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USA: Schieferölschwemme bringt Kanada in Not

Energiemarkt US-Ölboom sorgt für Export-Infarkt in Kanada

Kanada ist der größte Öllieferant der USA. Noch. Denn der US-Fracking-Boom könnte die Vereinigten Staaten bald von Ölimporten unabhängig machen. Der Möchtegern-Energiesupermacht Kanada droht deshalb der Exportkollaps - und drastisch sinkende Öleinnahmen.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Umbruch im Rohstoffland Kanada: Noch vor drei Jahren pries Premier Stephen Harper bei diversen Gipfeln das Ahornland als neue globale Energiesupermacht an. Jetzt kann das G7-Land einen Teil seiner enormen Ölvorkommen nicht am Markt absetzen. Und für jenen Teil der Förderung, der in den Export geht, müssen Preisabschläge bis zu 30 Prozent hingenommen werden.

Kanada ist bislang vom Großabnehmer USA abhängig: Rund 27 Prozent aller US-Ölimporte stammen aus Kanada. Doch jetzt sorgen der Boom im Bakkken-Feld in Nord Dakota sowie die Schieferöl-Produktion in anderen Teilen des Landes für eine Ölschwemme: Durch das vergleichsweise junge Fracking-Verfahren wird Öl aus Schiefer-Formationen gewonnen, die von Nord Dakota über Montana bis nach Kanada reichen. Im September hat das Bakken-Feld ein Fördervolumen von 728.000 Barrel pro Tag erreicht. Das waren 57 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Um das gesamte Vorkommen auszubeuten, werden 40.000 Bohrtürme benötigt. Diese aufzustellen, würde bei aktuellem Expansionstempo in der Förderung 20 Jahre benötigen. Die Internationale Energie Agentur (IEA) hat Mitte November prognostiziert, dass die USA zum größten Ölförderland aufsteigen können.

Die Folge: Pipelines, die Exportöl aus Kanada transportieren, werden zunehmend mit heimischem Öl aus US-Vorkommen gefüllt. Im führenden Zentrum der Petro-Industrie in Nordamerika - in Texas - stellen die ersten Raffinerien, die schweres Öl aus den bitumenreichen Vorkommen im kanadischen Alberta verarbeiten können, auf Öl aus dem Bakken-Vorkommen um.

Einnahmen aus der Ölwirtschaft kollabieren

Bakken ist so groß wie die Schweiz. Und das Öl aus der Förderung ist so leicht, dass es in alten Dieselmotoren ohne vorherige Behandlung durch eine Raffinerie verbrannt werden könnte. Das bedeutet riesige Gewinne - bis zu 50 Dollar je Barrel - für die Produzenten in den USA. Und wachsende Kopfschmerzen auf der anderen Seite der Grenze, in Kanada.

Während sich Förderer, Fiskus und Finanzinvestoren auf der US-Seite die Hände reiben, herrscht in Kanada Katzenjammer. Vor wenigen Tagen fror Albertas Ministerpräsidentin Alison Redford die Politikergehälter ein. Die Einnahmen im Provinzhaushalt aus der Ölwirtschaft kollabieren um sechs Milliarden Dollar, weil sich zwischen den Förderkosten in Albertas Ölsanden einerseits und den Verkaufspreisen andererseits - eine immer größere Schere auftut.

Ein Drittel des regionalen Budgets finanziert sich mit Einnahmen aus der bislang florierenden Ölwirtschaft. Die lokalen Vorkommen sind die drittgrößten der Welt. Jahrelang haben sich die Ölbarone in Alberta über den großen Importhunger der USA gefreut. Calgary, das Finanzzentrum des lokalen Ölsandbooms, weist mit 4,5 Prozent die niedrigste Arbeitslosenrate in Kanada aus, dazu die kaufkräftigsten Verbraucher und den stärksten Autoabsatz pro Kopf der Bevölkerung.

Doch jetzt entfesselt der einzige Kunde der Kanadier seinen eigenen Förderboom. Und Pipeline-Kapazitäten, um das schwarze Gold an die Westküste zu pumpen und von dort aus nach Asien zu verschiffen, werden erst in ein paar Jahren bereit stehen.

