Euro-Krise Wie Europa in die Schuldenfalle lief

Hohe Schulden erdrosseln die wirtschaftliche Dynamik und halten die westlichen Volkswirtschaften am Boden. Wie konnte es zu der Schuldenorgie kommen? Es waren nicht zuvorderst verantwortungslose Politiker, die dem Westen den Rest gaben - sondern Privatbürger und Manager.
Schuldensumpf: Statt den Sieg über den Ostblock mit einer Konsolidierung zu feiern, begann eine große Party. Auch die private Verschuldung schnellte hoch

Schuldensumpf: Statt den Sieg über den Ostblock mit einer Konsolidierung zu feiern, begann eine große Party. Auch die private Verschuldung schnellte hoch

Foto: Uli Deck/ dpa

Diese Krise wird erst vorbei sein, wenn die Schulden auf ein erträgliches Niveau gesunken sind. Das klingt banal, aber das ist es nicht. Auch fünf Jahre nach ihrem Ausbruch geistert immer noch die Vorstellung durch die politischen Debatten, die Probleme ließen sich irgendwie schnell und schmerzlos beseitigen; es könne eine "Lösung" für die europäische Währungskrise geben, oder Amerika könne irgendwie einen jump start seiner Wirtschaft hinbekommen.

Das ist Unsinn. Die hohen Schulden halten die westlichen Volkswirtschaften am Boden. Sie erdrosseln die wirtschaftliche Dynamik, so dass die Länder immer tiefer im Schuldensumpf versinken. Die erdrückenden Verbindlichkeiten machen die Finanzmärkte und die Politik anfällig für immer neue Verwerfungen.

Das zerstörerische Potenzial ist gigantisch und in seiner destruktiven Kraft kaum abschätzbar: Der Westen ist, in Relation zur Wirtschaftsleistung, so hoch verschuldet wie noch nie in Friedenszeiten. Es gibt kein historisches Vorbild für die derzeitige Situation.

Die Staatsschulden in den etablierten Volkswirtschaften haben Level erreicht, die höher sind als während des Ersten Weltkriegs und auch höher als während der Großen Depression der 30er Jahre. Nur am Ende des Zweiten Weltkriegs waren noch höhere staatliche Schuldenstände zu verzeichnen, insbesondere für die Siegernationen USA und Großbritannien.

Auch die privaten Schulden sind hoch wie nie zuvor

Doch es gibt einen großen Unterschied zu damals: Private Haushalte und Unternehmen waren kaum verschuldet. Die Banken waren konservativ regulierte Institute, die Spareinlagen in Kredite verwandelten und nicht viel mehr. Heute jedoch sind auch die privaten Schulden - von Bürgern, Unternehmen und Banken - in praktisch allen westlichen Volkswirtschaften so hoch wie noch nie zuvor.

Wo wird all das enden? Schwer zu sagen. Wir befinden uns "in unkartierten Gewässern", schreiben die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. Nur eines ist klar: Das Paradies liegt ganz woanders - wir sind weit, weit entfernt von Eden.

In der Rückschau muss man fragen, wie es eigentlich möglich war, dass sich der Westen selbst in eine derart verzweifelte Lage gebracht hat. Wie konnte es sein, dass zivilisierte, hoch gebildete Gesellschaften sich in Friedenszeiten in völliger Ignoranz in immer höhere Schulden stürzen konnten? Warum hat sich der Westen selbst derart stranguliert, dass er nun von einem ökonomischen Nahtod-Erlebnis zum nächsten taumelt?

Selbstzerstörung beginnt mit Selbstbetrug

Der Prozess der Selbstzerstörung begann mit einem Selbstbetrug. Wie bei einem Drogenabhängigen, der sich selbst vormacht, er habe gar kein Problem - außer wenn er gerade keine Drogen zur Hand hat. Es war Anfang der 90er Jahre, der Kalte Krieg war zu Ende und der Westen hatte unzweifelhaft gewonnen. Es war ein großer Sieg - militärisch, moralisch, ideologisch -, ohne dass ein Schuss gefallen wäre. Der Westen hatte die Sowjetunion totgerüstet, allein durch seine überragende wirtschaftliche Potenz.

Doch statt den historischen Sieg über den Ostblock mit einem großen Konsolidierungsprogramm zu feiern, begann eine große Party. Zwar bemühten sich viele Regierungen in den 90er Jahren nun darum, ihre Haushalte in Ordnung zu bringen: In Europa führte der Maastricht-Vertrag, der den Weg zum Euro vorzeichnete, die Norm ein, wonach die Staatsschuldenquote nicht mehr als 60 Prozent des BIP betragen sollte; in den USA machte sich der junge Präsident Bill Clinton daran, das Haushaltsdefizit in einen Überschuss zu verwandeln und allmählich Schulden abzubauen, was ihm immerhin über ein paar Jahre hinweg auch gelang.

Doch während der Aufbau der öffentlichen Verbindlichkeiten zeitweise gebremst wurde, wuchsen die privaten Schulden immer weiter, ohne dass es jemanden groß interessiert hätte. Ende der 80er Jahre lagen die Verbindlichkeiten der privaten Haushalte im Durchschnitt der OECD-Länder bei 40 Prozent des BIP. In den folgenden zwei Jahrzehnten verdoppelten sie sich auf 80 Prozent. Auch die Unternehmen arbeiteten mit einem immer längeren Kredithebel ("leverage") und steigerten ihre Verbindlichkeiten im OECD-Durchschnitt von 80 auf 130 Prozent des BIP.

