G20-Treffen in Moskau Währungskrieg bedroht Erholung Südeuropas

Devisenmanipulationen sind das zentrale Thema beim Treffen der G20, das heute in Moskau startet. Die Industriestaaten - besonders die geplagten Länder Südeuropas - fürchten das Schreckensszenario Währungskrieg. Die Hände reiben sich derweil andere: Spekulanten wie George Soros.
Von Martin Hintze und Maxim Kireev
Russische Zentralbank in Moskau: Die Notenbank ist Gastgeber des G20-Treffens der Finanzminister und Zentralbanker

Russische Zentralbank in Moskau: Die Notenbank ist Gastgeber des G20-Treffens der Finanzminister und Zentralbanker

Foto: REUTERS

Moskau/Hamburg - Vor dem Treffen der Finanzminister und Zentralbanker der G20 in Moskau muss Sergej Stortchak die Gemüter beruhigen. Denn Eigentlich wollte der stellvertretende Finanzminister und einer der Organisatoren des Gipfels über Schuldenabbau, Finanzmarktregulierung und Russlands Rolle beim Internationalen Währungsfonds (IWF) diskutieren. Stattdessen geistert das Wort Währungskrieg auf den Vorbereitungstreffen und durch russische Wirtschaftszeitungen, seit Alexei Ulyukaev, Vize-Chef von Russlands Notenbank, Japan eine gezielte Abwertung des Yen vorgeworfen hat.

Die japanische Währung hat seit November rund ein Fünftel ihres Wertes gegenüber dem Euro verloren. "Es wächst die Versuchung von Handelsprotektionismus, Währungskriegen und künstlich niedrig gehaltenen Wechselkursen nationaler Währungen", bekräftige Ulyukaev seine Kritik im Vorfeld des Gipfels.

Auf der offiziellen Agenda des Treffens steht die Manipulation von Wechselkursen allerdings nicht. "Es ist wichtig, dass Japan nicht auf dem Devisenmarkt intervenierte, um den Yen zu schwächen", schlichtet Stortschak. Zudem sei Japans Währung deutlich überbewertet gewesen. Mit anderen Worten: Die Notenbank tue nur ihren Job. Statt Tokio zu kritisieren, sollten lieber dringendere Probleme angegangen werden.

Den Gesprächsbedarf kann der stellvertretende Finanzminister allerdings nicht ignorieren. Selbst Stortschaks Ministeriumskollege Alexej Moisejew goss Öl ins Feuer. "Einen Währungskurs zu regulieren ist wie die Behandlung einer schweren Krankheit mit Schmerztabletten. Erstens hilft es nicht und zweitens kommen die Schmerzen wieder", sagte Moisejew.

Markige Worte aus Frankreich

Auch Wladimir Tikhomirov, Ökonom der Finanzgesellschaft Otkritie in Moskau, zählt die freie Wechselkursbildung zu den wichtigen Themen des Treffens. Die Zentralbank hat seiner Meinung nach mehr Angst vor einem Währungskrieg als das Finanzministerium. "Die Abwertung der wichtigsten Währungen würde die Devisenreserven der Notenbank schmelzen lassen", sagt Tikhomirov zu manager magazin online.

Außerdem wirke sich ein teurer Rubel negativ auf die Realwirtschaft aus. Seit September hat die russische Währung rund 20 Prozent an Wert gegenüber dem Yen und 8 Prozent gegenüber dem US-Dollar gewonnen. Schon vor der Krise hat der steigende Rubelkurs zusammen mit zweistelligen Leitzinsen zu einer Flut spekulativen Kapitals geführt. Umso härter stürzte die russische Wirtschaft in der Krise ein, mit einem Minus im Bruttosozialprodukt von 9 Prozent im Jahr 2009.

Weitaus größer ist die Furcht bei einem anderen G20-Mitglied: der EU. Immer wieder werden im Euro-Raum Stimmen laut, die Gemeinschaftswährung sei überbewertet. Die markigsten Worte fand François Hollande: Europa lasse seine Währung "den Launen des Marktes" ausgesetzt, kritisierte Frankreichs Präsident in der vergangenen Woche. Die Euro-Zone solle "ein mittelfristiges Wechselkursziel" setzen. Länder wie die USA oder China nutzten den Wechselkurs schließlich auch zur Unterstützung ihres eigenen Wachstums, so Hollande.

Draghis magische Worte

Nur zwei Tage später folgte die Replik der Europäischen Zentralbank (EZB). Europas oberster Währungshüter Mario Draghi bezeichnete die Aufwertung des Euro als "Zeichen der Rückkehr des Vertrauens" in die europäische Gemeinschaftswährung und verwies auf die Unabhängigkeit der EZB von der Politik. Allerdings habe die Notenbank die Aufwertung als potenzielles Risiko für Konjunktur und Geldwertstabilität im Blick.

