US-Bilanzsaison US-Konzernen droht Gewinnrückgang

An der Wall Street beginnt heute die Berichtssaison. Die Aussichten sind nicht erfreulich: Während die US-Börsen bereits sehr hoch gelaufen sind, befürchten Analysten den ersten Gewinnrückgang seit vier Jahren. Welche Branchen überraschen könnten.
Von Markus Gärtner
Börse in der Wall Street: Der Aluminiumhersteller Alcoa eröffnet heute Abend die Bilanzsaison

Börse in der Wall Street: Der Aluminiumhersteller Alcoa eröffnet heute Abend die Bilanzsaison

Foto: DPA

Vancouver - Der Kleinste gibt wie immer den Startschuss. Alcoa eröffnet heute nach Börsenschluss in New York den Bilanzreigen für das erste Quartal 2013. Die Analysten haben die Latte für die erwarteten Gewinne sehr niedrig aufgelegt. Es könnte daher einige positive Überraschungen geben.

Alcoa  selbst, von der Kapitalisierung her der kleinste Wert im Leitindex Dow Jones , leidet seit längerem unter der abgeschwächten Weltwirtschaft. Die Analysten haben in den vergangenen drei Monaten die Prognosen für den Gewinn je Aktie bei dem Aluminiumhersteller um 28 Prozent zurück geschraubt. Das entspricht im Wesentlichen dem Rückzug der Rohstoffpreise.

Die Aussichten sind also kurzfristig nicht erfreulich, obwohl Aluminium immer mehr Verwendung bei den Autoherstellern und Flugzeugbauern findet. Doch diese kämpfen selbst mit der Dümpelkonjunktur, vor allem in Europa.

Dennoch werden heute viele Börsianer, Firmenlenker und Fondsmanager sehr aufmerksam lauschen, was Alcoa-CEO Klaus Kleinfeld über den Zustand der globalen Wirtschaft zu sagen hat. Seine Einschätzung könnte die Erwartungen für den Verlauf der Bilanzrunde stark beeinflussen.

Zu wenig neue Jobs: Dämpfer für US-Konjunktur

In den USA haben die Hoffnungen auf eine kräftigere Erholung der Konjunktur am Freitag einen schweren Dämpfer erhalten. Nur 88.000 neue Jobs für die US-Wirtschaft im März: Volkswirte hatten mit doppelt so vielen neuen Jobs gerechnet.

In den vergangenen Wochen hatten sich viele Konjunkturbeobachter bereits Hoffnungen gemacht, dass die fortgesetzte Erholung am Immobilienmarkt - und die resistenten US-Verbraucher, die sich mit ihrem Konsum gegen höhere Steuern und stagnierende Reallöhne stemmen - für mehr Wachstum sorgen. Doch diese Hoffnung hat jetzt einen deutlichen Knacks bekommen.

Bill Gross, der Chef des weltweit größten Anleihefonds Pimco, hält 2 Prozent BIP-Wachstum im laufenden Jahr "für das Beste, was wir erwarten können." Nach einer Fortsetzung des Gewinn-Booms bei den an der US-Börse notierten Unternehmen hört sich das nicht an, zumal die Rezession in weiten Teilen der Euro-Zone anhält und die Erwartungen an China ebenfalls gelitten haben.

Die gedämpften Prognosen baumeln wie ein Schwert über der neuen Bilanzrunde. Dazu trägt natürlich bei, dass die Einzelhändler in den USA im vergangenen Monat 24.000 Stellen gestrichen haben. Das waren so viele wie seit dem Februar 2012 nicht mehr.

Corporate America: Erster Gewinnrückgang seit 2009 befürchtet

Mit Spannung werden also die Bilanzberichte von Retail-Riesen wie Wal-Mart  und J.C. Penney erwartet. Diese müssen nicht nur Käufer locken, die seit Januar höher besteuert werden. Sie müssen sich auch die wachsende Konkurrenz von Online-Händlern wie Amazon  vom Leibe halten. Das geht nur mit Preiskämpfen. Und die zehren an der Gewinnmarge.

