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Rezession: Chinas Trittbrett wird morsch

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Rezession Chinas Trittbrett wird morsch

Australien droht nach 21 Jahren wieder eine Rezession. Kanada fürchtet um seine Rohstoffexporte. Mit ihren Lieferungen haben beide Länder Chinas Boom befeuert. Jetzt flaut die Turbokonjunktur im Reich der Mitte ab. Der Trittbrett-Ritt könnte zum Fluch werden - auch für Europa.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Als Chinas Wirtschaft noch mit zweistelligen Raten wuchs - im Jahr 2010 um 10,4 Prozent - machten es sich ganze Handelsnationen auf dem großen Trittbrett der globalen Wachstumslokomotive bequem. Asiatische Nachbarländer klinkten sich in die Lieferketten der chinesischen Exportwirtschaft ein.

Sie produzierten Komponenten für Autos, Laufwerke für Computer oder Tastaturen für iPads zur Endmontage im Reich der Mitte. Damit profitierten sie indirekt von eskalierenden Absatzerfolgen der Chinesen in Europa und den USA, aber auch auf dem rasant wachsenden heimischen Markt im Reich der Mitte. Die deutsche Wirtschaft steigerte ihre Exporte in die BRIC-Staaten bis 2010 auf 100 Milliarden Euro, der Löwenanteil der Waren ging nach China.

Der Autoboom in der Volksrepublik beflügelte Phantasien und Bilanzen - nicht nur bei deutschen Autobauern. Rohstoffländer wie Australien und Kanada konnten derweil dank des Immobilienbooms und dank des rapiden Ausbaus von Straßen, Schienen und Kraftwerken in China fabelhaft verdienen.

Australien hängt an Chinas Tropf

Seit 1991 explodierte der Außenhandel zwischen Australien und China auf das 33fache. Australiens Ausfuhren - angetrieben von immensen Eisenerz- und Kohlelieferungen nach China - erreichten 2011 den höchsten Stand in 140 Jahren. Die Arbeitslosigkeit halbierte sich fast auf 5 Prozent. Anfang der 90er Jahre erlebte der fünfte Kontinent seine vorerst letzte Rezession.

Das war, als Boris Yeltsin in Moskau auf einen Panzer kletterte und die Ära von US-Präsident Bill Clinton in den USA noch gar nicht begonnen hatte. Doch jetzt verliert Chinas Konjunktur kräftig Dampf. Das globale Trittbrett der aufstrebenden Wirtschaftssupermacht beginnt morsch zu werden. Und in Melbourne und Sydney läuten die Alarmglocken.

"Wenn China eine harte Landung erlebt, ist Australien so stark betroffen wie kein anderes Land auf der Welt", erklärt Saul Eslake, Chefökonom der Bank of America  in Melbourne. Kein Wunder: China kauft 28 Prozent der australischen Ausfuhren. Zwischen Sydney, Perth und Darwin sind 270 Milliarden Dollar in Bergbauprojekten gebunden, um den hungrigen chinesischen Drachen zu füttern. Die laufenden Investitionen des australischen Minensektors entsprechen 9 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Das Land wird allein für seine Eisenerz-Lieferungen nach China im laufenden Jahr 65 Milliarden Dollar einnehmen. Doch jetzt hat sich der Wind kräftig gedreht.

Schlechtes Timing

"Die Unsicherheit in China hat in den beiden vergangenen Monaten drastisch zugenommen", erklärt Andrew Keen, der Chef für Metalle und Bergbau bei der HSBC Bank . Seit Tagen warnen nicht nur Rohstoff-Lieferanten wie der Aluminium-Schmelzer Alcoa , der Motoren-Hersteller Cummins Engine und die Weltbank vor langsamerem Wachstum in China. Das Resultat der seit Wochen wachsenden Nervosität: Die Preise für Eisenerz stehen vor dem längsten Rückgang in 20 Jahren. Von 192 Dollar je Tonne im Februar 2011 sind sie auf unter 100 Dollar gefallen.