Milliardenschweren Ölsand-Projekten droht das Aus

Die Konsequenzen dieses Desasters werden immer schmerzhafter. Vorige Woche meldete Suncor Energy  - Kanadas größtes Energieunternehmen - den ersten Quartalsverlust in mehr als drei Jahren, dazu eine Abschreibung von 1,5 Milliarden Dollar auf das riesige Voyageur-Projekt in den Ölsanden. Der Voyageur-Upgrader ist eine Anlage, in der schweres Öl aus den Ölsanden chemisch in leichtes Öl umgewandelt wird, um es in herkömmlichen Raffinerien weiter verarbeiten zu können.

Die Anlage ist bereits zu 15 Prozent fertig gestellt und hat schon 3,5 Milliarden Dollar gekostet. Ihre Weiterführung sei eine "Herausforderung", heißt es im jüngsten Quartalsbericht. - Jetzt droht dem Projekt das Aus.

Für die Energiewirtschaft in den Ölsanden - wo wöchentlich eine Milliarde Dollar in die Expansion der Förderung investiert werden - entwickelt sich der Export-Stau zu einer Gefahr. Das Land produziert schon jetzt viel mehr Öl, als es selbst verbraucht. "Kanada hat ein richtiges Problem", sagt Al Monaco, der CEO von Enbridge, dem größten Pipelinebetreiber in Kanadas exportorientierter Ölwirtschaft.

Die ersten Produzenten - darunter Marathon Oil - erwägen einen Rückzug aus den Ölsand-Gebieten. Immer mehr Ölförderer auf der kanadischen Seite verladen Öl auf Eisenbahn-Waggons, um es in die USA zu transportieren.

Wieder andere - darunter Tundra Energy - setzen LKW für den Transport zu den US-Märkten ein. "Das ist verrückt, aber die Pipelines sind überfüllt", erklärt Tundra-Präsident Bryan Lankester. Doch die Prognosen kündigen für die kommenden Jahre eine schmerzhafte Kollission an. Die Produktion im Bakken-Feld soll um mindestens ein Viertel auf eine Million Barrel pro Tag ansteigen. Auf kanadischer Seite sollen bis 2018 mindestens eine Million Barrel pro Tag dazu kommen. "Das bedeutet einen riesigen Abschlag für kanadisches Öl", sagt Lankester, "wir werden jahrelang solche Verwerfungen haben."

"Riesiger Abschlag für kanadisches Öl"

Für Ölfirmen, die in Kanada tätig sind, bieten sich zwei Möglichkeiten: Deutlich die Kosten der Förderung zu senken, oder den Ausbau des Pipeline-Netzes zügig vorantreiben. "Wir müssen über eine Senkung der Kosten von 10 bis 20 Dollar je Barrel Öl nachdenken", verrät Leo de Bever, der CEO der Alberta Investment Management Corp., die für die Provinz 70 Milliarden Dollar Anlagevermögen verwaltet.

Für Ölproduzenten, die ihre operativen Kosten bereits auf 45 Dollar je Barrel gedrückt haben, ist das eine enorme Herausforderung. Der zweite mögliche Ausweg, die Expansion der Pipelines, könnte Jahre dauern. Wie schwierig eine Lösung hier ist, zeigt die "Mainline" von Enbridge . Sie ist die Hauptschlagader für Kanadas Exporte in die USA. Die Mainline führt von Alberta zu den Raffinerien im Mittleren Westen der USA. Doch das riesige Bakken-Feld in North Dakota liegt geographisch genau zwischen Alberta und den Märkten, die von der Mainline angesteuert werden.

Enbridge hat für die kommenden drei Jahre Investitionen in Höhe von 15 Milliarden Dollar angekündigt, um mehr als eine Million Barrel Öl zusätzlich aus Kanada in die USA transportieren zu können. Zusätzlich sind große Pipelines von Alberta in den dicht besiedelten und hoch industrialisierten Osten Kanadas im Gespräch.

