Mittwoch, 24. Juli 2019

Abschluss Kommentarreihe: Wie stark ist Deutschland wirklich? Wirtschaftspolitik ohne Zukunft

Exportnation Deutschland: Deutschlands Top-Manager warnen vor Selbstüberschätzung - und fordern einen Kurswechsel von Merkel und Gabriel

Verspielt die deutsche Politik gerade die Wettbewerbsfähigkeit des Landes, fragte manager magazin online die Dax-30-Chefs. Die Mehrheit unserer Gastkommentatoren meint: Die Gefahr ist real.

Deutsche Vorstandsvorsitzende im Jahr 2014 sind eingehegt von politischen Beratern und Kommunikationsstrategen. Das Ergebnis sind in der Regel wirtschaftspolitische Pseudo-Positionierungen, angelegt um möglichst wenig Aufregung zu verursachen.

In der Kommentarreihe "Wie stark ist Deutschland wirklich?" fand das genaue Gegenteil statt. Wir hatten die Chefs der Dax-30-Unternehmen um ihre Position zu der Frage gebeten, ob Deutschland mit den jüngsten wirtschaftspolitischen Entscheidungen seine Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel setzt. Als Lenker stark internationalisierter deutscher Großkonzerne halten wir sie für exzellent qualifizierte Navigatoren. Bei neun Vorstandschefs trafen wir mit unserer Bitte auf starke, zum Teil furiose Meinungen.

Conti-Vorstandschef Elmar Degenhart antwortete mit einem glatten "Ja", das er dann selbstverständlich noch ausführlich begründete. Henkel-Frontmann Kasper Rorsted und MunichRe-Chef Nikolaus von Bomhard ("Der Trend geht in die falsche Richtung") urteilten ähnlich vernichtend. Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank formulierte etwas allgemeiner, in seinem Hauptpunkt, der Warnung vor deutscher Selbstüberschätzung, aber doch unmissverständlich.

Die anderen Kommentatoren konzentrierten ihre Schärfe auf einzelne Aspekte der großkoalitionären Wirtschaftspolitik. Michael Diekmann von der Allianz kritisierte die Rentenpolitik als "Schritt rückwärts", BASF-Chef Kurt Bock sowie Eon-Chef Johannes Teyssen rechneten konkret vor, wie die deutsche Energiepolitik den Standort Investitionen und damit Arbeitsplätze kostet.

Verzweiflung der Konzernlenker - und Ratschläge an die Regierung

Das ganze Ausmaß der Verzweiflung der Konzernlenker an der Politik zeigte sich aber an einem echten Tabubruch: konkreten Ratschlägen. Diekmann und von Bomhard bieten Public-Private-Partnerships an, um Deutschlands Energiezukunft zu finanzieren. Merck-Chef Karl-Ludwig Kley schlägt vor, sich doch jetzt endlich mal dem "Internet der Dinge" zuzuwenden.

Makroökonomie ist bekanntlich der Handel von Erwartungen. Von den 21 Dax-Chefs, die sich nicht positionieren wollten, sagte niemand mit der Begründung ab, im Großen und Ganzen laufe alles in die richtige Richtung. Es waren oft zeitliche, mitunter taktische Gründe, warum sie auf einen Kommentar verzichteten. Von denjenigen, die sich positionieren wollten, war einzig Herbert Hainer, der Adidas-Chef, in überwiegend besänftigender Grundstimmung.

Für Kanzlerin Angela Merkel und ihren Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ist das Signal, das von Deutschland Top-Managern ausgeht, also kristallklar: Die Zukunft des Wirtschaftsstandortes haben sie bislang sehr einseitig interpretiert. Es wird hohe Zeit, das zu korrigieren.

Folgen Sie Sven Clausen auf Twitter

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung