Ereignis für Europa - sowohl ökonomisch als auch politisch. Politiker in aller Welt sollten darauf vorbereitet sein.

Guntram Wolff ist Direktor des Bruegel-Instituts in Brüssel und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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