Weltmacht China Peking fürchtet wiedervereinigtes Korea

China könnte dem Regime in Nordkorea ein schnelles Ende bereiten. Doch Peking wagt trotz ungewöhnlich scharfer Kritik am Verbündeten nicht den Sturz des Diktators Kim Jong Un. Das hat strategische Gründe.
Nordkoreas Diktator Kim Jong Un: 90 Prozent der Energieimporte kommen aus China - doch Peking hat kein Interesse daran, dem Regime ein Ende zu setzen

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un: 90 Prozent der Energieimporte kommen aus China - doch Peking hat kein Interesse daran, dem Regime ein Ende zu setzen

Foto: AFP/ KCNA

Es gibt eine sehr einfache Lösung des Nordkorea-Konflikts: China unterstützt seinen Nachbarn nicht mehr. China braucht nur kein Öl, keine Nahrungsmittel und keine Waffen mehr nach Nordkorea zu schicken - und das System Kim Jong Un kollabiert. Schließlich bezieht Nordkorea nach Berechnungen von Nicholas Eberstadt, einem Berater der Weltbank, 90 Prozent seiner Energieimporte und 45 Prozent seiner Lebensmittel aus China.

Aber warum greift China nicht zu dieser Lösung?

Sicher nicht aus Zuneigung zu dem Herrscher in Pjöngjang. Die chinesische Führung um den neuen Staatspräsidenten Xi Jinping regt sich genauso über den Despoten Kim auf wie die westlichen Regierungen. Zuletzt hat Xi dies deutlich am gestrigen Sonntag auf dem Boao Forum getan. In den vergangenen Jahren hat sich denn auch Peking sukzessive von Nordkoreas Führung distanziert. China verurteilte - wie der Westen - die Atomtests und trug die Sanktionsbeschlüsse der Vereinten Nationen mit.

Doch zu den allerletzten, regimetödlichen Schritten - zum Zudrehen des Ölhahns und dem Stopp der Lebensmittelexporte - ist China nicht bereit.

Das hat strategische und wirtschaftliche Gründe. Ein falliertes Nordkorea müsste notgedrungen von Südkorea aufgefangen werden. Und dieser neue chinesische Nachbar, das wiedervereinigte Korea, wäre dem westlichen Lager zuzurechnen. Schließlich ist Südkorea ein Verbündeter der USA, die dort derzeit ein großes Truppenkontingent von rund 29.000 Soldaten stationiert haben. US-Soldaten in einem Nachbarstaat - das ist für viele Polit-Strategen und Militärs in Peking eine äußerst unangenehme Vorstellung.

Chinas Furcht vor Umzingelung - und die Aktivität der USA im Pazifik

China fürchtet nämlich - nicht zu unrecht - eine Umzingelung durch die Amerikaner sowie deren Alliierte und Freunde. Spätestens seit Barack Obamas berühmter Canberra-Rede im November 2011 ist klar, dass sich die Amerikaner wieder verstärkt dem Pazifik zuwenden und den Einfluss der anderen, der neuen Weltmacht China eindämmen wollen.

Die USA dementieren eine solche containment policy, aber ihre Taten der vergangenen Monate und Jahre widersprechen den Worten.

Die USA aktivierten und reaktivierten unter anderen Militärbündnisse mit Japan, den Philippinen, Vietnam, Australien, Singapur und Indien. Außerdem fassen sie im sich gerade demokratisierenden Myanmar stärker Fuß. Ein vereinigtes, westlich-orientiertes Korea wäre ein weiteres Mosaiksteinchen in diesem Bild, das die Chinesen von der amerikanischen Umzingelung zeichnen.

Neben diesen geostrategischen Umwälzungen in Asien fürchtet China auch die wirtschaftlichen Folgen einer Wiedervereinigung Koreas. Zum einen würde sich ein massiver Flüchtlingsstrom über die lange Grenze ergießen. Zum anderen würde auch China unter den Folgekosten der Wiedervereinigung leiden. Denn diese würde für Südkorea teuer werden.

Kosten der Wiedervereinigung wären für Südkorea immens

Sehr genau und mit einer gehörigen Portion Erschreckens haben die Südkoreaner studiert und analysiert, was den Westdeutschen die Eingliederung des östlichen Landesteils gekostet hat. In Korea wären die Kosten viel höher. Von Beträgen jenseits der Ein-Billionen-Dollar-Grenze ist die Rede. Denn Nordkorea ist viel maroder als die ehemalige DDR.

In Korea müsste der Süden (rund 50 Millionen Einwohner) eine Norden mit knapp 25 Millionen Einwohnern alimentieren. Um eine Angleichung der Lebensstandard herzustellen, müssten deshalb enorme Transfersummen von Süd nach Nord fliessen, die die derzeit sehr robuste und wachstumsstarke südkoreanische Wirtschaft auf Jahre hinaus schwächen würde.

Und das würde auch China treffen. Denn Südkorea ist ein wichtiger Handelspartner und großer Investor in China. In Städten wir Dalian, Qingdao und Shenyang, die rund eine Flugstunde von Seoul oder entfernt sind, haben sich in den vergangenen Jahren große südkoreanische Cluster gebildet.

Die koreanischen Chaebols haben inzwischen Dutzende von Fabriken in China. Es hat sich eine für beide Seiten vorteilhafte Arbeitsteilung entwickelt.

Schwächung Koreas würde auch China empfindlich treffen

Die Koreaner sind viel stärker mit der chinesischen Wirtschaft verbunden als zum Beispiel die Japaner, denn gegen sie hegen die Chinesen keine historisch bedingten Ressentiments. Angesichts dieser Verflechtung würde eine Schwächung der koreanischen Wirtschaft auch China erheblich schaden.

Peking fürchtet also einerseits die Wiedervereinigung, will aber andererseits nicht weiter mit dem nachbarlichen Despoten zusammenleben. Wie könnte China aus diesem Dilemma entkommen? Es müsste das Regime in Pjöngjang zu wirtschaftlichen Reformen zwingen.

Schließlich hat ja China bewiesen, wie man aus einer maroden Kommandowirtschaft eine erfolgreiche Mischwirtschaft macht - und das unter Beibehaltung des politisch-autoritären Systems.

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