Kanzler in Kanada Kanada und Deutschland schließen Wasserstoffpakt

In Neufundland wollen Bundeskanzler Scholz und Premierminister Trudeau heute ein Abkommen zur gemeinsamen Herstellung von Wasserstoff unterzeichnen.
Fokus auf Energiethemen: Bundeskanzler Olaf Scholz mit dem kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau

Fokus auf Energiethemen: Bundeskanzler Olaf Scholz mit dem kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Deutschland und Kanada möchten künftig in vielen Bereichen enger zusammenarbeiten. Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau (50) sagte dabei nach einem Treffen mit Kanzler Olaf Scholz (64; SPD) in Montreal die Prüfung von Flüssiggas-Lieferungen (LNG) nach Deutschland und Europa zu. Die deutschen Autokonzerne Mercedes-Benz und VW wollen in Kanada Rohstoffe für die Batterieproduktion beziehen. Dazu sollen Absichtserklärungen unterzeichnet werden. Scholz betonte den ausdrücklichen Wunsch, die bilateralen Beziehungen zu vertiefen und sagte, dass man auch bei der Unterstützung der Ukraine eng zusammenarbeite.

Scholz hält sich derzeit zusammen mit Vizekanzler Robert Habeck (52; Grüne) drei Tage in Kanada auf und wird von einer größeren Wirtschaftsdelegation begleitet. Neben der engen Zusammenarbeit im G7-Rahmen ist der Grund für die Aufmerksamkeit vor allem der Rohstoffreichtum Kanadas. "Kanada verfügt über fast alle Rohstoffe, die Russland hat – aber es ist demokratisch, bietet verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen", sagte die Wirtschafts-Staatssekretärin Franziska Brantner (42; Grüne) der Nachrichtenagentur Reuters. Scholz dankte Trudeau aber auch dafür, dass Kanada eine im Land gewartete Siemens-Turbine für die Nord-Stream 1-Gaspipeline an Deutschland ausgeliefert habe. In Kanada war dies sehr umstritten.

Neufundland als günstiger Wasserstoff-Standort

Im Energiesektor sieht der Bundeskanzler Kanada vor allem als Lieferanten von Wasserstoff in den kommenden Jahren. Dazu wollen Scholz und Trudeau in dem abgelegenen Ort Stephenville in Neufundland ein Abkommen über eine stärkere Zusammenarbeit der beiden Länder bei Herstellung und Transport von Wasserstoff unterzeichnen. Neufundland gilt als günstiger Standort für die Produktion von grünem Wasserstoff, der mithilfe von erneuerbaren Energien erzeugt wird. Es gibt in der dünn besiedelten Region viel Wind und viel Fläche, um ihn in Energie umzuwandeln.

Bei der Nutzung von Wasserstoff entstehen keine Treibhausgase. Doch muss zur Herstellung mit großem Energieaufwand Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten werden. Klimafreundlich ist diese Elektrolyse nur, wenn dafür nachhaltig produzierte Energie verwendet wird, also etwa Strom aus Sonne oder Wind. Grundsätzlich kann Wasserstoff als Basis für Kraft- und Brennstoffe dienen, um etwa in Industrie und Verkehr Kohle, Öl und Erdgas abzulösen. Weil die Herstellung sehr energieintensiv ist, ist der Wasserstoff derzeit noch deutlich teurer als fossile Energieträger.

Scholz machte aber nach dem Treffen mit Trudeau keinen Hehl daraus, dass Deutschland auch gerne LNG aus Kanada beziehen würde. Dies ändere aber nichts daran, dass auch Deutschland klimaneutral werden wolle. Beide betonten die Notwendigkeit, die erneuerbaren Energien schneller auszubauen.

LNG-Terminals sind in Kanada aus Umweltgründen umstritten

"Wir schauen nach jeder Möglichkeit, wie wir den Deutschen und Europäern helfen können", sagte Trudeau in Anspielung auf den Wunsch der Europäer, sich möglichst schnell von russischem Gas unabhängig zu machen. Er verwies darauf, dass einige der Pläne für LNG-Terminals an der Ostküste Kanadas bisher nicht wirtschaftlich gewesen seien. Man müsse nun sehen, ob sich dies nach dem russischen Angriff auf die Ukraine geändert habe. Seitdem ist der Gaspreis so in die Höhe geschossen, dass auch andere Projekte wirtschaftlich werden.

Trudeau verwies auf den relativ langen Transport der Gasvorkommen im Westen des Landes an die Ostküste. Nur von dort könnte Europa beliefert werden. Die Regierung schaue aber, wie sie Genehmigungsverfahren erleichtern könne. Ansonsten versuche Kanada auf anderen Wegen mehr Erdgas auf den Weltmarkt zu bringen. Der Bau neuer LNG-Terminals ist in Kanada aber auch aus Umweltgründen umstritten.

Deutsche Autobauer denken zudem darüber nach, künftig aus Kanada wichtige Rohstoffe für E-Autos zu beziehen – und möglicherweise auch dort zu verarbeiten. Wie aus Unternehmenskreisen verlautete, will Mercedes-Benz am Dienstag am Rande des Kanada-Besuchs von Scholz eine Absichtserklärung über Rohstoffe unterzeichnen. Details stünden aber noch aus. Bei Volkswagen hieß es zu Spekulationen, auch der Wolfsburger Konzern könne eine solche Absichtserklärung unterzeichnen, dass man dies nicht kommentiere. Eine VW-Sprecherin bekräftigte aber, der Konzern arbeite am Aufbau von Batterie-Aktivitäten am vielversprechenden nordamerikanischen Markt. Eine Bestätigung zur geplanten Erklärung am Dienstag kam unterdessen aus kanadischen Regierungskreisen.

Eon und Uniper wollen grünen Ammoniak beziehen

Unterdessen wollen auch die Energiekonzerne Eon und Uniper die Dekarbonisierung vorantreiben – mit dem Bezug von grünem Ammoniak aus Kanada. Die Unternehmen hätten hierzu am Dienstag mit der kanadischen Entwicklungsgesellschaft EverWind Fuels Absichtserklärungen unterzeichnet, teilten Eon und Uniper mit. Die deutschen Versorger strebten die Abnahme von jährlich jeweils rund 500.000 Tonnen Ammoniak aus EverWinds Produktionsanlage "Point Tupper" in Nova Scotia an. Die Anlage soll 2025 den kommerziellen Betrieb aufnehmen. "Point Tupper" sei eine mehrstufige Anlage zur Produktion und zum Export von grünem Wasserstoff sowie Ammoniak – und zugleich die Erste ihrer Art an der Ostküste Kanadas.

hr/dpa-afx, Reuters
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