US-Bilanzsaison Banken als Hoffnungsträger, Zittern um Tech-Titel

Alcoa eröffnet heute die US-Bilanzsaison. Anleger erwarten steigende Gewinne, vor allem bei Finanzfirmen. Können die Konzerne die politische Lähmung in Washington ausgleichen? Investoren setzen darauf - doch viele Firmen sind im Zangengriff.
Von Markus Gärtner
Börse an der Wall Street: Nach Börsenschluss wird der Aluminiumhersteller Alcoa den Startschuss für die Bilanzrunde geben

Börse an der Wall Street: Nach Börsenschluss wird der Aluminiumhersteller Alcoa den Startschuss für die Bilanzrunde geben

Foto: AFP

Vancouver - Hoffnungen für die neue Bilanzrunde auf der einen Seite, ein weiteres Verhandlungsdrama in Washington auf der anderen Seite. In den Augen der Börsianer erlebt die Wall Street ab heute ein Duell, dessen Ausgang nicht nur die Aktienkurse, sondern die gesamte US-Wirtschaft bewegen dürfte.

Nach Börsenschluss in New York wird der Aluminiumhersteller Alcoa  den Startschuss für die Bilanzrunde zum 4. Quartal 2012 geben. Same Procedure as every year, könnte man sagen. Aber diesmal geht es um mehr. Mit dem vierten Quartal geht nicht nur das Jahr 2012 insgesamt zu Ende. Im vierten Quartal mussten Amerikas Wirtschaftskapitäne auch mit ansehen, wie sich Kongress und Weißes Haus erneut in einem lähmenden politischen Patt verfingen. Dies schlug selbst den erfahrensten CEOs aufs Gemüt.

Die Pessimisten verweisen vor der neuen Bilanzrunde auf die drastisch gesunkenen Gewinnerwartungen. Die Prognosen für den durchschnittlichen Gewinnanstieg je Aktie im S&P 500 wurden innerhalb von nur drei Monaten scharf gedrosselt: Von satten 9,2 Prozent sind sie auf magere 2,7 Prozent Gewinnanstieg gegenüber dem Vorjahresquartal zusammengeschrumpft.

Jedoch: Im Gegensatz zum schwachen dritten Quartal dürfte die Mehrzahl der US-Unternehmen diesmal überhaupt wieder Gewinnsteigerungen vermelden. Und die Erwartungen an das Gewinnplus sind inzwischen wieder so weit heruntergekommen, dass es die eine oder andere positive Überraschung geben könnte. Die Messlatte hängt nicht allzu hoch.

Sturm "Sandy" und politische Lähmung haben US-Firmen zugesetzt

Doch es gibt noch einige Unsicherheiten: Zum Beispiel der Monstersturm Sandy, dessen Zerstörungswut viele Firmen im hoch industrialisierten Nordosten der USA bislang noch nicht genau beziffert haben. Dazu kommt noch der Effekt des lähmenden Dramas um die Sparverhandlungen in Washington. Der Schuldenpoker hat der Investitionsbereitschaft vieler Topmanager geschadet.

Das Gezerre zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress in Washington drückt den Finanzmärkten schon seit Monaten aufs Gemüt. In der US-Bundeshauptstadt stimmte der Senat am 1. Januar einem Kompromiss zu, den viele in Amerika als schlecht getarnte Mogelpackung bezeichnen: 80 Prozent der amerikanischen Haushalte mit einem Jahreseinkommen zwischen 50.000 und 200.000 Dollar werden auf Basis dieses Deals 2013 mehr Steuern zahlen.

Das ist eine Belastung der US-Konsumenten. Und es ist ein Bleigewicht an den Gewinnzahlen der kommenden Quartale.

Die Prognosen sind verhalten - nächste Klippe im März, Kleinkrieg im Kongress

Das politische Geschachere um den Abbau des Schuldenbergs in den USA wird noch eine Weile weiter gehen. Denn als nächstes droht bis spätestens März ein Anstoßen an der Schuldendecke.

