Henrik Müller

Globale Währungsrisiken Die dunklen Reserven der Notenbanken

Gigantische Geldspeicher haben die Geldbehörden weltweit angelegt. Was sich darin verbirgt, ist weithin unbekannt - ein enormes Unsicherheitsmoment für die Weltwirtschaft.
Yen, Euro, Dollar: Die Notenbanken großer Schwellenländer haben riesige Gelddepots aufgebaut - ihre Zusammensetzung bleibt jedoch im Dunklen. Die Notenbanken werden dadurch zu verdeckt agierenden Spielern

Yen, Euro, Dollar: Die Notenbanken großer Schwellenländer haben riesige Gelddepots aufgebaut - ihre Zusammensetzung bleibt jedoch im Dunklen. Die Notenbanken werden dadurch zu verdeckt agierenden Spielern

Foto: ? Kacper Pempel / Reuters/ REUTERS

Die Welterklärungsgleichung geht nicht auf. Wirklich befriedigend können die Physiker mit ihren Modellen bislang nicht erklären, wie sich die sichtbare Materie im Weltall bewegt. Deshalb haben sie sich einen Trick einfallen lassen: "dunkle Materie". Eine geheimnisvolle Substanz, von der niemand weiß, wie sie beschaffen ist.

In der Weltwirtschaft gibt es seit einiger Zeit ein ähnliches Phänomen: dunkle Reserven. Dabei handelt sich um Munitionsdepots, die insbesondere die Notenbanken großer Schwellenländer angelegt haben, über deren genaue Beschaffenheit sie aber schweigen. So bleibt unbekannt, in welchen Währungen diese Cash-Polster angelegt sind, welche Länder gerade Dollars oder Euros oder Gold auf den Markt werfen oder in großem Stil aufkaufen. Sie sind der Stoff, auf dem wüste Gerüchte sprießen.

Ein Unsicherheitsmoment in einer ohnehin nervösen Weltwirtschaft.

Was soll man davon halten? Handelt es sich um Waffen im globalen "Währungskrieg" (vor dem Bundesbank-Chef Jens Weidmann vorige Woche vor dem G20-Gipfel warnte), die einige Wirtschaftsgroßmächte einzusetzen bereit sind, wenn sie die Stunde für gekommen halten? Oder handelt es sich lediglich um Sicherheitspuffer gegen plötzliche Schocks?

Die Antworten bleiben offen, weil große reservehaltende Nationen wie China und die Golfstaaten sich in Geheimnistuerei üben. Sie bieten Nahrung für Verschwörungstheorien - nach dem Motto: Irgendwann präsentieren die neuen Herren der Weltwirtschaft ihren angeschlagenen westlichen Schuldnern die Rechnung.

Dunkle Reserven sind auf fast fünf Billionen Dollar gewachsen

Fest steht: Das Phänomen der dunklen Reserven ist inzwischen gigantisch. Fast fünf Billionen Dollar betrug ihr Wert Ende 2012, so weisen es die Statistiken des Internationalen Währungsfonds aus. Das ist etwa die Hälfte der globalen staatlichen Rücklagen (siehe Grafik links). Wie diese Gelder angelegt sind, in welchen Währungen, Edelmetallen oder Finanzprodukten sie stecken, das weisen die Statistiken nicht aus.

Vor 20 Jahren gab es praktisch keine dunklen Reserven. Sie gewannen an Bedeutung mit dem Aufstieg der Schwellenländer. Nach den Finanzmarktkrisen in den Emerging Markets in den Jahren 1997 bis 1999 begannen insbesondere asiatische Länder und Russland große Mengen an ausländischer Währungen zu bunkern.

Geschockt von der plötzlichen Kapitalflucht und den folgenden harten Auflagen durch den IWF, wollten sie sich gegen die Unbill der Weltfinanzmärkte immunisieren. Ihre Strategie: Künstlich niedrig bewertete Währungen sollten Exporterfolge sichern; die resultierenden Außenhandelsüberschüsse sollten in Form von westlichen Staatsanleihen, vor allem US-Treasuries, gespart werden.

