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Welthandel: Atlantische Schlammschlachten

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Welthandel Atlantische Schlammschlachten

Obama punktet im TV-Duell gegen Romney, doch beidseits des Atlantik herrscht Ärger über die ungelösten Probleme. Die USA kritisieren das Euro-Krisenmanagement, Europäer und Amerikaner machen gegen chinesische Exporte mobil, und Schwellenländer schimpfen über die Geldpolitik der USA. Legt die Globalisierung den Rückwärtsgang ein?
Von Markus Gärtner

Stagnierender Welthandel, ungelöste Schuldenprobleme, Angst vor einem wirtschaftlichen Einbruch in den USA und China. Dazu der japanisch-chinesische Inselstreit, der Nippons Ausfuhren einbrechen lässt. Und schließlich Meinungsverschiedenheiten zwischen Paris und Berlin über die weitere politische Verzahnung in Europa.

In den Regierungszentralen der G7 wächst die Nervosität. Auch die BIP-Prognosen wackeln. Und in den USA weiß trotz des Punktsiegs von Barack Obama im letzten TV-Duell niemand, wie die Präsidentenwahl in zwei Wochen ausgehen wird.

Obama und Romney liefern sich ein knappes Rennen. In dieser Situation schleust die US-Notenbank den Dollar nach unten, um die Exporte anzukurbeln. In Europa und in Washington werden gleichzeitig gegen chinesische Produkte empfindliche Tarife verhängt. Zuletzt waren Chinas Hersteller von Solaranlagen das Ziel solcher Maßnahmen.

Chinas Landeswährung, der Yuan, ist in den vergangenen Tagen auch noch ein Top-Thema im US-Wahlkampf geworden. "Das Land manipuliert seit vielen Jahren die Wechselkurse", schimpft Mitt Romney.

Brasilien: Geldschwemme der Fed ist egoistisch

Romney will im Falle eines Wahlsieges als erste Amtshandlung die Volksrepublik offiziell der Manipulation bezichtigen. Obama verweist derweil auf die Verteuerung des Yuan um 10 Prozent gegenüber dem US Dollar in den vergangenen zwei Jahren. Der Druck, den seine Administration auf die Chinesen ausgeübt habe, zeige Wirkung. Romney dagegen habe in seinen Zeiten als Finanzinvestor in Firmen investiert, die sich als Pioniere der Auslagerung von Jobs ins Reich der Mitte einen Namen gemacht hätten.

In den großen Schwellenländern stößt unterdessen die jüngste Geldschwemme der US-Notenbank so schwer auf, dass es Vorwürfe hagelt. Brasiliens Finanzminister Guido Mantega bezeichnet die dritte große Gelschwemme der Fed als "egoistisch." Die Industrieländer, so Mantega, "können nicht darauf zählen, mit den Ausfuhren zu Lasten der Schwellenländer ihren Weg aus der Krise zu bahnen."

Eine neue Geldflut mit äußerst schädlichen Nebenwirkungen fürchten unterdessen nicht nur die Finanzminister der BRIC-Staaten. Auch in Europa gibt es derartige Bedenken. Billiges Geld, so warnte Allianz-Finanzchef Maximilian Zimmerer am Wochenende, könne in Deutschland zu einer Immobilienblase mit extrem hohen Preisen führen.

Nervosität in Kanada, doch Europa bleibt die größte Sorge

Auf der anderen Seite des Atlantiks, beim nördlichen Nachbarn der USA, liegen ebenfalls die Nerven blank. Gerade wurde dem kanadischen Finanzminister Jim Flaherty mitgeteilt, dass das Ahornland sein Defizit-Ziel im jüngsten Haushalt knapp verfehlt hat. Kühlt die Weltwirtschaft weiter ab - und erleiden die USA wegen ungelöster Schuldenprobleme 2013 einen konjunkturellen Rückschlag - dann droht dem Schulden-Musterland Kanada die Verfehlung des wichtigsten Regierungsziels von Premier Stephen Harper.

Dieser will im Budgetjahr 2016 wieder einen Überschuss im Budget ausweisen. Jetzt droht ihm aber nicht nur eine Zielverfehlung, sondern auch noch ein konjunktureller Rückschlag. Der Internationale Währungsfonds drosselte in seinem Herbstausblick vor zwei Wochen die Prognose für Kanada auf einen BIP-Zuwachs von 1,9 Prozent im laufenden Jahr und auf 2 Prozent für 2013.

Und Kanadas Notenbank warnte im neuen Quartalsbericht am 15. Oktober, die Sorge in den Firmen über die kommenden Monate nehme zu. Erwartungen für Umsatz, Investitionen und Neueinstellungen würden derzeit gezügelt. "Das Resultat unserer Umfrage legt es nahe", heißt es im Herbstausblick der Bank of Canada, "dass langsames Wachstum in der globalen Wirtschaft sowie Unsicherheit über die Nachfrage die Aktivität der Firmen zügeln." Die Ausfuhren des Landes sind bis August gegenüber dem Vorjahr bereits um 12 Prozent zurück gegangen.