Wie verzweifelt nach einem Ausweg gesucht wird, zeigten Ende vergangener Woche Gedankenspiele im Lager von Obamas Demokraten: Mit einer eigens geprägten Platinmünze von einer Billion Dollar Nennwert, die bei der Fed in New York hinterlegt werden könnte. Die Monster-Münze würde den Abstand zum Schuldenlimit wieder um 1000 Milliarden Dollar vergrößern. Das entspricht den Schulden, die der Bundeshaushalt in acht Monaten anhäuft. Genügend Zeit, um die Verhandlungen zur Anhebung des Limits zu führen. Das Weiße Haus wäre gegen die drastischen Sparpläne der Republikaner und deren Versuch, das Schuldenlimit als Erpressungsmittel zu benutzen, besser geschützt.

Die große Frage für die Stimmung an den Finanzmärkten insgesamt ist letztlich aber eine ganz andere: Können die Quartalsbilanzen - und ihre Wirkung auf die Aktienkurse - den Abwärtssog der Politik in Washington auf die rekordhohen Aktienkurse dämpfen oder gar ausgleichen? Können sie die Börse in Zeiten erheblich gestiegener Unsicherheit stabilisieren und die Nerven beruhigen?

Unsicherheit schlägt durch: Gewinnprognosen für 2013 beinahe halbiert

Zumal jetzt, wo eine zumindest vorübergehende Beruhigung der Lage im europäischen Schulden-Drama zu einem massiven Abfluss von Kapital aus den USA führen könnte? Der S&P 500 Index hat bekanntlich am Freitag ein Fünfjahreshoch markiert. Die Antwort: Kaum jemand traut sich eine klare Antwort zu, wer das Tauziehen am Ende gewinnen wird.

Denn noch ein Faktor kommt ins Spiel, wenn das Duell der Bilanzen gegen das Schuldendrama eröffnet wird. Es ist der Blick nach vorne. Er ist für Börsianer noch wichtiger als die aktuelle Bestandsaufnahme von Verkaufserlösen und Gewinnen. "Ich denke, die Firmen werden einen recht pessimistischen Ausblick geben", sagt zum Beispiel der Chef für den ETF-Handel bei der Investmentbank Stifel Nicolaus, David Lutz.

Auch viele Analysten sehen das so. Sie haben in den vergangenen Wochen ihre Gewinnprognosen für die ersten beiden Quartale 2013 auf 2,5 Prozent und 5,3 Prozent praktisch halbiert, heißt es beim Analyse-Unternehmen Factset in Merritt, Connecticut.

Gewinnsprung bei US-Banken erwartet

Einzelne Firmennachrichten gaben bereits Hinweise darauf, wer in der neuen Bilanzrunde besser abschneiden und wer enttäuschen könnte. Beispiel Technologiebranche: Die Aktie von Netflix legte zu Wochenbeginn deutlich zu, nachdem das Unternehmen angekündigt hat, frühe Ausgaben erfolgreicher TV-Serien von Warner Bros. Television zu bringen. Der Online-Handelsriese Amazon (Kurswerte anzeigen) erreichte zu Wochenbeginn ein Allzeithoch, nachdem Morgan Stanley das Rating für die Aktie anhob.

Auch die Aktie von Google (Kurswerte anzeigen) befindet sich wieder im Aufwärtstrend. Und beim Techriesen Apple (Kurswerte anzeigen) scheint die Talfahrt der vergangenen drei Monate (mehr als 20 Prozent Verlust seit Ende September) zumindest zeitweise gestoppt: Gelingt es dem Konzern, die Erwartungen für das traditionell starke Weihnachtsquartal zu übertreffen, könnte es eine Erholungsrally bei dem einstigen Börsenliebling geben.

Analysten erwarten dennoch, dass für das vierte Quartal erste Bremsspuren bei den Techriesen sichtbar werden, weil einige Firmen vor dem Geschacher rund um das Budget-Kliff Investitionen zurückstellten, darunter auch IT-Investitionen.

