Exklusiv - Welthandelsindex Brexit-Chaos - Handel der Briten mit Deutschland bricht ein

Schwieriges Verhältnis: Großbritannien will aus der EU austreten - es gibt aber noch kein Abkommen, für die Beziehungen nach dem Brexit.

Schwieriges Verhältnis: Großbritannien will aus der EU austreten - es gibt aber noch kein Abkommen, für die Beziehungen nach dem Brexit.

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Die Brexit-Uhr tickt, und derzeit sieht es nicht so aus, als sollte zwischen Großbritannien und der EU noch rechtzeitig ein Abkommen zustande kommen, welches einen geordneten Austritt der Briten aus dem europäischen Bündnis ermöglichen würde. Welche fatalen folgen ein somit drohender "harter Brexit" für die Wirtschaft haben kann, lassen aktuelle Zahlen des Kölner Instituts für Kapitalmarktanalyse (IfK) erahnen: Dem jüngsten Welt-Handelsindex zufolge, den das IfK regelmäßig herausgibt, und den manager magazin online exklusiv präsentiert, leidet der Handel der Briten mit der EU und insbesondere mit Deutschland gegenwärtig bereits enorm.

Insgesamt zeigt sich der Handel zwischen Großbritannien und dem Rest der Welt noch "ordentlich", gerade mit den USA und Asien, so das IfK. Im Güter- und Warenaustausch zwischen zyklischen Industrien von der Insel auf der einen sowie der EU und Deutschland auf der anderen Seite zeigten sich jedoch bereits klare Vorboten des Brexits.

"Der Handel mit Deutschland bricht bereits förmlich ein", so Markus Zschaber, Chef der Kölner Vermögensverwaltung VMZ, deren Tochter das IfK ist. Seinen Angaben zufolge reduzierten sich die deutschen Exporte in Richtung UK in den ersten sechs Monaten 2018 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um über 8 Prozent auf 8,7 Millionen Tonnen. Noch kräftiger verringerten sich demnach die Importe: Sie gingen um über 15 Prozent auf 7,6 Millionen Tonnen zurück.

Chemie- und Autobranche besonders betroffen

"Diese Entwicklung im Handel mit Großbritannien verdeutlicht die Herausforderungen, mit denen Unternehmen sich konfrontiert sehen, wenn Handelsgrenzen aufgebaut werden", so Zschaber. "Es bedarf an Freihandel und nachhaltiger logistischer Sicherheit um Kostenkalkulationen solide durchzuführen."

Tatsächlich suchen laut Zschaber jedoch deutsche Unternehmen schon jetzt nach Alternativen zu ihren britischen Lieferanten. "Genauso reduzieren viele britische Unternehmen ihre Produktionskapazitäten, da sich nach einem Brexit deutlich weniger Absatzchancen in der EU zeigen", so der Experte.

Vor allem zwei Branchen sind von der Entwicklung betroffen, so Zschaber: Die Chemieindustrie sowie die Autobranche. Wie das IfK errechnet hat, sanken in der hiesigen Chemieindustrie die Exportmengen Richtung Großbritannien um über 21 Prozent, während sich gleichzeitig die Importe um 5,5 Prozent reduzierten. Bei den Kfz-Teilen betrug das deutsche Exportminus 9,3 Prozent, während die Importe um 6,8 Prozent sanken.

Die Zahlen wirken bereits alarmierend. Für das IfK handelt es sich dabei jedoch lediglich um Vorboten für deutlich Schlimmeres, das noch kommen kann. "Die aktuellen Rückgänge sind nur eine erste Reaktion", so Zschaber. "Wenn nach dem Brexit Zölle und längere Lieferzeiten aufgrund von Zollformalitäten die bisherige Arbeitsteilung unwirtschaftlich machen, ist noch mit deutlich höheren Einbrüchen für die Handelsstrukturen zwischen den EU-Nationen und Großbritannien zu rechnen."

Vor allem ein ungeordneter Austritt Großbritanniens aus der EU, wie er sich gegenwärtig abzeichnet, bereitet dem IfK Sorgen. "Fakt ist, dass ein harter Brexit ein absolutes Desaster wäre, das in Europa Zehntausende von Unternehmen und Hunderttausende von Arbeitnehmern auf beiden Seiten des Ärmelkanals in größte Schwierigkeiten bringen würde", glaubt Zschaber. "Fast 5 Prozent unseres deutschen Wirtschaftswachstums hängt direkt oder indirekt am Handel mit den Briten. Die Politik sollte dies endlich berücksichtigen und vernünftig mit ihrem Mandat umgehen", so der IfK-Chef.

Der Welt-Handelsindex steht derzeit bei 77,9 Punkten. Das bedeutet, dass der Welthandel zwar wächst. Größere Wachstumsimpulse für die Weltwirtschaft gehen von ihm jedoch nicht aus.

Der Welt-Handelsindex steht derzeit bei 77,9 Punkten. Das bedeutet, dass der Welthandel zwar wächst. Größere Wachstumsimpulse für die Weltwirtschaft gehen von ihm jedoch nicht aus.

Gegenwärtig deutet allerdings wenig darauf hin, dass sich die Politik diesen Appell zu Herzen nehmen könnte. Erst am vergangenen Wochenende hatte der britische Finanzminister Philip Hammond vor einem drohenden "harten Brexit" gewarnt. Hammond stellt am Montag im britischen Parlament den geplanten Haushalt seiner Regierung für das kommende Jahr vor. Zuvor hatte er in mehreren Fernsehinterviews gesagt, der Haushalt sei Makulatur, sollte nicht rechtzeitig vor dem EU-Austritt im März 2019 ein Brexit-Abkommen mit der EU geschlossen werden.

Das Land müsste dann "in eine andere Richtung gehen" und "fiskale Puffer" einbauen, sagte Hammond der BBC. Schattenkanzler John McDonnell von der oppositionellen Labour-Partei sieht sich dadurch in seiner Befürchtung bestätigt, dass die Konservativen das Land in ein Steuerparadies verwandeln wollen.

Hintergrund: Die Austrittsverhandlungen stecken derzeit in einer Sackgasse. Umstritten ist vor allem, wie künftig Grenzkontrollen zwischen dem EU-Mitglied Republik Irland und dem britischen Nordirland verhindert werden sollen. Befürchtet wird, dass der brüchige Frieden in der ehemaligen Bürgerkriegsregion zerbrechen könnte, sollten an der Grenze wieder Schlagbäume runtergehen.

Vor dem Hintergrund ist auch der CSU-Europapolitiker Manfred Weber skeptisch, dass ein Vertrag für den EU-Austritt Großbritanniens noch zustande kommen wird. "Die Zweifel wachsen, ob ein Austrittsabkommen gelingt, für das die britische Premierministerin May dann auch eine Mehrheit im Parlament bekommt", sagte der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Die britische Politik hat sich innerlich blockiert mit diesem Brexit - und findet keinen Ausweg."

Nur eins scheint in der Brexit-Debatte gegenwärtig festzustehen, und das ist das Austrittsdatum: Am 29. März 2019, so der gegenwärtig Stand, wird Großbritannien die EU verlassen - entweder mit Abkommen oder ohne.

mit Material von dpa-afx
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