Vertrag mit Brasilien BioNTech und Pfizer liefern Impfstoff in drei Preisklassen aus

Corona-Impfstoff nur für reiche Staaten? BioNTech und Pfizer melden weitere Deals mit Israel und Brasilien, die weniger pro Dosis zahlen müssen als die USA. Auch eine globale Initiative könnte Zugriff auf die deutsche Innovation bekommen.
Corona-Test mit indigenen Bewohnern am Amazonas: Brasilien ist weltweit mit am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen.

Corona-Test mit indigenen Bewohnern am Amazonas: Brasilien ist weltweit mit am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen.

Foto: TARSO SARRAF/ AFP

Nach der Erfolgsmeldung von der Wirksamkeit des von BioNTech und Pfizer entwickelten Impfstoffs gegen das Coronavirus rückt die Verteilung in den Blick. Die deutsche Biotechfirma und der US-Konzern hätten Interesse gezeigt, die globale Initiative Gavi zu beliefern, erklärte Gavi-Chef Seth Berkley (64) am Freitag vor Journalisten.

"Wir setzen unsere Verhandlungen mit mehreren Herstellern fort, zusätzlich zu denen, die sich unserer Vision einer gerechten und gleichmäßigen Verteilung von Impfstoffen bereits angeschlossen haben", erklärte Berkley. Der von Gavi und der Weltgesundheitsorganisation eingerichtete Fonds Covax habe bislang zwei Milliarden Dollar von staatlichen und privaten Geldgebern eingesammelt. Damit sei das Zwischenziel für dieses Jahr überschritten.

2021 würden aber weitere fünf Milliarden Dollar benötigt, um 92 Länder mit Impfstoffen zu versorgen, die sie sich aus eigener Kraft nicht leisten könnten. Covax solle eine Milliarde Dosen dafür zur Verfügung stellen.

Demnach rechnet die Initiative also mit Kosten von rund sieben Dollar pro Dosis - einschließlich des Personals und der aufwändigen Logistik . Beim BioNTech-Impfstoff ist für viele Länder fraglich, ob er sich überhaupt eignet, weil vermutlich eine Kühlung auf minus 70 Grad benötigt wird, damit der nach der neuartigen mRNA-Technik entwickelte Stoff nicht zerfällt.

Israel und Brasilien schließen Deals mit Pfizer und BioNTech

Die Nachricht, dass das Mittel von Pfizer und BioNTech bald als erstes zugelassen werden könnte, hat einen Run auf Deals ausgelöst. Israel habe einen Vertrag mit Pfizer unterschrieben, erklärte Minsterpräsident Benjamin Netanjahu (71) am Freitag. Mit acht Millionen Dosen könne die halbe Bevölkerung des Landes ab dem ersten Quartal geimpft werden. Zum Preis äußerte er sich nicht.

Auch Brasilien verhandelt nach Angaben von Pfizer über die Lieferung des mit BioNTech entwickelten Impfstoffs im ersten Quartal 2021. Das Mittel werde zu drei verschiedenen Preisen verkauft, sagte Pfizers Brasilien-Chef Carlos Murillo. Unterschieden werde zwischen zahlungskräftigen Ländern, Ländern mit mittlerem Einkommen wie Brasilien und Ländern mit geringen finanziellen Mitteln - diese sollen den Impfstoff deutlich günstiger bekommen als die Industrieländer.

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Bislang hat Brasilien einen Vertrag mit AstraZeneca für deren Impfstoff. Das südamerikanische Land ist weltweit mit am stärksten von der Coronavirus-Krise betroffen. Zuletzt meldete es 33.207 Neuinfektionen und 908 weitere Tote in Zusammenhang mit dem Virus. Eine Dosis von AstraZeneca soll nur rund 2,50 Dollar kosten, dafür haftet AstraZeneca aber auch nur sehr begrenzt, wenn durch die Impfung Komplikationen auftreten sollten.

Heftig gestritten wird in Brasilien zudem über einen Impfstoff des chinesischen Herstellers SinoVac, der mit dem Staat São Paulo auch eine Produktion vor Ort vereinbart hat, wovon Präsident Jair Bolsonaro (65) aber nichts wissen will.

