Schwächelnde Industrie Britische Wirtschaft schrumpft weiter

250.000 Briten droht die Armut. Premier Boris Johnson wollte das mit einem Aufschwung der Wirtschaft verhindern – doch die sinkt weiter ab. Am deutlichsten verringerte sich die Industrieproduktion im Vereinigen Königreich.
Der britische Premierminister Boris Johnson (57) verfehlt den großen Plan des Wirtschaftswachstums

Der britische Premierminister Boris Johnson (57) verfehlt den großen Plan des Wirtschaftswachstums

Foto: Chris Ratcliffe / POOL / EPA

Für die inflationsgeplagte britische Wirtschaft hat das Frühjahr überraschend mit einem Fehlstart begonnen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP schrumpfte im April um 0,3 Prozent zum Vormonat, teilte das Statistikamt ONS am Montag mit. Ökonomen und Analysten hatten im Schnitt mit einem Mini-Wachstum der Wirtschaft gerechnet.

Der Abschwung fiel breit aus: Sowohl Dienstleister als auch Industrie und Baubranche schrumpften diesmal. Es sei das erste Mal seit Januar 2021 gewesen, dass all diese drei Hauptkomponenten des BIP rückläufig gewesen seien, erklärte das ONS. Bereits im März war die britische Wirtschaft um 0,1 Prozent geschrumpft. Am deutlichsten verringerte sich die Industrieproduktion, was laut Statistikamt an kräftigen Preisanstiegen und anhaltenden Problemen in den Lieferketten lag. Im Dienstleistungssektor belastete die rückläufige Nachverfolgungs- und Testaktivität des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS – eine Folge der entspannteren Corona-Lage.

250.000 Haushalte könnten in Armut abrutschen

Dabei ist ein großes Wirtschaftswachstum eigentlich Plan des britischen Premiers, Boris Johnson (57). Denn steigende Preise durch Inflation machen immer mehr Briten zu schaffen. Experten befürchten, dass in diesem Jahr weitere 250.000 Haushalte in extreme Armut im Vereinten Königreich abrutschen könnten.

Volkswirtschaftlich wäre nun eine steigende Produktivität die einzige Chance, den Wohlstand zu mehren, wie ein Bericht aus dem Economist zeigt . Doch Großbritannien hängt hinterher, Staat und Wirtschaft investieren zu wenig, wie die Analyse zeigt.

Premier Johnson verwies zuletzt im Unterhaus darauf, dass die Regierung den Bürgern bereits 150 Pfund Gemeindesteuer erlassen habe. Außerdem will er die Stromrechnungen im Herbst 2022 um 200 Pfund (rund 233 Euro) reduzieren – die Verbraucher müssen diesen Betrag allerdings später wieder zurückzahlen. Das verärgerte viele Briten. Johnson kämpft jedoch weiterhin mit anderen Problemen: seine während des Corona-Lockdowns gefeierten Partys hätten dem Premierminister beinahe das Amt gekostet. Nach Monaten der Kritik musste sich Johnson in der vergangenen Woche einem Misstrauensvotum seiner Konservativen Partei stellen.

Die Mehrheit seiner Parteikollegen sprach dem Premier aber ihr Vertrauen aus. Allerdings gilt allein die Abstimmung als schwerer Schlag. Einen freiwilligen Rücktritt lehnte Johnson, der sich mehrfach für "Partygate" entschuldigte, jedoch bislang vehement ab.

Britische Notenbank wird Zinsen wohl trotz Konjunkturschwäche erhöhen

Die britische Notenbank dürfte trotz des konjunkturellen Gegenwinds ihren Leitzins an diesem Donnerstag zum fünften Mal seit Dezember 2021 erhöhen. Damit will die Bank of England die starke Inflation bekämpfen, die nach ihren eigenen Prognosen am Jahresende bei Raten von mehr als zehn Prozent liegen wird - fünfmal so hoch wie eigentlich mit zwei Prozent angestrebt. Höhere Zinsen können den Preisauftrieb begrenzen - etwa durch eine Stützung der Landeswährung Pfund, durch die Importe günstiger werden. Sie machen aber auch Kredite für Investitionen und Konsum teurer, was wiederum das Wirtschaftswachstum bremsen kann.

mje, rei/dpa-afx/Reuters