Notenbanktreffen Bernankes Problem mit den Geldschleusen

Dass US-Notenbankchef Ben Bernanke heute im kleinen Skiort Jackson Hole eine neue Runde Anleihekäufe einläutet, ist unwahrscheinlich. Jedes Jahr wird das Treffen der Notenbanker an der Börse zum Großereignis hochgejazzt - doch die Fed hat viele Gründe, die Jackson-Hole-Propheten zu enttäuschen.
Von Markus Gärtner
Fed-Präsident Ben Bernanke: Sein Spielraum wird geringer - und die Zahl der Kritiker wächst, nicht nur bei den Republikanern

Fed-Präsident Ben Bernanke: Sein Spielraum wird geringer - und die Zahl der Kritiker wächst, nicht nur bei den Republikanern

Foto: JASON REED/ REUTERS

Vancouver - Prominente Finanz-Blogs in den USA haben am Donnerstag Ben Bernanke mit kunstvollen Fotomontagen beim Angeln oder Wandern in der Bergwelt von Wyoming gezeigt. Eine pikante Darstellung. Denn Anleger und Investoren an den Finanzmärkten wollen den Chef der US-Notenbank heute in Jackson Hole nicht im Urlaubsmodus erleben, sondern mit dem Fuß auf dem Gaspedal der Geldpolitik.

Umrahmt von den "Grand Tetons", einem ebenso malerischen wie riesigen Dreier-Gipfel der Rocky Mountains, den einsame französische Pelzjäger einst "die drei Brüste" tauften, wird Bernanke heute seine mit Spannung erwartete Rede halten.

Doch Bernanke hat keinen Grund, eine dritte große Geldflut (QE3) anzukündigen, zumal sich der Offenmarktausschuss der Fed ohnehin in zwei Wochen wieder trifft. EZB-Chef Mario Draghi bleibt dem jährlichen Meeting der Notenbanker sogar fern - er muss die wichtige Sitzung der EZB am kommenden Donnerstag vorbereiten.

Wochenlang hatte die Hoffnung auf eine neue Geldschwemme die Kurse an der Wall Street in die Höhe getrieben. Trotz der Korrektur im Frühjahr hat der S&P 500 Index deshalb seit Jahresbeginn 12 Prozent zugelegt. Auch der Dax  legte seit Juni rund 10 Prozent zu. Doch seit Tagen kollabieren die Hoffnungen auf eine weitere geldschöpfende Kauf-Kampagne am Anleihemarkt.

"Erwarten Sie keine wichtigen Ankündigungen - es ist nicht 2010"

Erwarten Sie keine wichtigen Ankündigungen, sagt der Chef des weltgrößten Anleihefonds Pimco, Mohamed El-Erian. "Es ist nicht 2010", fügt der Ökonom Timothy Duy an der University of Oregon hinzu. Duy spielt darauf an, dass Bernanke vor zwei Jahren bei seinem Auftritt in Wyoming den baldigen Start von QE2 angedeutet hatte und damit eine Börsenrally auslöste. Damals fürchtete der Fed-Chef aber, dass sinkende Preise den US-Firmen die Margen verhageln, die Investitionen ausbremsen und eine erneute Rezession heraufbeschwören.

Doch im laufenden Jahr hält sich die US-Konjunktur trotz der jüngsten Rückschläge im Frühjahr - und trotz erneut einbrechender Konsumstimmung im Juli und August - einigermaßen stabil. Der Klima-Index des Conference Board fiel im heute zu Ende gehenden August zwar auf den schlechtesten Wert seit November 2011. Aber das Handelsministerium besserte bei seiner zweiten Schätzung für das Bruttoinlandsprodukt der USA in dieser Woche die Wachstumsrate von 1,5 Prozent auf 1,7 Prozent auf.

Und vom US-Immobilienmarkt werden wieder steigende Preise gemeldet. Im Juli hatte auch eine überraschend hohe Zahl neuer Jobs in der US-Wirtschaft für Erleichterung gesorgt.

