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Was auf uns zukommen soll: Finanzpanik, Handelskriege, Besinnnung

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Obama oder Romney "Die Frage ist nur, wer uns früher ruiniert"

Gerald Celente ist Amerikas führender Trendforscher. Er hat die Ära des Gourmet-Kaffees ebenso vorhergesagt wie die Finanzkrise 2008. Im Interview mit manager magazin online sagt er der Welt neue Kriege voraus - und die nächste Finanzpanik schon für 2013.
Von Markus Gärtner

mm: In drei Wochen, am 6. November, wählt Amerika seinen nächsten Präsidenten. Welchen Unterschied macht es, ob der Amtsinhaber Barack Obama gewinnt, oder sein Herausforderer Mitt Romney?

Celente: Der einzige Unterschied, fürchte ich, wird darin bestehen, wer das Land langsamer ruiniert. Die Programme der beiden unterscheiden sich nicht wirklich. Wir haben in den USA ein zweiköpfiges Ein-Partei-System. In der Außenpolitik gibt es auch keinen Unterschied. Außer vielleicht, dass Romney noch mehr Bomben auf den Iran werfen würde. Schauen Sie sich die Bilanz von Obama an: Nicht ein Verantwortlicher an der Wall Street wurde für die Finanzkrise bestraft. Nicht einmal MF-Global-Chef Jon Corzine haben sie sich geschnappt. Der ist nämlich ein Demokrat wie Obama und hat Hunderttausende für die Kampagne des Präsidenten gespendet. Jetzt streiten beide über die Steuern.

mm: Was ist mit Jobs?

Celente: Weder Obama noch Romney hat ein überzeugendes Programm für neue Jobs präsentiert. Wir brauchen hier gut bezahlte Arbeitsplätze. Aber wir haben kein Ausbildungssystem wie Deutschland, wo richtige handwerkliche Fertigkeiten unterrichtet werden, mit denen Menschen Jobs finden, die sie gut ernähren.

mm: In den vergangenen Tagen kamen vereinzelt Zeichen für eine Stabilisierung der US-Konjunktur. Die Arbeitslosenrate sank zuletzt auf 7,8 Prozent. Kritiker halten die Zahl jedoch für manipuliert. Was denken Sie?

Celente: Ich weiß es nicht. Aber warum sollte ich der Regierung etwas glauben? Die haben uns ständig angelogen, schon im Vietnamkrieg und beim Überfall auf den Irak. Aber schauen wir uns einfach die Zahlen an. Im September wurden 114.000 neue Jobs geschaffen. Wir brauchen jedoch allein 150.000, um das Wachstum der Bevölkerung aufzufangen. Seit der Großen Rezession haben wir 24 Millionen Arbeitsplätze verloren. Doch 53 Prozent der Jobs, die seitdem geschaffen wurden, sind Bedienungen in Restaurants, Bartender und Pflegehilfen. Die verdienen keine Löhne, die eine Familie ernähren. Im Verarbeitenden Gewerbe haben wir im jüngsten Monat 14.000 Jobs verloren. Und seit dem März gingen dort fast 800.000 Vollzeit-Jobs verloren. Also selbst wenn die Zahlen nicht manipuliert waren, sind sie ein Desaster.

mm: Was ist derzeit das größte Risiko für die US-Konjunktur? Drastische Haushaltseinsparungen in 2013, ein Crash am Anleihenmarkt, steigende Zinsen, oder die Dezimierung der Mittelschicht?

Celente: Ich erwarte nicht, dass die Zinsen steigen. Europa und die USA können sich das nicht leisten. Die müssen noch mehr Geld in das System pumpen. Schauen Sie sich die Gewinnbilanzen an. Die Banken verdienen nun prächtig an der Refinanzierung von Hypotheken. Und von ihren Zinsvorteilen geben sie nichts an die Kunden weiter. Müssen sie auch nicht, sie haben ja die Macht an sich gerissen.

mm: Das aber nicht nur in den USA, oder?

Celente: Auch in Europa. Schauen Sie sich den Bundestag an. Der hat seine Souveränität verloren. Die wurde dem Parlament entrissen und nach Brüssel weiter gereicht. Und so geht es derzeit jedem Land in der Euro-Zone. Brüssel und die Europäische Zentralbank ziehen immer mehr Macht an sich.

mm: Was ist die größte Gefahr für die USA?

Celente: Es ist die Eliminierung der Mittelklasse. Die Schere zwischen Armen und Reichen ist in den USA auf dem Niveau von Kasachstan und Uganda angekommen. Seit Beginn der Großen Rezession sind die Einkommen um 10 Prozent gefallen. Unsere Kinder in den Colleges haben 1000 Milliarden Dollar Schulden angehäuft, mehr als alle Konsumenten zusammen. Und sie kriegen keine Jobs dafür.

mm: Beklagt wird oft die Qualität der Jobs, die entstehen. Teilen Sie diese Kritik?