Doch große Ketten wie Wal-Mart haben auch andere Sorgen. Der größte Einzelhändler der Welt - mit seinen 4.000 Länden allein in den USA - hat im Kampf gegen die Kosten so viele Stellen abgebaut, dass es seit einiger Zeit Probleme gibt, alle Regale rechtzeitig nachzufüllen. Das sorgte im Februar erstmals zu Berichten über enttäuschende Umsatzzahlen.

Dass über der Konjunktur - und damit über den Gewinn-Erwartungen - dunkle Wolken aufgezogen sind, haben Anleger und Investoren schon in der vorigen Woche gesehen. Goldman Sachs zum Beispiel stufte den Baugerätehersteller Caterpillar  auf "neutral" herab und drosselte dessen Gewinnprognose um 8 Prozent.

Nach Bloomberg-Schätzungen könnte am Ende der Bilanzrunde sogar ein Minuszeichen vor dem kollektiven Quartalsabschluss der US-Unternehmen stehen, mit einem Rückgang der Gewinne von 1,9 Prozent. Das wäre der erste Gewinnrückgang seit 2009.

Erwartungen an US-Konzerne tiefergelegt

Im Januar hatten die von der Nachrichtenagentur befragten Analysten noch einen Zuwachs von 1,2 Prozent für das erste Quartal in Aussicht gestellt. Laut dem Research-Unternehmen FactSet Research System hat seitdem jedoch fast jedes fünfte Unternehmen im S&P 500 die Gewinnprognose nach unten korrigiert. Nur jedes 20. Unternehmen hat sie angehoben.

Doch die Erwartungen sind so gering, dass Raum für Überraschungen bleibt. Das hat schon in den Quartalen zuvor geholfen. Im Schnitt der vergangenen vier Bilanzrunden haben zwei Drittel der Firmen die Analysten-Prognosen bei den Gewinnen geschlagen.

Besonders gedämpft sind die Erwartungen für den Technologiesektor. Dort sollen die Gewinne laut FactSet im ersten Vierteljahr um 3,7 Prozent gesunken sein. Das ist eine kräftige Revision nach unten. Denn vor ein paar Monaten wurde noch mit einem Anstieg von 1,3 Prozent gerechnet. Besonders Halbleiterhersteller sollen unter Druck stehen.

Gegen den Trend: Bei US-Banken soll es weiter aufwärts gehen

Weiter aufwärts soll es allerdings bei den Banken gehen. Die Geldhäuser sind der einzige Sektor im S&P 500, der keine reduzierten Prognosen hinnehmen musste. Die Kreditinstitute könnten am Ende nach Ansicht einiger Analysten sogar als der glänzende Gewinner der Bilanzrunde dastehen.

Der Grund: Mehr Aktivität im Investment-Banking und mehr Kredite im Hypothekengeschäft, das von der Erholung des Immobiliensektors profitiert. Und dazu bessere Ergebnisse im Eigenhandel, weil die Aktienkurse kräftig zugelegt haben. Der Dow Jones  kletterte im ersten Quartal um 11 Prozent.

Wie sich diese Effekte in der Quartalsabrechnung genau bemerkbar gemacht haben, wird zum Ende der Woche offenkundig: Am Freitag werden die US-Großbanken JPMorgan Chase  und Wells Fargo  ihre Zahlen präsentieren. Das wird der erste Höhepunkt in der heute beginnenden Bilanzrunde sein.

Banken gefragt: Aktienkurs von JP Morgan bereits kräftig gestiegen

Falls die jüngste Entwicklung der Aktienkurse ein Signal ist, dann ist mit guten Zahlen zu rechnen. Der Aktienkurs von JP Morgan ist seit dem jüngsten Zwischentief im November 22 Prozent gestiegen. Er hat Mitte März ein neues Vierjahreshoch markiert.

Die Finanzwerte waren schon in den Vorquartalen der Treiber bei den Gewinnzuwächsen gewesen. Im S&P 500 insgesamt wären die Gewinne im Schlussquartal 2012 ohne die Banken nicht um 2 Prozent gewachsen, sondern lediglich um 0,5 Prozent.