Sie könnten auf 50 Dollar im kommenden Jahr weiter einbrechen, sagt Andy Xie vorher, der ehemalige Chefökonom für Asien-Pazifik bei Morgan Stanley . Auf diesem Niveau wurde der wichtige Rohstoff für die Stahlwirtschaft seit 2006 nicht mehr gesehen. Und die Kohlepreise haben sich seit dem Hoch 2008 halbiert.

Die beiden Rohstoffe machen zusammen ein Drittel von Australiens Exporten aus. Der Preisverfall kann laut Ökonomen die Steuereinnahmen des Landes im aktuellen Finanzjahr um 10 Milliarden Dollar reduzieren. Das kann für Australiens Haushalt laut dem Deutsche Bank-Ökonom Adam Boyton ein Defizit von 1,5 Prozent des BIP verursachen.

Laut Boyton kann der Wachstumsbeitrag der Exporte am BIP im laufenden Quartal um 15 Prozent zurückgehen. In Australien hat dies Großalarm ausgelöst.

Wie ein Zugunglück in Zeitlupe

Ministerpräsidentin Julia Gillard hat die Rückkehr zu Budgetüberschüssen zu einem ihrer zentralen Wahlversprechen für das kommende Jahr gemacht. Das Ziel droht ihr zu entgleiten, noch bevor der Wahlkampf richtig begonnen hat. Neben dem Sparprogramm hat die Regierungschefin Anfang des Jahres auch noch eine 30-prozentige Steuer auf die Gewinne der Eisenerz- und Kohlefirmen eingeführt. Ein miserables Timing, wie sich in Nachhinein zeigt. Die Löhne im australischen Bergbau haben Rekordstände erreicht. Die Immobilienpreise sind in die Höhe geschossen. Der Aussie-Dollar hat Rekordstände erklommen.

"Wir sehen hier ein Zugunglück in Zeitlupe ablaufen", sagt die Top-Ökonomin Su Lin Ong bei RBC Capital Markets, "geringere Einkünfte aus dem Export werden in Australien Vermögen, Einkommen und Konsum drosseln, und das ganze passiert, während die Fiskalpolitik bereits restriktiv ist und der starke Austral-Dollar den Exporten schadet."

Diesem Risiko hat Australiens Zentralbank vor einer Woche Rechnung getragen, als sie überraschend den Leitzins um 25 Basispunkte auf 3,25 Prozent senkte. Das ist der niedrigste Zinssatz in drei Jahren und nur einen Hauch von jenen 3 Prozent entfernt, auf die er während der Finanzkrise vor vier Jahren gefallen war. "Der Gipfel der Bergbau-Investitionen dürfte im kommenden Jahr erreicht werden, und er dürfte sich auf einem niedrigeren Niveau einstellen als bisher erwartet", sagt Notenbankchef Glenn Stevens zur Begründung für die geldpolitische Lockerung.

Stevens spielt darauf an, dass der Bau neuer Minen der beschäftigungs-intensivste Teil im Bergbau ist. Der eigentlich Betrieb der Minen braucht laut Branchenexperten je nach Rohstoff nur ein Viertel bis ein Zehntel der Arbeitskräfte, die in der Bauphase benötigt werden. Das verspricht auch für den Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten kräftigen Gegenwind. Seit dem Sommer haben Bergbau-Konzerne wie BHP  Projekte im Gesamtwert von mehreren 10 Millionen Dollar gestrichen oder vertagt. Ein schwerer Schlag für die Regierungschefin, die den Bergbau gerne als "den starken rechten Arm unserer Wirtschaft" bezeichnet.

Langer Rohstoffboom legt eine Pause ein

Australiens Notenbank setzt darauf, dass andere Wirtschaftszweige wie der Immobiliensektor, der Tourismus oder der Einzelhandel die Rolle als Zugführer der Konjunktur übernehmen können. Sonst droht Ungemach. Doch die Nachfrage nach Hypotheken im Land fiel im August auf ein historisches Tief. Die Verkäufe neuer Häuser fallen so gering aus wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Konsumkredite gehen zurück.