Celente: Jeder zweite Uni-Abgänger bekommt einen Job, für dessen Erledigung nicht mal der Abschluss der High School verlangt werden müsste. Schauen Sie sich diese irreführenden Namen an: Bei Starbucks  werden Sie ein "Barista" - aber Sie machen nur Kaffee. Bei Wal-Mart  heißen Sie "Associate" - aber Sie machen nur 62,50 Dollar die Woche nach Steuern und anderen Abzügen, und haben einen Leistenbruch, weil Sie bis drei Uhr morgens die Regale füllen. Das sind die Jobs in Amerika. Und wir jubeln stets, wir seien die Nummer eins. Nein, Amerika, das bist Du nicht! Die Besten seid Ihr höchstens bei der Zahl der Gefängnisinsassen und bei den Fettleibigen.

mm: Sehen wir den Anfang vom Ende der Supermacht USA?

Celente: Unser Land baut rapide ab. Ich bin als Junge in der Bronx aufgewachsen, und ich sage: Wenn die Leute alles verlieren und nichts mehr haben, verlieren sie alle Hemmungen. Und sie verlieren die Hemmungen nicht nur in den USA, sondern auch in Spanien, Portugal und Griechenland. - Ich weiß nicht, was uns am Ende über das Kliff schieben wird. Aber 16.000 Milliarden Dollar Schulden, mit immer neuen Budget-Defiziten, das ist nicht durchzuhalten. Auch in Europa nicht.

"Die Probleme werden sich nicht in Luft auflösen"

mm: Wie stark ist der Dollar von dieser Erosion betroffen?

Celente: Es ist schwer vorherzusehen, ob wir da eine starke Erosion erleben werden. Wenn europäische und amerikanische Konsumenten keine Produkte mehr kaufen, können China, Indonesien und Vietnam nichts exportieren. Dann führen Australien, Kanada und Brasilien auch weniger Rohstoffe aus. China ist jetzt in einer schwierigen Situation. Es muss mit einer Immobilienblase fertig werden. Die Einfuhren und Ausfuhren verlieren Schwung. Peking senkt die Zinsen und hilft den Banken. Die machen dasselbe wie die Europäer und Amerikaner. Wenn man jetzt aus dem Dollar rausgeht, und zum Beispiel in den Euro rein, dann ist das, wie wenn man von einem untergehenden Schiff auf das andere wechselt, von der Titanic auf die Lusitania. Das ist unsere Situation. Alle Währungen sind wegen fortlaufender Geldvermehrung unter Druck.

mm: Wie beurteilen Sie die Situation in Europa? Sie haben kürzlich Berlin besucht. Findet die politische Elite auf dem Kontinent eine tragfähige Lösung für die Schuldenkrise?

Celente: Schauen wir auf die Entscheider in der Politik. Spanien zum Beispiel, Mariano Rajoy. Wer ist Rajoy? Ein farbloser, glanzloser Apparatschik, der sich als guter Soldat nach oben gearbeitet hat. Sein Vater, ein Richter und Vollstrecker der Franco-Diktatur, hat ihn in die Politik gebracht. Rajoy ist ein Feigling, er rannte im April aus dem Parlament, als Reporter ihm unangenehme Fragen stellen wollten. Was qualifiziert ihn, schicksalsträchtige Entscheidungen zu treffen? Die Antwort ist: nichts.

mm: In welchem Stadium der Krise befinden wir uns in Europa? Kann das noch Jahre so weitergehen?

Celente: Die Probleme werden sich nicht in Luft auflösen. Sie werden nur durch den Kauf wertloser Schuldtitel durch die EZB hinausgezögert. Das geht theoretisch so lange, bis die Blase platzt.

mm: Wann platzt sie?

Celente: Wann sie platzt? Ich glaube gar nicht, dass sie platzt. Ich denke, dass die Misere in einem Krieg enden wird. Man sieht exakte Parallelen zu den 20er Jahren. Dem Börsencrash folgte damals die große Depression, dann Handelskonflikte, dann Währungskriege - und schließlich der Zweite Weltkrieg.

m: Ist das nicht etwas schwarz gemalt?

Celente: Schauen Sie, nach der Finanzkrise 2008 kam eine Depression. Der einzige Grund, warum Sie vor vier Jahren in den USA keine langen Schlangen von hungernden Arbeitslosen sahen, ist die Tatsache, dass man ihnen Essensmarken aus Plastik gab. Das hält sie von der Straße fern. Und die Währungskriege sehen wir jetzt auch schon: Alle werten ihre Währung ab, um die Exporte anzuheizen. Brasiliens Finanzminister hat ja den Währungskrieg bereits festgestellt.

mm: Und jetzt kommt der Krieg?

