Zölle, Rohstoffe, Drogen Die Geldquellen der Taliban

Die internationalen Hilfsmilliarden, von denen Afghanistan abhängt, sind vorerst blockiert. Doch die Taliban fanden schon als Miliz Wege, Geld einzunehmen wie ein Staat. Aus dem Rohstoffreichtum könnten die Islamisten noch mehr herausholen.
Taliban-Kämpfer: Kassen der Finanzkommission gefüllt

Taliban-Kämpfer: Kassen der Finanzkommission gefüllt

Foto: STRINGER / EPA

An die US-Konten der afghanischen Regierung kommen die neuen Machthaber in Kabul erst einmal nicht heran. Schon bevor die Taliban in den Präsidentenpalast einzogen, ließ US-Finanzministerin Janet Yellen (75) einen Flug mit Dollar-Noten stoppen und Konten mit Milliardenvermögen Afghanistans einfrieren. Auch Mittel des Internationalen Währungsfonds, deren Zuteilung in der kommenden Woche ansteht, wollen die USA blockieren. Die Zentralbankreserven von zuletzt neun Milliarden Dollar seien für die Taliban praktisch unerreichbar, schreibt der bisherige Gouverneur Ajmal Ahmady (43) auf Twitter.

Ähnlich zeigt sich Deutschland. "Wir werden keinen Cent mehr nach Afghanistan geben", kündigte Außenminister Heiko Maas (54, SPD) für den nun eingetretenen Fall eines neuen Gottesstaats an. Laut Weltbank ist die afghanische Wirtschaft "abhängig von Hilfe", die zuletzt noch 43 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachte.

Und doch haben die Taliban eine realistische Perspektive für ein Business as usual - zumindest nach den Maßstäben des ärmsten Landes Asiens nach mehr als 40 Jahren Krieg.

Schon in den vergangenen Jahren hat die radikalislamische Terrorgruppe eine Art Staat im Staat errichtet, der nicht nur in den von ihr beherrschten Gebieten die Kassen der von Gul Agha Ishakzai geführten Taliban-Finanzkommission füllte. Unterabteilungen kümmern sich laut einem Bericht  der dänischen Botschaft für das Overseas Policy Insitute (OPI) um Themen wie Elektrizität, Bergbau, Zölle oder Steinbrüche. Daneben bestehen eigene Kommissionen für Landwirtschaft oder die Verwaltung von Grundbesitz - und sogar für die einst verteufelten Nichtregierungsorganisationen, die als Verteiler der internationalen Hilfsgelder eine zentrale Stütze der afghanischen Wirtschaft bilden.

Blockiert: Lkw-Stau am pakistanisch-afghanischen Grenzübergang Torkham am Sonntag, wegen der Machtübernahme der Taliban vorübergehend von Pakistan geschlossen - einer der wichtigsten Orte für Zolleinnahmen

Blockiert: Lkw-Stau am pakistanisch-afghanischen Grenzübergang Torkham am Sonntag, wegen der Machtübernahme der Taliban vorübergehend von Pakistan geschlossen - einer der wichtigsten Orte für Zolleinnahmen

Foto: Hussain Ali / imago images/Pacific Press Agency

Zolleinnahmen am Straßenrand: "Informelle Steuern auf legale Güter"

Die Taliban treiben, religiös verbrämt, 2,5 Prozent des verfügbaren Einkommens als "Zakat" ein - eigentlich als Almosen für die Armen, aber auch genutzt zur Finanzierung des Kriegs. Auch reiche Bürger der Golfstaaten wie Katar, wo die Führung der Miliz seit Jahren residiert, spenden in dem Glauben, so ihre Pflicht als gute Muslime zu erfüllen. Im Land selbst wird zudem von Landwirten oder Händlern ein Zehntel des Ernteertrags als "Ushr" verlangt.

Laut einer in diesem August erschienenen OPI-Fallstudie  über die südwestliche Provinz Nimroz ist da zwar viel Willkür auch der lokalen Kommandeure im Spiel. Der Apparat habe sich in den vergangenen Jahren jedoch professionalisiert. Beispielsweise werde die Zahlung des Ushr quittiert, damit man nicht doppelt an die Taliban zahlen müsse. Außerdem gebe es feste Zahlstellen an der Landstraße.

Praktisch habe es für Bürger und Unternehmer kaum einen Unterschied gemacht, ob sie Geld an die Taliban, die nun geflohene Regierung oder deren Verbündete abgeben mussten: Die Höhe der Abgaben und die Methoden ähnelten sich stark. Besonders die Kontrolle der Grenzübergänge mit den dort erzielten Zolleinnahmen sei kriegsentscheidend. Mehr als drei Viertel der Taliban-Einnahmen in Nimroz seien "informelle Steuern auf legale Güter".

Nur ein kleiner Schnitt im großen Drogengeschäft

Der Drogenhandel hingegen mache selbst in dieser Hochburg des Mohnanbaus zur Opium- und Heroinproduktion nicht einmal ein Zehntel der Einnahmen der Taliban aus, der Großteil davon als Steuern auf die Produktion und den Export von Crystal Meth. Der an dem Bericht beteiligte Londoner Ökonom David Mansfield, der als führender Experte der afghanischen Opiumwirtschaft gilt, widerspricht Angaben sowohl der USA, der Vereinten Nationen als auch der Taliban selbst: Diese behaupten allesamt, die Taliban verdienten hunderte Millionen Dollar jährlich an dem Heroin, das weit überwiegend aus Afghanistan auf den Weltmarkt gelangt.