Ein eleganter Schachzug des EZB-Präsidenten. Die Reaktion an den Divisenmärkten folgte prompt: Der Euro, der kurz zuvor auf ein 14-Monats-Hoch zum Dollar gestiegen war, fiel merklich: von 1,3650 Dollar auf 1,3350 Dollar. Beim Yen fiel die Bewegung ähnlich aus. "Durch die indirekte verbale Intervention hat Draghi den Euro geschwächt, ohne die Euro-Zone zu schwächen", sagt Bernd Berg, Währungsanalyst bei Credit Suisse.

Euro steigt wieder - Furcht nimmt zu

Doch die Wirkung von Draghis heilsamen Worten hielt nicht lange an. Die Gemeinschaftswährung steigt - und mit ihr auch die Furcht der Unternehmen in den Euro-Staaten vor schwerwiegenden Wettbewerbsnachteilen auf den Weltmärkten. Deutschlands so wichtige Exportwirtschaft hält die Folgen momentan für beherrschbar. "Die Exporteure sind auch mit 1,50 Dollar einigermaßen zurechtgekommen", sagt Alexander Schumann, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

Die Wirtschaftsverbände argumentieren, der Absatz deutscher Produkte im Ausland sei aufgrund von Qualitätsvorteilen weniger preissensibel. Die Sorgen können sie jedoch nicht leugnen. "Dass einige Staaten auf der Währungsseite die Muskeln spielen lassen, sehen wir mit höchstem Unbehagen", sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt beim Maschinenbauverband VDMA.

Hedgefonds machen Kasse

Stärker als die deutschen Exporteure trifft es nach Meinung der Experten die Peripherieländer Europas. "Der gestiegene Euro-Kurs kann die Rezession in den Südstaaten verlängern", sagt DIHK-Ökonom Schumann. Die zaghafte Erholung der Exporte in Griechenland, Portugal und Spanien gilt als ein Hoffungsschimmer in der schwelenden Staatsschuldenkrise. "Wenn die Länder sich nicht erholen, steigen indirekt auch die Risiken für deutsche Exporteure." Zumal knapp unter 40 Prozent der deutschen Ausfuhren in die Euro-Zone gehen.

Angesichts der hohen Risiken durch die Währungsmanipulationen übten die Finanzminister und Notenbankchefs der G7 noch vor dem G20-Treffen den Schulterschluss. In einer gemeinsamen Stellungnahme stellen sagten sie dem Abwertungswettlauf den Kampf an. Die Bestimmung der Wechselkurse sei eine Sache des Marktes. Ein Währungskrieg würde nur Verlierer kennen.

Das stimmt nicht ganz: Zumindest für Spekulanten hat sich das teilweise extreme Auf und Ab an den Devisenmärkten ausgezahlt. "Hedgefonds machen mit Devisenwetten sehr einträgliche Geschäfte", sagt Credit-Suisse-Stratege Berg. Euro zu kaufen und Yen zu verkaufen ist derzeit ein beliebter Schachzug von Investoren. Zu ihnen soll auch der US-Starinvestor George Soros gehören. Einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge hat er bei der jüngsten Abwertung des Yen rund eine Milliarde Dollar verdient. Das wäre so viel, wie er in den 90er-Jahren mit seinen Spekulationen gegen das britische Pfund einstrich. Mit seinen Warnungen vor einem Währungskrieg hatte Soros zuvor selbst für eine weitere Abwertung des Yen gesorgt.

Yen-Abwertung geht in neue Runde

Und die Gewinne dürften weiter kräftig sprudeln: "Nur ein eindeutiges Statement der G20-Staaten könnte momentan ein weiteres Abwerten des Yen verhindern. Doch damit rechnet niemand", sagt Berg. Zudem wird im März der Chefposten der japanischen Notenbank neu besetzt. Investoren erwarten in der Folge eine Ausweitung der expansiven Geldpolitik und wetten auf einen weiter fallenden Yen. "Der Markt ist extrem short positioniert", sagt Währungsexperte Berg. Bis Mai werde der Yen  bis auf 130 Euro beziehungsweise 97 Dollar fallen, prognostiziert der Credit-Suisse-Stratege.

Einfacher wird es für exportierende Unternehmen in der Euro-Zone dadurch freilich nicht. Und auch G20-Gastgeber Russland sieht die drohende Zuspitzung mit Sorge. "Seit 2011 hat die Zentralbank ihre Interventionen auf dem Devisenmarkt deutlich heruntergefahren", sagt Otkritie-Ökonom Tikhomirov. In den kommenden Jahren wolle sich die Notenbank dann endgültig auf die Bekämpfung der Inflation konzentrieren. Ein Währungskrieg ist dabei das letzte was die Russen gebrauchen können.

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