Celente: Ein Handelskrieg gegen die Chinesen, den nicht nur die USA führen, sondern auch Europa. Das wird der erste große Krieg des 21. Jahrhunderts. Wenn alles nichts mehr hilft, führen sie uns in den Krieg. Das war schon immer so in der Geschichte. Die USA gingen mit dem Zweiten Weltkrieg aus der Großen Depression. Und schauen Sie sich die Brandherde von Libyen über Tunesien bis Syrien an. Und dann die Destabilisierung in Griechenland, Portugal und Spanien. Da herrscht Klassenkampf. Es wird aber nicht um Territorium gekämpft, sondern um Geld. Es ist ein Geld-Krieg. Sehr wenige haben viel zu viel, und viel zu viele haben viel zu wenig. Millionen von Menschen sind wütend. Während das Finanzsystem auf den Kollaps wartet, wird ein externer Feind gesucht. Das ist jetzt der Iran.

mm: Sie haben Griechenland, Portugal und Spanien erwähnt. In den USA gab es ja die Occupy-Wall-Street-Bewegung. Um die ist es aber sehr still geworden.

Celente: Ich war überzeugt, dass sich diese Bewegung weltweit ausbreitet, dass sie anhält. Hat sie aber nicht, sie ist gestorben. Warum? Ich weiß es nicht. Ich bin schockiert, dass es so kam. Ich war bei einigen der Protestler, auch einmal in Frankfurt. Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht, was es mit den Menschen ist, dass sie immer unter die Fuchtel der Banker und Politiker kommen.

mm: War das die vorerst letzte große Chance, für mehr Demokratie und weniger Ungleichheit zu kämpfen?

Celente: Das glaube ich nicht. Sie sehen weltweit die Leute aufbegehren. Von den Indignados in Spanien über die Revolte in Syrien bis nach Italien mit der Fünf-Sterne-Bewegung. Da kommt wirklich etwas in Bewegung. Und ich glaube, diese schlimme TV-Debatte zwischen Romney und Obama am 3. Oktober, die war das Beste, was der Welt passieren konnte. Sie hat das schlimme Kaliber der Leute gezeigt, die uns regieren. Glauben Sie, dass das in Deutschland anders ist? Ist Merkel anders als Romney oder Obama? Ist Rajoy anders als Monti?

mm: Sagen Sie es uns!

Celente: Die sind alle gleich, sage ich Ihnen. Aber schauen Sie sich die Power von Stuttgart 21 an. Die Leute haben erkannt, dass sie etwas bewegen können. Sie beginnen sich gegen die Politiker zu erheben. Doch die Leute haben eine Illusion, sie denken sie leben in einer Demokratie. Sie denken, sie haben politische Alternativen. Das ist aber nicht so. Wir werden von Parteien regiert, die das tun, was ihre größten Wahlkampfspender wollen. In den USA nennen wir das harmlos "Campaign Financing." Unter Erwachsenen heißt das normalerweise Bestechung.

"Die Wahl zwischen Renaissance oder Ruin"

mm: Sehen Sie einen Ausweg?

Celente: Ich denke, der einzige Ausweg ist das Schweizer Modell der Demokratie. Lasst die Leute abstimmen. Zum Beispiel dachte ich, dass die Karlsruher Richter bei Ihnen daheim, als die über den Stabilitätsmechanismus abstimmten, ein Referendum verlangen würden. Aber das Gericht hat gar nicht über die Verträglichkeit mit der Verfassung geurteilt, sondern nur über die finanztechnische Praktikabilität. Das soll ein Verfassungsgericht sein? Das ist ein Haufen Narren.

mm: Was sind Ihre wichtigsten Prognosen für 2013?

Celente: Die stellen wir gerade zusammen. Es wird wohl unter anderem eine neue Besinnung auf die wichtigen Dinge im Leben geben. Wenn die Leute viel verlieren, fangen sie an, sich selbst in Frage zu stellen. Das ist auch in der Renaissance passiert. Man hat fundamentale Fragen gestellt: Was ist es, das unsere Lebensgrundlagen zerstört? Wie können wir es besser machen? Und damals hat man sich mit der antiken Vergangenheit beschäftigt. Es gab eine Wiedergeburt, eine Wiederentdeckung. Wir können auch eine Renaissance haben. Es gibt jedoch nur zwei Möglichkeiten, wenn Sie mich fragen: Renaissance oder Ruin. Die Leute haben es in der Hand.

mm: Was ist mit dem Finanzsystem?

Celente: Wir werden auch eine Finanzpanik erleben. All diese Bailouts, die Stimulusprogramme, Rettungspakete und Anleihekäufe. Das kann man nicht aufrechterhalten. Es wird an vielen Brennpunkten auf dem Globaus noch mehr Unruhe geben. Schauen sie auf den Inselstreit zwischen Japan und China. Wie kann sich Japan im Augenblick so etwas leisten? Wie dumm muss man sein? Die schlagen sich um ein paar kleine Inseln, während ihre Exporte von China abhängen. Welche Psychopathen sitzen da in der Regierung? Und schauen Sie auf den blutigen Klassenkampf der Bergleute in Südafrika. De Beers hat mich 2008 im Juni eingeflogen. Ich sollte den Südafrikanern klarmachen, wie sie mehr Jobs schaffen und Geld ins Land bringen können. "Hört auf, jeden Penny rauszuziehen", habe ich den Minengesellschaften erklärt, "schleift die Diamanten hier und bringt gut zahlende Jobs ins Land, sonst gibt es nur zwei Möglichkeiten: Fürchterliche Streiks, oder eine Verstaatlichung."

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