Quebec zum Beispiel kauft 90 Prozent seines Rohölbedarfs in Übersee ein, trotz des Ölreichtums im eigenen Land. Auch Pipelines an die Pazifikküste für den Transport nach Asien werden geplant. Doch dagegen gibt es unter Ureinwohnern und Einheimischen enormen Widerstand. Die drei größten Projekte würden zusammen mehr als 2,5 Millionen Barrel zusätzlich befördern.

Auch die gewaltige Keystone XL-Pipeline, die der Betreiber Transcanada gerne für die Exporte nach Texas weiter ausbauen würde, ist höchst umstritten. Barack Obama hat sie in der ersten Amtszeit nicht genehmigt. Die endgültige Entscheidung wurde auf den Frühsommer verschoben. Beide Seiten, Industrie und Naturschützer, sind auf Konfrontationskurs.

Ölnachfrage der Zukunft liegt nicht in USA, sondern in Asien

"Wenn die Pipelines, die vorgeschlagen wurden, nicht gebaut werden, wird Kanada 1,3 Billionen Dollar an wirtschaftlicher Leistung verlieren, dazu 7,4 Millionen Mannjahre Beschäftigung und 281 Milliarden Dollar Steuereinnahmen bis zum Jahr 2035", sagt der Topökonom bei der Canada West Foundation in Calgary, die im Auftrag der ölreichen Nachbarprovinz Saskatchewan die Folgen der unerwünschten Ölschwemme untersucht hat.

Der Ministerpräsident von Saskatchewan, Brad Wall, beklagt sich unterdessen: "Wegen der Engpässe bei den Pipelines verlieren wir bis zu 20 Prozent Verzinsung auf unsere Steuereinnahmen." Bei den Gegnern der Ölsande und der Pipeline-Expansion will man das nicht gelten lassen. Der Bericht der Canada West Foundation "geht am eigentlichen Problem vorbei", sagt der lokale Energie-Koordinator bei Greenpeace, Keith Stewart, "wenn wir ein Klima-Chaos verhindern wollen, können wir die Infrastruktur für fossile Energieträger nicht ausbauen."

Währenddessen wird die öffentliche Debatte über den Export-Infarkt gereizter. Der frühere Industrieminister Jim Prentice, jetzt ein Vizepräsident bei der Großbank CIBC in Toronto, wirft dem Land vor, sich auf seinem Rohstoffreichtum ausgeruht zu haben und nicht genügend daraus zu machen. Laut Prentice fehlt es Kanada an der nötigen Voraussicht. Neue Pipelines könnten das Exportproblem nicht lösen, weil die Nachfrage der Zukunft nicht in den USA liege, sondern in Asien.

Dort herrscht großes Interesse an den kanadischen Quellen, wie die 15,1 Milliarden Dollar teure Übernahme des Energieunternehmens Nexen durch den chinesischen Offshore-Giganten CNOOC  im vergangenen Jahr zeigt.

Liefervolumen hat sich halbiert

Einige Energieexperten fürchten nun, dass Kanadas Erdgas-Produzenten das gleiche Schicksal drohen könnte, wie den Ölfirmen. Kanada versorgte jahrelang die USA mit etwa 15 Prozent ihres Gasbedarfs. Das Liefervolumen hat sich "bereits halbiert", sagt Bernard Roth, Partner in der auf Energiefragen spezialisierten Kanzlei Fraser Milner Casgrain, " das ist ein sehr ernstes Risiko für die kanadischen Vorkommen."

Doch nicht alle sind besorgt. Die riesigen Raffinerien am Golf von Mexiko in den USA sind unter hoher Auslastung. Sie haben sich auf enorme Lieferungen aus Kanada eingestellt, während Exporte aus den Lieferländern Mexiko und Venezuela nachlassen.

"Wir sind kurz- und langfristig hoffnungsvoll, was die Preise für schweres Rohöl angeht", sagt der Präsident beim Ölsandförderer Canadian Natural Resources , Steve Laut. Bei Bentek in Denver, ein Analyseunternehmen, das auf die Energiewirtschaft spezialisiert ist, sagt man bis 2022 einen Produktionsanstieg in den Ölsanden von 90 Prozent vorher. Und die IEA prognostiziert für Kanadas Ölsande eine Verdoppelung der Produktion bis 2025.

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