Um diesen Geldstrom zu blockieren, gaben die USA Milliarden für die Zerstörung der Mohnfelder aus - ein Fehler, glaubt Mansfield, und zwar derselbe Fehler, den auch die Taliban in ihrer vorigen Herrschaft vor 2001 begingen: Damals waren sie es, die aus religiösen Gründen das Drogengeschäft zu beenden versuchten. In Wahrheit sei es aber vor allem als Haupteinnahmequelle der Landbevölkerung wichtig.

Laut Weltbank leben 60 Prozent der afghanischen Haushalte von der Landwirtschaft. Afghanistan hat zwar noch mehr Exportgüter wie Granatäpfel oder Safran, doch nichts ist so lukrativ wie der Mohnanbau. Mansfield fand in der Provinz Nimroz heraus, dass die Taliban ihre Ushr-Abgabensätze auf Drogen nach dem Gewicht berechneten - und damit ihren Anteil in vielen Fällen auf "einen Bruchteil von einem Prozent" des Marktwerts beschränkten. So blieb mehr für die Schmuggler und Bauern.

Die Taliban zahlen auch mal drauf

"Einige Taliban haben wohl die Lektion gelernt, dass die Afghanen ihre Regierung nicht vor allem nach deren Religiosität beurteilen, sondern danach, ob sie ihren Lebensstandard verbessern kann", schreibt Thomas Ruttig vom Berliner Afghan Analysts Network in einem Bericht  für das Combating Terrorism Center der US-Marineakademie West Point.

Dem OPI zufolge finden sich auch Beispiele, wie die Taliban sogar Subventionen verteilten. Die Stromgebühren in ihren Gebieten richteten sich nach "fairen" Schätzungen, nicht nach dem tatsächlichen Verbrauch - und die Taliban zahlten drauf. Zudem erpressten sie Stromgesellschaft oder Mobilfunknetzbetreiber, ihren Service zu verbessern; auch wenn sie den Hebel ebenso für ihre eigenen Zwecke nutzten, beispielsweise die Telefonnetze nachts abschalten zu lassen.

Pipeline und Stromtrasse geplant

Sogar für internationale Investoren wollen die Taliban nun als Garanten auftreten. "Wir versuchen zum Wohlstand unseres Volks und der Entwicklung unseres Landes beizutragen, indem wir allen Projekten Schutz bieten", erklärte Taliban-Unterhändler Suhail Shaheen im Februar in Ashgabat, der Hauptstadt des Nachbarstaats Turkmenistan. Dabei ging es vor allem um eine Pipeline für turkmenisches Erdgas, deren Bau auf turkmenischer Seite fertig ist, in Afghanistan in diesem Jahr beginnen und dann über Pakistan nach Indien führen sollte. Auch eine Hochspannungsstromtrasse und eine Bahn sind auf der Route geplant.

"Saudi-Arabien des Lithiums" nur in der Fantasie

An der Infrastruktur hapert es gewaltig, bis auf die militärisch wichtigen Straßen entstand in den vergangenen 20 Jahren wenig von den immer wieder versprochenen Megaprojekten. Nur einige kurze Bahnstrecken mit Anschluss an die Netze von Iran, Turkmenistan und Usbekistan konnten eröffnet werden. Erst im November 2020 bekam Siemens Energy von der alten Regierung den Großauftrag, das Stromnetz landesweit auszubauen. Was daraus jetzt wird? Erstmal muss der Konzern seine Beschäftigten und Helfer in Sicherheit bringen - und dann seine "Präsenz hinterfragen", wie ein Sprecher dem "Handelsblatt" sagte. Kaum vorstellbar, dass Siemens sich mit den Taliban arrangieren könnte.

Eher schon die Chinesen wie die Staatskonzerne MCC und Jiangxi Copper, die schon 2008 für 2,9 Milliarden Dollar den Zuschlag erhielten, um das riesige Kupferlager von Mes Aynak zu erschließen. Doch die 30-jährige Lizenz ist bald zur Hälfte abgelaufen, ohne dass viel passiert wäre - außer Streit um Gebühren, Land, die nicht vorhandene Bahn, Korruptionsvorwürfe und zuletzt einen chinesischen Spionagering auf der Suche nach oppositionellen Angehörigen der muslimischen Minderheit der Uiguren.

Auch von einem indischen Konsortium, das 2011 einen Vertrag über das ebenso unerschlossene und riesige Eisenerzlager Hajigak schloss und dort elf Milliarden Dollar unter anderem in ein Stahlwerk zu investieren versprach, wurde lange nichts mehr gehört. Der Rohstoffreichtum galt immer als Schlüssel, die Wirtschaft jenseits von Agrar, Drogen und dem längst wieder abgeflauten Serviceboom der Hilfsorganisationen wachsen zu lassen. Afghanistan könne "das Saudi-Arabien des Lithiums" werden, zitierte die "New York Times" 2010 eine Schwärmerei des Pentagons. Der nun geflohene Präsident Ashraf Ghani, ein Weltbankveteran, warnte gar vor dem "Ressourcenfluch", also dass zu viel Geld auf einmal ins Land strömen und es abhängig machen könnte.

Stattdessen blieb es bislang bei kleinen, wilden Bergbauunternehmen, von denen die Taliban auch einen Teil ihrer Einnahmen gewannen. Schaffen ausgerechnet sie es jetzt, die lang ersehnten Großprojekte zu verwirklichen? Dann dürften sie erst recht ihren Schnitt machen.

ak/Reuters
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