Währungswettlauf Akute Burnout-Gefahr beim US-Dollar

Die Abgesänge auf den Greenback nehmen zu: Im Asienhandel und in der Ölwirtschaft werden Umwege um die Weltleitwährung gelegt. Im Handel fallen die USA sogar hinter China zurück. Und immer mehr Beobachter in den USA fürchten ein Desaster als Folge der ultra-lockeren Geldpolitik der Fed.
Von Markus Gärtner
Währungskrieg: Dem US-Dollar setzt die Ausbreitung des Yuan zu

Währungskrieg: Dem US-Dollar setzt die Ausbreitung des Yuan zu

Foto: REUTERS

Vancouver - China rechnet seine Handelsbilanz erstmals auch in der Landeswährung, dem Yuan, ab. In Asien wird die größte Freihandelszone der Welt ohne Einbindung der USA in Angriff genommen. Und London steht kurz vor einem Währungs-Swap-Abkommen mit den Chinesen. Es ist das erste außerhalb Asiens.

Gleichzeitig basteln die großen Schwellenländer der Brics-Gruppe - Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - an ihrer eigenen Entwicklungsbank mit 50 Milliarden Dollar Startkapital. Es ist eine mögliche Konkurrenz zum Internationalen Währungsfonds, wo die USA regieren. China selbst forciert immer stärker die Ausbreitung des Yuan. Dieser steigt im innerasiatischen Handel zu einer bevorzugten Abrechnungswährung auf.

Währenddessen quält sich Europa durch eine schmerzhafte Schuldenkrise. Den USA droht nach dem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im Schlussquartal 2012 wieder eine Rezession. Doch China stieg 2012 trotz weniger Wachstums zur größten Handelsnation der Welt auf und nahm den USA diese Krone ab.

Im Klartext: Nach Jahrzehnten, in denen die Supermacht USA über die Globalisierung sowie über strategische Verträge und expandierende Wall Street-Giganten wie Coca-Cola , General Electric  und IBM  im Rest der Welt den Taktstock schwang, wendet sich jetzt das Blatt. Und zwar dramatisch. Im Welthandel entsteht eine neue Infrastruktur, die zunehmend bereit ist, auf die Weltleitwährung Dollar  zu verzichten. Die neuen Spitzenspieler in der rasant veränderten ökonomischen Champions-League kommen aus Asien, Lateinamerika und Afrika.

Die Apples und Volkswagen der Zukunft

Die Boston Consulting Group hat in dieser Woche zum fünften Mal seit 2006 eine Liste der 100 größten Herausforderer aus den Schwellenländern aufgestellt. Von den "100 Global Challengers" kommen 30 aus China, 20 aus Indien. Satte 1.000 Firmen aus den aufsteigenden Schwellenmärkten haben seit 2006 die Schallmauer von einer Milliarde Dollar Jahresumsatz durchbrochen. Sie sind die Volkswagen , Wal-Marts  und Apples  der Zukunft.

Jetzt sind sie auf dem Sprung, dem Westen das Fürchten zu lehren. Und die Leitwährung für ihre weltweite Attacke auf das etablierte globale Wirtschaftssystem heißt nicht mehr automatisch Dollar, sondern immer öfter Renminbi. Die USA könnten sich in naher Zukunft gezwungen sehen, einen Yuan-Vorrat anzulegen, um im Welthandel voll mitzuhalten.

Die Nervosität in den USA angesichts dieser Wachablösung schlägt mancherorts bereits in Zynismus um. "Wir sehen einen Währungskrieg", sagt der CEO von Euro Pacific Capital, Peter Schiff. "Was Währungskriege von anderen Kriegen unterscheidet", fügt er hinzu, "ist die Tatsache, dass man sich dabei selbst umbringt, und die USA scheinen in diesem Sinne als Sieger bereits festzustehen."

Auch dem Medien-Tycoon und Milliardär Steve Forbes wird es langsam mulmig: "Die US-Notenbank produziert wie ein Süchtiger immer wieder Desaster", sagt er und fürchtet, die aktuelle Geldpolitik könne die US-Wirtschaft ruinieren.

Europa wird nervös

Genau dagegen kämpft die Administration von Barack Obama in zähem Ringen mit den Republikanern in Washington an. Bislang vergeblich. Denn im laufenden Fiskaljahr wird sich das Budgetdefizit in den USA bestenfalls von 7 Prozent des BIP auf 4 Prozent reduzieren lassen.

