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Nigers Uran: Frankreichs afrikanische Energiequelle

Foto: FABIO BUCCIARELLI/ AFP

Krieg in Mali Frankreichs Sorge um Uran aus der Wüste

Der Krieg in Mali ist eng verbunden mit der Rohstoffzufuhr für den Atomstaat Frankreich. Im angrenzenden Niger gerät die wichtigste Bezugsquelle für Uran in Gefahr. Die aktuelle Schwäche des Markts für den Nuklearbrennstoff schürt weitere Unruhe in der Region.

Hamburg - Für die Forces Spéciales steht ein neuer Auftrag an. Arlit, Niger, heißt das Ziel. Am Rand der Aïr-Berge sollen die Spezialtruppen drei Uranbergwerke des Areva-Konzerns vor Islamisten und Tuareg-Rebellen schützen, berichten das Magazin "Le Point" und die Agentur Reuters aus Pariser Militärkreisen. Die Republik Niger, die dort schon hunderte eigene Soldaten stationiert hat, muss aber noch zustimmen.

Der Zusammenhang zum Krieg im Nachbarstaat Mali ist unmittelbar. Zwischen Arlit und der malischen Rebellenhochburg Kidal liegen nur Wüste und eine gedachte Staatsgrenze. Schon im September 2010 entführte die Terrorgruppe "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" sieben Menschen aus der Bergbaustadt. Vier Franzosen, ein Ingenieur von Areva  und drei Angestellte des Baukonzerns Vinci , sind noch immer in Geiselhaft - wahrscheinlich in Nordmali. Selbst die Attacke auf das wesentlich weiter entfernte algerische Gasfeld Amenas ging wohl von Mali aus.

Der Mitte Januar begonnene massive Kriegseinsatz der Franzosen macht die Lage noch gefährlicher. Noch Anfang des Monats hatte Außenminister Laurent Fabius den Familien der Entführten Unterstützung versichert, die inzwischen Verhandlungen mit den Geiselnehmern - also um Lösegeld - fordern. Die Luftangriffe und Bodentruppen sprechen aber eine andere Sprache, ebenso wie der Befreiungsversuch der Forces Spéciales im Januar 2011, der für zwei von Niger nach Mali entführte Franzosen tödlich endete.

Banger Blick auf den Niger

Stadt für Stadt werden die Rebellen aus Zentralmali und inzwischen auch den Großstädten des Nordens vertrieben. Während sich manche Gruppen der bunten Allianz wie die ohnehin erst kürzlich zum Dschihad bekehrte Ansar Din unter dem Eindruck der Rafale-Flieger spalten, drohen andere dem Vorstoß der Franzosen auszuweichen - beispielsweise nach Arlit.

"Es besteht das Risiko, dass islamistische Terrororganisationen ihre Aktivitäten auf den Niger ausweiten", warnt das Auswärtige Amt. Beide Staaten sind ähnlich strukturiert, mit einem agrarischen Machtzentrum am Niger-Strom und schwarzer Bevölkerungsmehrheit im Süden und, Welten entfernt von den südwestlichen Hauptstädten, weiten Einöden im Norden, wo Volksgruppen wie die teils nomadischen Tuareg seit Jahrzehnten an den Rand gedrängt werden.

Seit einem halben Jahrhundert holt Areva von dort den Großteil des Urans, das die für Frankreichs Stromversorgung so wichtigen Atomkraftwerke befeuert. Inzwischen hat der zu knapp 87 Prozent staatliche Konzern ebenso bedeutende Vorkommen in Kanada und Kasachstan erschlossen, was ihm neben den dortigen Partnern Cameco  und Kazatomprom die Position an der Spitze der weltgrößten Uranproduzenten sichert. Die zum russischen Monopolisten Rosatom gehörende Atomredmetzoloto müht sich aktuell, mit der milliardenschweren Übernahme der kanadischen Uranium One  aufzuholen.

