Dienstag, 7. April 2020

Zeitenwende Gestandene Industrie plündert das Silicon Valley

Fieberhafte Suche: Die Industrie erobert das Silicon Valley
Corbis

2. Teil: "Software frisst die Welt auf"

Sie alle liefern wichtige Hinweise, die sich auswerten lassen. So kann das Energiemanagement industrieller Gebäude verbessert werden, oder der Betrieb einer Bohrplattform. In den USA will die National Highway Traffic Safety Administration bis zum September 2014 flächendeckend in allen neuen Pkw "schwarze Boxen" wie in den Flugzeugen einführen. Die Kontrollinstrumente werden bis zu 80 Funktionen auswerten. Das erlaubt nach Unfällen einem Richter im Streitfall nicht nur festzustellen, ob ein Fahrer wirklich angeschnallt war, oder ob er frühzeitig gebremst hat.

Für die Autofirmen tun sich hier Fundgruben für Verbesserungen und Kundenwerbung auf. Facebook Börsen-Chart zeigen sammelt täglich bis zu 2,7 Milliarden "Likes" und 300 Millionen Photos. Das sind Informationen, die sich für Werbezwecke nutzen lassen. Ein weiteres Beispiel: Immer mehr US-Städte setzen in öffentlichen Bussen Mikrofone und Kameras ein. Zur Sicherheit der Fahrgäste, wie betont wird - aber ein entscheidender Aspekt des Ganzen verheimlicht wird. Was das ist zeigen Städte wie San Francisco, Baltimore oder Athens in Georgia.

Dort platzieren die Busgesellschaften je Bus drei Mikrofone und sechs bis acht Kameras. Dabei entstehen in der Tat Mitschnitte, die gegebenenfalls einmal bei Gericht in einem Verfahren verwendet werden können. Aber die Anlagen dienen jeden Tag auch zur Auswertung für Anzeigen, die sich auf bestimmten Buslinien am besten verkaufen lassen. Von der Schuhmode über Krawattenfarben bis hin zu den beliebtesten Fast Food-Gerichten lässt sich alles auswerten. Und das ist nur ein Beispiel. Weitere gefällig?

Die Audio-Systeme in Bussen lassen sich zum Beispiel mit Ticketverkäufen, GPS und der Benutzung von Handys abstimmen. Für Datenschützer ein Albtraum, für Marketingexperten die sich mit Datentechnikern zusammen raufen, sind das Schatzinseln. Aber die immensen Datenberge müssen erst einmal ausgewertet werden. Und dafür braucht man industrieerfahrene Spezialisten.

Höheres Entwicklungstempo, mehr Kundenorientierung

"Software frisst die Welt auf", sagt Hewlett-Packard-Aufsichtsrat und Netscape-Mitbegründer Marc Andreessen. Er ist ein Multimillionär, der die eskalierende Jagd auf Softwareingenieure aus nächster Nähe beobachten kann. Andreessen verweist darauf, dass der größte Buchhändler, der größte Videoverleiher, das am schnellsten wachsende Unterhaltungs-Unternehmen sowie die führende Direktmarketingplattform der Welt - Google Börsen-Chart zeigen - allesamt Software-Konzerne sind.

"Ungefähr 50 Prozent unserer IT-Aufgaben wurden bis vor Kurzem von Mitarbeitern anderer Unternehmen erledigt", erklärt GE-Chief Information Officer Cherlene Begley, "das hatte was für sich, aber es hatte auch viele Nachteile, wir haben viel technische Kapazitäten verloren, die wir kontrollieren sollten." GE hat um Abhilfe zu schaffen im Großraum San Francisco ein eigenes Softwarebüro eröffnet und investiert in viel versprechende Start-Up-Firmen. Die Investition umfasst eine Milliarde Dollar für 400 Softwareexperten, die innovative Programmierungen für immer smartere Geräte entwicklen sollen.

Wal-Mart hat im April 2011 sein eigenes Software-Labor im Silicon Valley eröffnet. Die Belegschaft ist seitdem von 50 auf 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewachsen. Das Umsatzziel des weltweit größten Retailers wurde für den E-Commerce-Bereich für 2013 auf neun Milliarden Dollar veranschlagt. Amazon, der unbestritten größte Online-Händler, macht inzwischen mehr als 13 Milliarden Dollar Umsatz pro Quartal.

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