Freitag, 22. November 2019

Nach Einführung der Devisenkontrollen Argentinier plündern ihre Konten

Devisenhandel in Buenos Aires: Präsident Macri hat Kapitalmarktkontrollen eingeführt

Schlangen vor den Banken, Staatsanleihen auf Rekordtief, Landeswährung unter Druck: Die von der Regierung eingeführten Kapitalkontrollen sorgen in Argentinien für Unruhe. In der Hauptstadt Buenos Aires standen am Montag viele Menschen vor den Banken an, um ihre Einlagen abzuheben. "All die Leute heben ab, was sie haben, oder zumindest einen Teil davon, weil sie ihr Geld derzeit lieber zuhause haben wollen", sagte der 61-jährige Bankkunde Julio Novoa.

Die Regierung des wirtschaftsliberalen Staatschefs Mauricio Macri hatte am Sonntag ein Dekret veröffentlicht, wonach große Exporteure künftig eine Erlaubnis der Notenbank für den Kauf von Fremdwährungen und zur Überweisung von Devisen ins Ausland einholen müssen. Für Privatpersonen, die die US-Währung erwerben wollen, gilt künftig eine monatliche Obergrenze von 10.000 Dollar (rund 9100 Euro).

Mit dem Schritt will Argentiniens Regierung eine weitere Kapitalflucht aus dem hoch verschuldeten Land verhindern und die Abwertung der Landeswährung Peso stoppen - mit bisher begrenztem Erfolg: Zwar wertete der offizielle Kurs nach der Mitteilung um 0,88 Prozent zum Dollar auf, auf dem Schwarzmarkt fiel er hingegen um 0,8 Prozent auf einen Kurs von 63,5 je Dollar. Die Kurse für argentinische Staatsanleihen rutschten zugleich auf ein jeweiliges Rekordtief ab.

Kapitalmarktkontrollen sind "Zeichen der Verzweiflung"

Präsident Macri vollzieht mit den Kapitalkontrollen einen Kurswechsel. Er hatte die Präsidentschaftswahl 2015 nicht zuletzt mit dem Versprechen gewonnen, die drittgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas zu "normalisieren", die von der Vorgängerregierung bevorzugten Kontrollen aufzugeben. "All diese Maßnahmen haben Stabilität als zentrales Ziel", verteidigte Finanzminister Hernan Lacunza das Vorgehen.

Zentralbankpräsident Guido Sandleris bezeichnete das heimische Finanzsystem als "stark". Die Notenbank werde ihre strenge Geldpolitik trotz der Währungsrestriktionen beibehalten. Sie hat seit vergangenem Mittwoch fast eine Milliarde Dollar an Währungsreserven auf den Markt geworfen, um die Talfahrt des Peso aufzuhalten - ohne nennenswerten Erfolg. Finanzexperten wie Michael Bolliger von UBS Wealth Management sehen in den Kapitalkontrollen hingegen ein "Zeichen der Verzweiflung".

Das südamerikanische Land steht seit Wochen durch den Kursrutsch des Peso unter Druck, der seit dem 11. August zum Dollar annähernd ein Viertel an Wert verloren hat. Damals hatte der wirtschaftsfreundliche Präsident Macri eine Vorwahl gegen seinen linksgerichteten Herausforderer Alberto Fernandez verloren. Dieser gilt nun als Favorit für die Präsidentenwahl im Oktober. An den Finanzmärkten gibt es die Sorge, dass der Peso-Verfall dazu führen könnte, dass das Land seine Dollar-Schulden nicht mehr begleichen kann.

Ratingagentur Fitch rechnet mit "eingeschränktem Kreditausfall"

Alle drei großen Ratingagenturen stuften die Kreditwürdigkeit des Landes herab. Fitch korrigierte das Rating sogar von "CCC" auf "RD". Die Bewertung bedeutet "Restricted Default", also so viel wie eingeschränkter Kreditausfall, und ist nur eine Stufe vom Rating für Zahlungsausfall entfernt. Argentinien habe einseitig beschlossen, fällige Schuldtitel erst später zurückzubezahlen, teilte die Ratingagentur mit. Darum habe Fitch einen Zahlungsausfall bei dem Land festgestellt. Die Ratingagentur hatte erst Mitte August ihre Einschätzung gesenkt. Moody's stufte die Schulden von Argentinien von "B2" auf "Caa2" hinab. Damit gelten die Kredite des Landes bei der Ratingagentur jetzt als "extrem spekulativ".

Verschärft wurde die Krise vergangene Woche, als es Finanzminister Lacunza nicht gelang, auslaufende Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit neu zu finanzieren und er deswegen längere Laufzeiten ins Spiel brachte. Das hoch verschuldete Land will sich damit finanziell Luft verschaffen. Es geht um Bonds sowie um Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Gesamtwert von rund 100 Milliarden Dollar.

Argentinien befindet sich seit 2018 in der Rezession. Die Arbeitslosenrate in dem südamerikanischen Land war zuletzt angestiegen. Mit mehr als 55 Prozent hat Argentinien zudem eine der höchsten Inflationsraten weltweit.

mg/rtr, afp

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