Kostenführerschaft dank dem Armenhaus Niger

Dank Niger aber kann sich Areva der günstigsten Kostenstruktur in der Branche rühmen - obwohl der Brennstoff von Militärkonvois 2000 Kilometer zur Hafenstadt Cotonou in Benin gefahren werden muss. Vor allem aber liegt in Arlit die aktuell größte Wachstumshoffnung: die quadratmeilengroße Baustelle des Tagebaus Imouraren, die mit 5000 Tonnen jährlich Niger - selbst in der dürregeplagten Sahel-Zone das ärmste Land weit und breit - zum zweitgrößten Uranproduzenten nach dem aufstrebenden Kasachstan befördern würde.

Um die Aufteilung von Gewinnen und Lasten des Bergbaus toben aber immer wieder Konflikte. Örtliche Initiativen ebenso wie internationale Organisationen werfen Areva vor, die radioaktive Verstrahlung von Arbeitern und Anwohnern hinzunehmen. Im Dezember beendete die französische Gruppe Sherpa ihre Zusammenarbeit mit Areva, weil der Konzern den Vertrag zum Gesundheitsschutz nicht einhalte.

Vor allem geht es ums Geld. Die Forderung nach einer Beteiligung an der Uranrendite war schon mehrfach Hauptmotiv für Aufstände der örtlichen Tuareg, von denen einige 2012 den Islamisten in Mali zum militärischen Erfolg verholfen haben. Auch die nigrische Regierung, inzwischen immerhin mit einem Tuareg-Premier, stimmt nun andere Töne gegenüber den Franzosen an.

35 Millionen Euro von Areva

Im Oktober nannte Präsident Mahamadou Issoufou die Partnerschaft mit Areva "sehr unausgeglichen zum Nachteil Nigers" und erklärte wegen der Verzögerung des ursprünglich für 2012 geplanten Starts von Imouraren, ein Partner, "der seine Zusagen nicht einhält, ist nicht haltbar". Bergbauminister Omar Hamidou Tchiana ergänzte, "wir können nicht mehr unseren Boden ausbeuten lassen, ohne dass etwas an das Volk zurückfällt".

In den Augen des französischen Atomkraftgegners Stéphane Lhomme vom "Observatoire du nucléaire" ist das alles bloße Rhetorik, die "perfekten Kolonialismus" verschleiere. Am kommenden Freitag entscheidet ein Pariser Gericht, ob Lhomme Areva weiter der Korruption bezichtigen darf. Hintergrund sind im Dezember plötzlich in den Staatshaushalt eingestellte 35 Millionen Euro von Areva, vom Kabinettschef des Präsidenten als "Geschenk" bezeichnet, das nun unter anderem ein neues Präsidentenflugzeug ermögliche. Seitdem ist von Streit mit Areva nichts mehr zu hören.

Lhomme verweist darauf, dass Issoufou vor seiner Politkarriere bis 1991 als Bergwerksdirektor für die Areva-Tochter Somaïr arbeitete. Seine Partei für Demokratie und Sozialismus wird von der Jean-Jaurès-Stiftung der in Paris regierenden Sozialisten unterstützt. Ganz anders - allerdings auch diktatorisch - gebärdete sich sein Vorgänger Mamadou Tandja, der für die neue, kleine Uranmine Azelik die Chinesen ins Land holte, Lieferungen an Iran ins Spiel brachte und 2010 vom Militär weggeputscht wurde.

Uranpreis im Keller, Investitionen gestoppt

Offiziell ist das Geld von Areva noch gar nicht zugesagt und gilt als "Entschädigung" für die Verspätung des 1,7-Milliarden-Euro-Projekts Imouraren. Die wiederum erklärt der Konzern mit einer Betriebspause nach der Geiselnahme 2010 und einem Streik 2012. Das Vorkommen wurde bereits 1976 entdeckt. Nun gilt als wahrscheinlicher Produktionsstart 2014, weitere Verzögerungen werden aber auch nicht ausgeschlossen.

Auffällig ist aber, dass im Uranbergbau auch anderswo wenig vorangeht. Areva unterbrach im vergangenen August den bereits weitgehend fertigen Bau des milliardenteuren Bergwerks Trekkopje in Namibia, zog alle Arbeiter bis auf drei Subunternehmer aus dem bereits im Vorjahr gestoppten Projekt Bakouma in Zentralafrika ab und sagte im Oktober ein weiteres Vorhaben in Jordanien ab. 2011 schloss der Konzern mit einem hohen Milliardenverlust wegen Abschreibungen auf verschiedene Bergwerke ab.