Dass die Gewinnentwicklung ohne die Banken schon in den Vorquartalen nicht mehr berauschend war, gilt manchen Beobachtern der Wall Street als Warnsignal. Sie verweisen auf die Verteilung zwischen Gewinnern und Verlierern in der Rally der Aktienkurse seit Jahresbeginn. Dabei haben defensive Werte wie Basis-Konsumgüter und Gesundheitsfirmen viel besser abgeschnitten als Industrieaktien, Rohstofffirmen und Produzenten von Nichtbasis-Konsumprodukten.

In der Tat: Was die Aktienkurse nach dem Tief im März 2009 lange Zeit am stärksten antrieb, war der sogenannte Überraschungsfaktor, Gewinne, die die Prognosen übertrafen. Seit dem vergangenen Jahr hat dieser Effekt stark nachgelassen. Jetzt machen sich die verschärfte Rezession in Teilen Europas bemerkbar sowie die zuletzt enttäuschenden Wachstumsraten in den USA.

Zittern vor den Apple-Zahlen

Mehr noch: Lange Zeit ab dem Start der Rally 2009 konnten Wall Street-Firmen ihre Gewinnmargen durch strikte Kostenmaßnahmen aufpolstern. Die Reserven hierfür sind weitgehend aufgebraucht.

Zu den wichtigen Trends, die Anleger und Investoren in der neuen Bilanzrunde auf dem Monitor behalten müssen, gehören aber auch die Entwicklungen im Technologiesektor: Der Tech-Riese Apple , das vor zwei Quartalen mit phänomenalen Umsatz- und Gewinnzahlen die komplette Bilanzsaison eigenhändig rettete, leidet derzeit unter dem Siegeszug von Samsung  und dem Vormarsch billigerer asiatischer Handys und Smartphones.

Weil viele Apple-Kunden zudem auf das neue iPhone warten - es soll im Sommer kommen - könnte im ersten Quartal die Umsatzprognose verfehlt worden sein. Das wäre ein sehr negatives Signal für die Berichtssaison.

Einzelhändler kämpfen gegen Amazon

Im Einzelhandel werden Target und Best Buy besonders zu beobachten sein. Beide Ketten versprechen ihren Kunden, die Billigpreise von Amazon  zu kontern. Wie diese neue Strategie sich auf die Bilanzen auswirkt, werden die Zahlen vom ersten Quartal erstmals zeigen.

Energiewerte werden ebenfalls viel Aufmerksamkeit finden. Kann First Solar  weiter Gewinne machen und SunPower  seine Margen noch einmal verbessern? Beide Firmen könnten von der Erholung am Immobilienmarkt und von der rasanten Zunahme der Solarinstallationen - 76 Prozent allein 2012, und mehr seit Jahresbeginn - profitieren.

Große Gasförderer wie Chesapeake könnten von der kräftigen Erholung der Erdgaspreise profitiert haben. Die Gaspreise haben in Nordamerika in den vergangenen Wochen wieder kräftig zugelegt. Finanzinvestoren hatten in Erwartung dieser Wende - und wegen des anhaltenden Schieferöl-Booms in den USA - seit 2011 rund 30 Milliarden Dollar in diese Industrie investiert.

Ford und GM leiden in Europa

Überraschungen könnte es bei den Autoherstellern in Detroit geben. Die Verkaufszahlen in der Pkw-Branche sind in den USA bis zuletzt robust geblieben. Das hat vor allem dem Absatz von kleinen Trucks geholfen. Auch das hohe Alter des privaten Fuhrparks in den USA macht sich bei den Verkaufszahlen bemerkbar. Es gibt anhaltend viele Ersatzkäufe.

Doch Ford  und General Motors  leiden unter dem schweren Einbruch der Verkaufszahlen in Europa. Beide Firmen wollen mit aufwändigen Restrukturierungsmaßnahmen bis Mitte des Jahrzehnts auf dem Alten Kontinent wieder in die Pluszone fahren.

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