Seit der Finanzkrise ist der Schuldenberg der USA um 100 Prozent auf jetzt über 16 Billionen Dollar gewachsen, künftige Verbindlichkeiten im Rentensystem und Gesundheitswesen nicht mitgerechnet.

Wird das Problem nicht gelöst, droht dem Greenback wirklich irgendwann ein Infarkt. Der US-Dollar hat in den vergangenen fünf Jahren gegenüber dem Euro schon 15 Prozent an Wert eingebüßt. Der breiter gefasste US-Dollar-Index hat gegenüber den anderen wichtigen Währungen seit der Finanzkrise Anfang 2009 rund 11 Prozent verloren.

Putin hamstert Gold

Finanzminister Wolfgang Schäuble, sein französischer Amtskollege Pierre Moscovic und EU-Kommissar Olli Rehn werden langsam nervös, ob des hohen Wechselkurses für den Euro. Und Russlands Präsident Vladimir Putin wirft den USA vor, "die Weltwirtschaft in Gefahr" zu bringen, weil sie "ihr Dollar-Monopol missbrauchen." Putin hat Russlands Goldkäufe massiv in die Höhe getrieben. "Je mehr Gold  ein Land hat, desto besser ist es geschützt, wenn der Dollar implodiert", sagt der Abgeordnete Evgeny Fedorov, ein Mitglied von Putins Partei United Russia.

Das Official Monetary and Financial Institutions Forum (OMFIF) in London stellte Ende Januar die These auf, die Welt brauche eine zweite, und vielleicht dritte Reservewährung. "Der Status des Dollars als Weltleitwährung verleiht den USA einen eingebauten Vorteil, weil das Land immer Käufer für seine Schuld-Titel findet, der Umfang der Staatsschulden in den USA ist ein Beweis dafür, wie das die Budget-Disziplin der USA schwächt", heißt es in einem Papier des OMFIF vom Januar.

China baut Dollar-Bestände ab

Dennoch konnte der US-Dollar seine Position als Weltleitwährung in den 12 Monaten bis September 2012 laut dem US-Finanzministerium sogar leicht um knapp einen Prozentpunkt auf 61,7 Prozent ausbauen.

Neun der zehn größten ausländischen US-Gläubiger, die Treasuries halten - darunter Japan, Brasilien, Russland und Großbritannien - haben ihre Bestände an Dollar-Schuldpapieren in dieser Zeit weiter ausgebaut. Doch der größte Gläubiger von allen, China, hat seine Treasury-Position um 7 Prozent reduziert. Das ist eine Gelbe Karte für die USA. China investiert stattdessen jetzt lieber in Rohstoffvorkommen und westliche Firmen, um gegen einen möglichen Dollar-Burnout besser gewappnet zu sein.

Darauf bereiten sich die Chinesen auch mit der Verbreitung ihrer eigenen Währung vor. Sie rüsten ein Offshore-Zentrum nach dem anderen für den Renminbi-Handel auf. Zuerst Hong Kong, dann London, jetzt Singapur. In der vorigen Woche bekam Chinas größte staatliche Geschäftsbank nach Aktiva - die Industrial and Commercial Bank (ICBC) - ihre Genehmigung als Clearing-Bank für den Yuan-Handel in Singapur.

Offshore-Yuan-Geschäft boomt

Unter Chinas Großbanken hatte bisher die Bank of China das Monopol, außerhalb der Volksrepublik als Clearingstelle für die Landeswährung zu fungieren. Mit der Wahl der ICBC signalisiert Peking jedoch den Wunsch, noch mehr große Finanzdienstleister in das Offshore-Yuan-Geschäft einzubeziehen. Bei der ICBC macht das grenzüberschreitende Yuan-Geschäft bereits 20 Prozent vom jährlichen Einkommen aus.

Für Singapur wiederum bedeutet die Entscheidung zu Gunsten der ICBC eine Festigung der Führungsposition als Finanzzentrum von Südostasien. Die Yuan-Einlagen des Inselstaates sind binnen kürzester Zeit auf umgerechnet 16 Milliarden Dollar explodiert.