Auch andere Konzerne zogen lange geplante Investitionen zurück. Der Bergbauriese BHP Billiton  sagte den 33 Milliarden Dollar teuren Ausbau seines südaustralischen Kupfertagebaus Olympic Dam, der nebenbei über die mit Abstand größten Uranreserven weltweit verfügt, "auf Jahre hinaus" ab. Kleine Uranmineure, im vergangenen Jahrzehnt in der Hoffnung auf einen Nuklearboom gegründet, gaben reihenweise auf.

Preise für Yellowcake am Boden

Der Preis für den Brennstoff liegt im Keller. Aktuell kostet ein Troy-Pfund (gut 373 Gramm) der Yellowcake genannten gelben, pulvrigen Handelsform von Uraninit am kurzfristigen Spotmarkt 42,50 Dollar, während 2007 noch bis zu 140 Dollar gezahlt wurden. Das ist sogar noch weniger als die den Nigrern im jüngsten Jahresvertrag zugesagte Abnahme zu 73.000 CFA-Franc pro Kilo, umgerechnet 55 Dollar für ein Pfund.

"Dieses Niveau rechtfertigt keine neuen Bergbauinvestitionen", heißt es in einer Analyse der Canadian Imperial Bank of Commerce. "70 Dollar pro Pfund würden reichen, um neues Angebot voranzubringen."

Solange Uran so billig bleibt, kommen die Mineure nicht auf ihre Kosten. So lange dürfte Areva auch sein nigrisches Projekt Imouraren vom Markt halten, so lange wartet Niger weiter auf dringend benötigte Einnahmen, und mindestens so lange bleibt Druck im Kessel der regionalen Unruhen.

Arevas Schwierigkeiten mit der neuen Realität

Mit einer so langen und tiefen Depression des Uranmarkts hat kaum einer der Marktteilnehmer gerechnet, auch nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 nicht. Immerhin übersteigt schon der Bedarf der aktuell laufenden Kernkraftwerke chronisch die weltweite Uranproduktion: 55.000 frisch geförderten Tonnen steht eine Nachfrage von 67.000 Tonnen gegenüber.

Früher war die Lücke noch größer, wurde aber von reichlich gefüllten zivilen und militärischen Uranlagerbeständen gedeckt. Vor allem US-Kraftwerke bedienten sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus einem Abrüstungsabkommen mit Russland, in Europa recyceln Unternehmen wie Areva oder Urenco (von dem sich die Miteigner Eon  und RWE  nun offenbar trennen wollen) abgebrannte Brennelemente.

Da das US-russische Abkommen zum Jahresende ausläuft, sollte das aus alten Atomsprengköpfen abgereicherte Uranüberangebot nun verschwinden.

Japan stellt vollständigen Atomausstieg infrage

Hoffnung auf steigende Preise knüpfen die Produzenten auch an die im Dezember gewählte neue japanische Regierung, die den bis 2030 geplanten vollständigen Atomausstieg infrage gestellt. Für ein Revival der Meiler hat sie sich freilich noch nicht entschieden, und will sich angesichts der öffentlichen Gegenwehr drei Jahre Zeit lassen.

"Wenn Japan grünes Licht gibt, ist der Überhang sofort weg und das wirkt sich positiv auf die Preise aus", erklärt Analyst Joel Crane von Morgan Stanley in Melbourne. Doch der Atomphysiker Thomas Neff vom Massachusetts Institute of Technology, der das US-Russland-Abkommen einst ersann, erwartet "keine starken Nachfragesignale bis 2015".

Das US-Analysehaus GMI Ratings bescheinigt Areva "Schwierigkeiten, sich der neuen Realität anzupassen". Selbst Frankreich wolle jetzt seine Abhängigkeit von Atomstrom verringern. Daraus spreche ein Mangel an Kommunikation zwischen Konzern und dem Haupteigner. "Anleger sollten die Flucht ergreifen", empfehlen die Analysten.

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