Das war solange kein Problem, wie die Volkswirtschaften klein waren und die zurückgelegten Summen überschaubar. Doch seit der Westen, vor allem die USA, nach dem Platzen der New-Economy-Blase 2001 die Welt immer weiter mit Geld flutete, folgten die Schwellenländer diesem Kurs, um ihre Währungen am Aufwerten zu hindern und ihre Exporterfolge abzusichern.

Geldmengen und Wechselkurse werden massiv manipuliert

Immer größere Ungleichgewichte, immer weiter steigende Verschuldung - so rutschte die Welt in jene Krise, die sie bis heute in Atem hält, wie bei den Treffen von IWF, Weltbank und den G20-Staaten Ende voriger Woche wieder mal zu beobachten war.

Doch im Zuge der Dauermalaise hat das Phänomen der Giga-Reserven noch weiter an Bedeutung gewonnen. Der globale Währungskrieg ist längst im Gange. Geldmengen und Wechselkurse werden weltweit massiv manipuliert.

Die Folgen dieser Politik schlagen sich in den Bilanzen der Notenbanken nieder. In den entwickelten Ländern haben die Fed, die Bank of England, die EZB, die Bank of Japan inzwischen (überwiegend heimische) Vermögenswerte über 8 Billionen Dollar aufgekauft. Sie kaufen heimische Staatsanleihen, notleidende strukturierte Wertpapiere und dergleichen. Auch westliche Länder wie Japan und die Schweiz bauen beschleunigt Währungsreserven auf, um ihre Exportwirtschaft zu unterstützen.

Die Bilanzsummen der Notenbanken betragen heute mehr als 20 Prozent der Wirtschaftsleistung, doppelt soviel wie vor der Krise. Dabei wird es nicht bleiben: Gerade hat eine neue Runde des "Quantative Easing" begonnen, bei dem nun die Bank of Japan in neue Größenordnungen vorstoßen will.

Parallel dazu setzen auch die Schwellenländer auf monetäre Expansion. Inzwischen halten sie rund drei Viertel der weltweiten Währungsreserven; den größten Teil davon steuert China bei. In den Emerging Markets insgesamt betragen die Fremdwährungsrücklagen inzwischen 40 Prozent des BIP. Eine absurd hohe Relation. Und der überwiegende Teil davon wird als dunkle Reserven gehalten.

Flucht der Geldmanager in immer weitere Märkte

Selbst wenn man keine sinisteren Motive unterstellt, stellen die Reserven große Probleme dar. Notenbanken schüren inflationäre Entwicklungen, insbesondere blähen sie Kapitalmarktblasen auf. Weil sie nicht mehr nur passiv intervenieren - durch die Schaffung gigantischer Überschussliquidität, die nicht für Gütertransaktionen benötigt wird und deshalb in die Kapitalmärkte schwappt -, sondern nun auch aktiv eingreifen, indem sie in immer risikoreichere Anlageklassen investieren. Amerikanische oder deutsche Staatsanleihen werfen praktisch keine Zinsen mehr ab, deshalb gehen die staatlichen Geldmanager in immer weitere Märkte.

Eine Umfrage des Fachblatts Centralbanking zeigt: Mehr als die Hälfte der befragten Notenbanken reagieren auf die Niedrigzinsen, indem sie jetzt mehr Staatsanliehen mit zweifelhafter Bonität kaufen. 61 Prozent gehen zunehmend in Aktien, 47 Prozent in MBS- und 39 Prozent in ABS-Papiere, 44 Prozent in Rohstoffe, 21 Prozent sogar in Hedgefonds.

Gerade die dunklen Reserven haben damit das Potenzial, Märkte zu treiben und zum Absturz zu bringen. Sie werden zu einem massiven Unsicherheitsmoment für die Weltwirtschaft.

Eine paradoxe Situation: Eigentlich sollten die Notenbanken nervöse Märkte stabilisieren. Künftig dürften sie als große, verdeckt agierende Spieler zur Destabilisierung beitragen.