Im bislang führenden Offshore-Zentrum für den Yuan-Handel, in Hong Kong, hat sich der tägliche Devisenumsatz mit Chinas Währung binnen eines Jahres auf sechs Milliarden Dollar verdoppelt, sagt der Anleihechef bei der Standard Chartered Bank in Hong Kong, Charles Feng. Laut der HSBC Bank werden die Yuan-Einlagen in der Ex-Kolonie im laufenden Jahr um 43 Prozent weiter zunehmen. Inzwischen werden Volumina erreicht, bei denen auch Notenbanken einsteigen können, erklärt der Research-Chef bei der Bank of Toyko-Mitsubishi in Hong Kong, Cliff Tan.

Ein Vertrag zwischen Peking und London

Und in London, wo die Bank of England im Januar "prinzipiell" ihre Unterstützung für ein Swap-Abkommen mit China signalisierte, freut man sich, besonders. Denn aus dem Yuan-Geschäft könnte ein Schub für die Finanzmetropole entstehen, wie einst bei der Explosion des Dollarmarktes in den 60er und 70er Jahren. Das wäre für viele Firmen in Europa ein großer Vorteil. Sie könnten sich leichter und günstiger als bisher Yuan zur Bezahlung ihrer Importe aus China besorgen.

Auch der rasant wachsende Handel deutscher Firmen mit chinesischen Kunden würde davon profitieren. Laut dem Goldman Sachs-Strategen Jim O'Neill, der 2001 die BRICS "erfand" - und der vorige Woche seine Pensionierung bekanntgab - werden bis zum Ende des Jahrzehnts einige europäische Länder mehr Handel mit China betreiben als mit großen Absatzmärkten in der EU.

Ein Vertrag zwischen Peking und London wäre das erste Swap-Abkommen, das China mit einem großen Industrieland schließt, nach 15 Verträgen mit Schwellenländern. Nach Angaben des globalen Transaktions-Netzwerkes SWIFT ist der Yuan in der Rangliste der führenden Handelswährungen zwar erst an 16. Stelle. Doch wie vielversprechend eine frühe Einbindung in das expandierende Yuan-Universum sein kann, zeigt gerade das Beispiel Großbritannien: Dort wird mit 28 Prozent bereits der größte Teil des globalen Yuan-Handels außerhalb von China und Hong Kong abgewickelt.

China schmiedet größte Freihandelszone der Welt - ohne die USA

Die USA kommen laut SWIFT nur auf 4 Prozent dieses explosionsartig wachsenden Marktes. Das ist ein gewaltiger Startvorteil für London auch bei den Emissionen von Yuan-Anleihen, deren Volumen laut Standard Chartered in 2013 um 20 bis 30 Prozent wachsen soll.

Auf tönernen Füßen stehen der Dollar und die USA auch in Asien, wo der Großteil des künftigen globalen Wachstums erwartet wird. Barack Obama wollte den Handelspartnern der USA in Fernost bei seinem Besuch gleich nach der Wiederwahl im November das Konzept einer Transpazifischen Partnerschaft (TPP) schmackhaft machen, ein Plan, der die Teilnahme Chinas bislang nicht vorsieht.

Doch die Zurückhaltung der Asiaten ist deutlich sichtbar. Das Gegenkonzept, für das sich immer mehr Länder in der Region entscheiden, ist die von China forcierte Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), die wiederum ohne die USA stattfinden soll. Die RCEP wurde im November in Kambodscha vorgestellt und soll 16 Länder - neben den zehn ASEAN-Staaten auch China, Indien, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland - umfassen. Wenn sie in den kommenden Jahren errichtet wird, repräsentiert sie mit der Hälfte der Weltbevölkerung die größte Freihandelszone auf dem Planeten.

Die USA und ihre Landeswährung verlieren damit in der am schnellsten wachsenden Region der Welt weiter an Einfluss.

Laut einer neuen Studie der United Overseas Bank of Singapore (UOB) wird die Weltwirtschaft im laufenden Jahrzehnt um 73 Prozent wachsen. Die drei am schnellsten expandierenden Handelskorridore auf dem Planeten werden sich dabei zwischen Indien und dem Nahen Osten, zwischen China und Afrika sowie zwischen Lateinamerika und China erstrecken. Asien wird dann schon ein Drittel der Weltwirtschaft repräsentieren. Der Dollar wird dabei kein Heimspiel haben.

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