Gewinnsprung um 28 Prozent bei US-Banken erwartet

Die Banken könnten als klarer Gewinner aus der neuen Bilanzrunde hervorgehen und an der Wall Street helfen, den Horizont aufzuhellen. Der Grund: Die Zentralbanken haben ihnen am Wochenende vier Jahre mehr Zeit gegeben, die strengeren Liquiditätsanforderungen einzuhalten. Und die Geldschwemme der Fed, die seit diesem Monat jeweils 85 Milliarden Dollar in den Markt pumpt, hat die Hypothekenzinsen auf Rekordtiefs gedrückt.

Im Zusammenspiel mit der Erholung am US-Immobilienmarkt belebt dies spürbar das Kreditgeschäft der US-Banken. Analysten erwarten für die Banken einen Gewinnzuwachs von 28 Prozent.

Wohin die Richtung geht - Rally oder Enttäuschung - könnte schon an diesem Freitag deutlich werden, wenn Wells Fargo (Kurswerte anzeigen) als erste große Bank die Quartalszahlen präsentiert. Die anderen großen Institute folgen in der kommenden Woche.

"Langsame Verbesserung vom Tief im dritten Quartal"

Interessant ist: Von den 21 Firmen, die bereits berichtet haben - weil ihr viertes Finanzquartal vor dem Dezember endete - konnten 62 Prozent die Gewinnprognosen der Analysten übertreffen. Das entspricht in etwa dem langjährigen Schnitt.

"Das würde einer langsamen Verbesserung von dem Tief im dritten Quartal entsprechen", sagen Thomson/Reuters-Analysten, "mit einstelligen prozentualen Zuwächsen Ende 2012 und im ersten Halbjahr 2013."

Mehr als das scheint auch nicht drin zu sein. Die Exporte sind angesichts der schwachen Weltkonjunktur seit Juli um 2,7 Prozent gesunken. Die Umsätze im Einzelhandel enttäuschten zuletzt ebenfalls. Die US-Kette Target berichtet von stagnierenden Umsätzen im Dezember. Macy's will 2013 sechs Läden dichtmachen. Die 19 großen Retailer, die vergangene Woche am Donnerstag Verkaufszahlen für den Dezember berichteten, legten im Schnitt um 2,3 Prozent zu. Inflationsbereinigt sind das nur 0,5 Prozent. Darin enthalten sind nicht die Läden, die in den vergangenen 12 Monaten dichtmachen mussten.

"Die Einzelhändler haben an Weihnachten ein Desaster vermieden, mehr nicht, das ist das Beste was man über die Saison diesmal sagen kann", meint der Retail-Berater Joel Bines bei AlixPartners. Und beim Research-Unternehmen Retail Metrics heißt es, der Dezember sei nicht so schlimm gewesen wie erwartet.

McDonald´s und Coca-Cola: Banger Blick nach Europa

Für die großen US-Firmen - vor allem solche, die auch in Europa viel verkaufen wie McDonald's , Coca-Cola  oder Caterpillar  - stellt sich zudem die Frage, ob die Wirtschaftsleistung in der Eurozone weiter sinken wird. Im günstigsten Fall könnten die Gewinne in der Bilanzrunde für das dritte Quartal ganz leicht steigen.

Doch auf der anderen Seite in diesem Duell könnte die Unsicherheit noch zunehmen. Die Republikaner in Washington haben zuletzt erklärt, dass für sie das Thema höhere Steuern jetzt abgehakt sei. Die Demokraten beharren aber darauf, im Gleichschritt mit etwaigen Ausgabenkürzungen die Steuereinnahmen für höhere Einkommen weiter nach oben zu fahren.

Keine spürbare Erleichterung von der Gewinnrunde - von Ausnahmen wie Banken und Baufirmen vielleicht abgesehen - aber anhaltende Kliff-Ängste, die wegen einer Verschärfung der politischen Konfrontation zwischen Demokraten und Republikanern sogar eskalieren könnten. Es bleibt spannend an der Wall Street.

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