Private Schulden: Bürger und Manager gaben dem Westen den Rest

Der Befund ist klar: Die Schuldenmanie der letzten beiden Jahrzehnte war vor allem Privatsache. Außer in Japan, wo die Tokioter Regierungen mit immer neuen Konjunkturprogrammen neues Wachstum erkaufen wollten und nebenbei die Staatsfinanzen ruinierten, waren es nicht zuvorderst verantwortungslose Politiker, die dem Westen den Rest gaben - sondern Privatbürger und Manager.

Dass der Westen sich derart der Schuldenorgie hingegeben hat, ist kaum erklärbar ohne eine gewisse ideologische Verblendung. Das Gefühl der 90er Jahre, als Sieger der Geschichte dazustehen, leitete eine geistig-moralische Wende ein: Ein neuer Markttotalitarismus machte sich breit. Die angeblich effizienten Finanzmärkte mit ihren ach so rationalen Akteuren hätten immer Recht. Deshalb könnte man ihrem Urteil vertrauen - wessen Urteil solle man denn sonst vertrauen? Deshalb war es schon in Ordnung, wenn die Schulden immer weiter stiegen.

Deshalb brauchten die Behörden auch nicht weiter auf den Anstieg der privaten Verbindlichkeiten zu achten. Und was die Staatsschulden angehe, so würde sich schon immer ein neuer Finanzier finden. Es gab sogar amerikanische Politiker, die Haushaltsdefizite schlicht und einfach für irrelevant erklärten.

Aber der Weg in die Schulden begann schon viel früher. Seit den späten 70er Jahren, als die westlichen Staaten unter steigenden Ölpreisen litten, trachteten die Regierungen nach Möglichkeiten, ihren Finanzierungsspielraum zu vergrößern. Nach und nach hoben sie Restriktionen der Finanzmärkte und der Kreditvergabe auf. "In Kombination mit den Fortschritten der Finanztheorie und der Informationstechnologie" habe diese Liberalisierung dazu geführt, dass Banken und Fonds immer neue Finanzprodukte schufen, heißt es in einem Papier der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Bürger, Unternehmen, Staaten: Euphorie führte zu kollektiver Schuldenorgie

Seit den 80er Jahren kam eine neue makroökonomische Entwicklung hinzu: die sogenannte great moderation, die "große Beruhigung". Das gesamtwirtschaftliche Umfeld wurde stabiler. Einem lang anhaltenden Trend folgend sanken die Inflationsraten und die Arbeitslosenquoten; die Amplitude der Auf- und Abschwünge der Volkswirtschaften wurde flacher, die Volatilität nahm ab.

Kurz: Die Welt schien ein immer sichererer Ort zu sein, an dem man ruhig größere Risiken eingehen konnte - ein Ort, an dem Bürger, Unternehmen und Staaten immer mehr Geld ausliehen und Banken, Versicherungen und andere Kapitalsammelstellen immer mehr verliehen.

Seit den 90er Jahren sanken auch noch die realen Zinssätze - weil die westlichen Zentralbanken immer mehr Geld kreierten, weil die Schwellenländer ihre Überschüsse im Westen anlegten. Die niedrigen Zinsen ermöglichten es Schuldnern, immer höhere Schuldenniveaus zu tragen. Schließlich dürften auch noch die Steuergesetze eine Rolle gespielt haben, die Schuldzinsen steuerabzugsfähig machen und Fremdkapital somit gegenüber Eigenkapital bevorzugen.

Größte Schuldenwelle der Geschichte erreicht ihren Höhenpunkt

So wurden Stück für Stück alle Bremsen gelockert. Der Prozess der Kreditschöpfung, der ohnehin stets übers Tempolimit hinauszuschießen droht, konnte seine ganze Eigendynamik entfalten. Und als die Finanzmärkte dann erst einmal richtig entfesselt waren, befeuerten sie einen globalen Immobilienboom - die wichtigste Ursache der heutigen Schuldenprobleme.

Fassen wir zwischendurch kurz zusammen: Der kreditgetriebene Boom der 2000er Jahre und die nun einsetzende Explosion der Staatsdefizite bilden lediglich das Schlusscrescendo einer langen, schleichenden Entwicklung. Die Länder des Westens sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten so viele Verbindlichkeiten eingegangen, dass es jedes vernünftige Maß sprengt und jedes historische Vorbild übertrifft.

Bürger, Unternehmen, Finanzsektoren und Staaten haben in beispielloser Euphorie eine kollektive Schuldenorgie angezettelt. Auch Länder wie die Bundesrepublik, deren vergleichsweise moderate Verschuldung isoliert als tragfähig gilt, hängen mit drin - über europäische Verpflichtungen und internationale Verflechtungen. Der Westen insgesamt ist dadurch hochgradig anfällig für Veränderungen der Marktbedingungen: plötzlich veränderte Risikoeinschätzungen, Kapitalflucht aus bestimmten Märkten, Ansteckungseffekte.

Die größte Schuldenwelle der Geschichte erreicht ihren Höhepunkt. Und die Lage ist derart verfahren, dass sich die Frage stellt: Ist der Westen bankrott?

Euro-Vision, Teil I: Wohin uns die Euro-Krise führt

Lesen Sie morgen in Teil III unseres Buchauszuges von Euro-Vision: Auswege aus der Schuldenfalle

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