Stattdessen sparen die Australier und verzichten auf unnötige Ausgaben. Seit 2008 sind die Bankeinlagen um 60 Prozent gestiegen. Trotzdem hat die Verschuldung der privaten Haushalte mit 149 Prozent des verfügbaren Einkommens Werte erreicht, wie in den USA vor Ausbruch der Subprime-Krise, die fast das globale Finanzsystem zum Einsturz brachte.

Viele Ökonomen haben in Australien darauf vertraut, dass der Aussie-Dollar nachgeben und den Wechsel der Zugpferde in der Wirtschaft des Kontinents erleichtern könnte, indem er mehr Touristen anlockt und die Exporte verbilligt. Doch die Investoren zögern. Es gibt derzeit nur wenige überzeugende Alternativen, denn der US-Dollar schwächelt, der Euro ist in Gefahr und der Yen ist ebenfalls hoch bewertet. Der Aussie-Dollar bleibt im Vergleich zu den führenden Währungen in der Nähe seines 27-Jahreshochs.

Kein Wunder daher, dass auch im fernen Rohstoffland Kanada die Nervosität im Sog von Chinas Wachstums-Korrektur wächst. "Dank einer überbewerteten Währung, strikterer Kreditvergabe und dem Ausblick auf höhere Zinsen ist unsere Wirtschaft anfällig für eine zusätzliche Verlangsamung unter die Rate von 2 Prozent." Das erklärt Sherry Cooper, Executive Vice President bei der BMO Financial Group in Toronto. Sie ist die bekannteste Wirtschaftsexpertin im Ahornland.

Kanadas Osten stottert bereits, Westen wächst noch

Im Klartext: Der lange Rohstoffboom, der jetzt eine Pause einlegt, hat auch den Kanada-Dollar zu einer starken Währung gemacht, die im Sommer die Parität zum Greenback erreichte und seitdem hält. Das hat in Kanadas industriestarken Provinzen Ontario und Quebec die Exporte verteuert und das Wachstum gedrosselt. Auch in Kanada hat die private Verschuldung Höchstwerte erreicht.

Doch während der industrialisierte Osten des Landes stottert, wächst der rohstoffreiche Westen in British Columbia, Alberta und Saskatchewan noch. Alberta soll laut der BMO im laufenden Jahr mit 3,5 Prozent BIP-Zuwachs der Motor des Landes sein. Dank einer Steigerung der Ölproduktion in den Ölsanden von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Förderung von Ölsand soll sich bis 2012 noch weiter verdoppeln. Doch auch hier sind die ersten Bremsspuren gut zu sehen.

Albertas Wirtschaft war 2011 sogar um 5,2 Prozent gewachsen. Die Korrektur bei den Ölpreisen könnte laut dem "Provincial Monitor" der Bank of Montreal  das Defizit im Provinzhaushalt von geplanten 886 Millionen Dollar auf 2,3 bis 3 Milliarden Dollar aufblähen. Das wäre eine Überschreitung des Defizits von bis zu 160 Prozent. Der Internationale Währungsfonds hat daher seine BIP-Prognose für Kanada in dieser Woche für das laufende Jahr von 2,1 Prozent auf 1,9 Prozent zurück genommen. Doch lokale Analysten wie David Madani bei Capital Economics bezeichnen diese korrigierte Vorhersage als "zu optimistisch." Dies sagen auch Analysten mit Blick auf China selbst.

Die auf örtlicher Ebene in einigen Provinzen eingeleiteten Großprojekte für neue Kraftwerke, Kläranlagen und S-Bahn-Verbindungen dürften noch ein paar Monate lang die Rohstoffnotierungen vor einem regelrechten Einbruch bewahren. Doch danach sieht es nicht mehr so rosig aus: "Die Kupfer- und Aluminiumnachfrage in China wird noch bis Mitte 2013 vom Bausektor getragen werden", prognostiziert der Goldman-Sachs-Analyst Max Layton, doch danach dürften die Preise "bis 2014 einbrechen."

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