"Benchmark" 19,50 Dollar pro Dosis

Industrieländer wie die USA zahlen für die erste Charge des BioNTech-Mittels 19,50 Dollar pro Dosis - da pro Patient zwei Dosen für eine Impfung nötig sind, kostet eine Immunisierung pro Patient 39 Dollar. Die Europäische Union hatte sich am Mittwoch bis zu 300 Millionen Dosen gesichert.

Deutschland stehen aus dem Kontingent, das nach Bevölkerungsgröße an die 27 EU-Staaten verteilt wird, rechnerisch rund 56 Millionen Einheiten zu. Die Bundesregierung rechnet allerdings mit 90 bis 100 Millionen Impfdosen für Deutschland, auch über eine bilaterale Vereinbarung mit BioNTech.

Merkel gegen Impfstoffnationalismus

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) erklärte, dass der in Deutschland entwickelte Impfstoff auch zuerst in Deutschland angeboten werden müsse. Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) betonte jedoch anschließend erneut den globalen Ansatz. Sie hatte schon im Sommer die Formulierung von Uno-Generalsekretär António Guterres (71) übernommen, die Covid-Impfung müsse ein "globales öffentliches Gut" werden. Die Weltgesundheitsorganisation warnt immer wieder vor "Impfstoffnationalismus", der den Erfolg im Kampf gegen die Pandemie gefährde.

Die Verhandlungen zwischen der EU und den Pharmaunternehmen hatten sich über Monate gezogen. Vor allem die Preis- und die Haftungsfrage standen dabei im Mittelpunkt. BioNTech und Pfizer hatten den mit der US-Regierung vereinbarten Lieferpreis von 19,50 Dollar (umgerechnet rund 16,50 Euro) pro Dosis als "Benchmark" bezeichnet.

Offiziell gibt es keine Auskunft über die nun ausgehandelte Höhe. Ein ranghoher EU-Beamter sagte der Nachrichtenagentur Reuters aber, man zahle weniger als die USA. Der Deal spiegele teilweise die finanzielle Unterstützung der EU und Deutschlands für die Entwicklung des Impfstoffs wider. Allerdings liege er deutlich über der 10-Euro-Marke.

Andere liefern deutlich billiger

Pfizer betont, ausdrücklich kein Staatsgeld der USA angenommen zu haben. Allerdings wurde die Forschung von der Europäischen Investitionsbank  gefördert. Zudem erhielt BioNTech 375 Millionen Euro vom Bund für den Aufbau einer eigenen Produktion in Deutschland.

Die EU-Kommission hat bereits mit einer Reihe von anderen Pharmakonzernen Liefervereinbarungen über Millionen Corona-Impfdosen ausgehandelt. Dazu gehören AstraZeneca, Sanofi/GlaxoSmithKline sowie Johnson & Johnson. Sondierungsgespräche wurden zudem mit der Tübinger CureVac und dem US-Biotechkonzern Moderna abgeschlossen.

Die dort ausgehandelten Preise liegen deutlich tiefer. Entscheidend dabei sei oft die Haftungsfrage, da hier hohe zusätzliche Gerichtskosten entstehen könnten. Der französische Arzneimittelhersteller Sanofi, der mit GlaxoSmithKline als Partner zusammenarbeitet, hatte mit der EU dabei einen Preis von etwa 10 Euro pro Dosis vereinbart und keinen Haftungsverzicht erhalten, während AstraZeneca Ansprüche nur bis zu einem bestimmten Schwellenwert haften würde, dafür aber nur 2,50 Euro pro Dosis erhält, sagte ein Beamter im September gegenüber Reuters.

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Die Mainzer Biotechfirma BioNTech und ihr US-Partner Pfizer hatten am Montag als weltweit erste Unternehmen positive Ergebnisse aus einer entscheidenden Studie mit einem Corona-Impfstoff verkündet. (Die Chronik des Projekts finden Sie hier. ) Demnach bietet ihr Impfstoff BNT162b2 einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19. Die beiden Partner gehen davon aus, in diesem Jahr noch 50 Millionen Dosen ausliefern zu können, 2021 dann weltweit rund 1,3 Milliarden. Ein Großteil davon ist schon durch die bisher abgeschlossenen Abkommen mit verschiedenen Staaten ausgebucht.

ak/la/lhy/Reuters/dpa
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