Laut dem Ökonomen Derek Holt bei der Bank of Nova Scotia  signalisieren Kanadas Handelszahlen ein starkes Abbremsen der heimischen Wirtschaft. Sowohl die Konsumausgaben als auch die Investitionen der Firmen scheinen demnach scharf abzubremsen, das jüngste Quartal sei "nicht nett zu den Exporteuren des Landes gewesen." Die Welthandelsorganisation WTO hatte schon Ende September gewarnt, dass sich das Wachstum des internationalen Güteraustauschs im laufenden Jahr auf 2,5 Prozent abschwächen kann.

Europa ist nicht die einzige Sorge im Ahornland

Europa ist dabei die größte, wenn auch nicht die einzige Sorge im G7-Land Kanada. "Basierend auf den langfristigen Aussichten in Europa könnten Kanadas mittelfristige Perspektiven neu bewertet werden", fürchtet der Top-Ökonom Douglas Porter bei BMO Capital Markets in Toronto. Flaherty hat das beim G7-Treffen vor zwei Wochen viel deutlicher ausgedrückt: "Die größte Sorge bei diesem Treffen?

Europa steht ganz oben auf der Liste. Die Lage in Europa hat sich nicht gebessert, weil zu wenig getan wird." Erst zum Ende des Gipfels in Tokyo nahm der Kanadier seine Dauerkritik etwas zurück und schloss sich den Forderungen von IWF-Chefin Christine Lagarde an, den Griechen beim Erreichen ihrer ehrgeizigen Budgetziele mehr Zeit zu geben.

Doch während Flaherty auf die Europäer eindrosch, legte sich sein Notenbankchef mit einem Pendant in der Bank of England an. Der zuständige Mann für die Stabilität der Finanzmärkte bei der britischen Notenbank, Andy Haldane, hatte im August beim Jahrestreffen der US-Notenbank in Jackson Hole die neue Basel III-Regeln als "zu komplex" bezeichnet.

Haldane forderte die internationalen Regulierer auf, einen simpleren Weg zu beschreiten. Das wurde in Kanada als eine direkte Attacke betrachtet. Schließlich leitet leitet Kanadas Notenbankchef Mark Carney das Financial Stability Board, das sich um die Basel III-Regeln kümmert. Carney watschte den Briten ab, indem er dessen Kritik als "unausgewogen" bezeichnete. Der Bank of England-Mann liege völlig daneben.

Fiskalisches Kliff in Sichtweite

Damit aber nicht genug. Jim Flaherty diktierte auch den Amerikanern noch eine Mahnung ins Protokoll. Falls es Washington nicht gelinge, das "fiskalische Kliff" zu umgehen, könnten alle in die Rezession abdriften.

"Dies ist eine sehr ernste Situation für Nordamerika und für die ganze Welt", sagte Flaherty. Auch der IWF hatte tags zuvor gewarnt, die Anfang 2013 in den USA automatisch einsetzenden 100 Milliarden Dollar an automatischen Budgetkürzungen sowie 500 Milliarden an auslaufenden Steuersenkungen kämen einem Spareffekt im Haushalt von 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gleich.

Die Kritik aus Brasilien, China, Russland und Kanada ließ US-Notenbankchef Ben Bernanke keine Ruhe. Er stellte vor einer Woche klar, es sei keineswegs sicher, dass die ultra-lockere Geldpolitik der Fed den Volkswirtschaften der großen Schwellenmärkte schade. Bernanke schlug sogar zurück: Die Schwellenländer lösten mit Interventionen zu Gunsten ihrer Währungen destablisierende Zuflüsse an ausländischem Kapital aus.

Im transatlantischen Schlagabtausch zwischen Kanadiern und Europäern sowie beim Streit der USA mit den Schwellenländern zeichnet sich kein Ende ab. Im Gegenteil.

Globalisierung im Rückwärtsgang

Kanadas Konjunktur dürfte in den kommenden Monaten nicht nur wegen schwacher Absatzmärkte in Europa und den USA leiden. Sie wird zusätzlich an Schwung verlieren, weil die Preise für wichtige Rohstoffe, die Kanada ausführt - darunter Öl, Gas und Industriemetalle - weiter sinken dürften. Und die US-Notenbank könnte, falls Obama wiedergewählt wird, noch eine ganze Weile die Geldschleusen geöffnet halten.

Zweifel an der Wirksamkeit von QE3 könnten sogar zu einer noch stärkeren Geldschwemme führen. Das fordern auch einflussreiche Ökonomen wie Nobelpreisträger Paul Krugman. Im Jahr fünf der Krise, so Krugman, bräuchten die USA "ein weiteres Konjunkturpaket." Die Notenbank solle unterdessen "tun was sie kann", um eine wirtschaftliche Erholung zu unterstützen.

Die zunehmenden Gereiztheiten - nicht nur in den transatlantischen Beziehungen, werfen kein gutes Licht auf die Weltwirtschaft, die derzeit ohnehin abbremst. Sie treffen zusammen mit dem teilweisen Rückzug vor allem europäischer Banken, die in den vergangenen vier Jahren ihre Führungsrolle bei syndizierten Krediten in Asien eingebüßt haben.

Sie treffen auch zusammen mit den nachlassenden Direktinvestitionen in großen Schwellenländern und mit einem nachlassenden Geschäft bei Fusionen und Übernahmen. Sollte die Globalisierung den Rückwärtsgang einlegen, könnte das die ohnehin angeschlagene globale Konjunktur schwer in Mitleidenschaft ziehen.

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