"Wir sehen gerade so viel Besserung in der Konjunktur, dass die Fed sich eine kleine Pause gönnen und noch etwas warten kann", interpretiert Ethan Harris, Research-Chef bei Merrill Lynch, die jüngsten Wirtschaftszahlen.

Weitere Geldspritze würde als Wahlhilfe gewertet

Die Fed, sagen Beobachter, will auch deshalb mit dem nächsten Schluck aus der geldpolitischen Pulle warten, weil sie zwei wichtige Termine vor Augen hat. Der erste ist der 6. September, wenn die Europäische Zentralbank mögliche weitere Schritte erklären will. Der zweite ist die Bekanntgabe der Jobzahlen für den August in der US-Wirtschaft. Die Zahlen kommen am 7. September. Wird eine Zahl unter 100.000 gemeldet, signalisiert das erneute Schwäche. Die Fed könnte dann bei ihrer nächsten regulären Sitzung am 12. und 13. September reagieren.

Die Notenbank hatte die Erwartungen, die seit ein paar Tagen sinken, selbst geschürt. Laut dem Protokoll der jüngsten Sitzung des Offenmarktausschusses sind "viele Mitglieder" dieses Gremiums für eine weitere geldpolitische Lockerungsrunde, wenn die Konjunktur nicht "ziemlich bald" deutliche Besserungstendenzen zeigt. Und Bernanke selbst hat vorige Woche in einem Brief an Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus zu verstehen gegeben, es gebe Spielraum für weitere Maßnahmen der Fed, "um die Finanzmärkte zu stützen und die Erholung der Konjunktur zu stärken".

Jenseits von BIP-Daten, Inflationserwartungen und dem anhaltend schwachen Arbeitsmarkt ist die Fed zuletzt politisch enorm unter Druck geraten. Bei seinem halbjährlichen Auftritt vor dem Bankenausschuss des Senats am 17. Juli plädierte Bernanke im Wissen, dass die weiteren Möglichkeiten der Geldpolitik bei Zinsen nahe Null begrenzt sind, der Kongress solle aktiver werden. Gemeint war ein Haushaltsplan, der kurzfristig Wachstum fördern kann, aber langfristig die Defizite im Zaum hält.

"Gehen Sie an die Arbeit"

Angesichts der ideologischen Konfrontation zwischen Demokraten und Republikanern so kurz vor der Präsidentenwahl am 6. November hielt ihm der New Yorker Senator Charles Schumer entgegen, ein derartiger Haushaltsplan sei nicht zu erwarten: "Gemessen an den politischen Realitäten in diesem Wahljahr glaube ich", so Schumer, "dass die Fed die einzige Organisation ist, die jetzt etwas bewerkstelligen kann."

Dieser schroffen Analyse schob der Senator einen Aufruf an Bernanke hinterher: "Ich fordere Sie dringender denn je auf, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, gehen Sie an die Arbeit."

Doch ein weiterer geldpolitischer Kraftakt weniger als 70 Tage vor der Präsidentenwahl würde dem als Republikaner registrierten Bernanke von der Republikanischen Partei wütende Proteste und den Vorwurf einhandeln, er habe für den Demokraten Obama Wahlkampf gemacht. Zumal bei den Republikanern der Widerstand gegen eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik wächst. Obamas Herausforderer Mitt Romney hat bereits zu Protokoll gegeben, er würde Bernanke nicht noch einmal für das Amt des Fed-Chairman nominieren. Laut Romney habe QE2 wenig bewirkt. Eine dritte Runde lehnt der Präsidentschaftskandidat strikt ab.

Bernanke war 2006 von George W. Bush an die Spitze der Fed berufen worden. Obama hatte ihn 2010 für eine zweite Amtszeit bis 2014 nominiert. Inzwischen hat Bernanke viele im Kongress gegen sich aufgebracht, weil die Fed in der Finanrkrise - und danach während der Großen Rezession - mit zwei massiven Kampagnen viel Macht an sich gerissen hat.

Vorbehalte gegen neue Milliardenschwemme wachsen

Die Fed pumpte mit QE1 und QE2 mehr als zwei Billionen Dollar in das Finanzsystem. Die Notenbank hat zudem Ende 2008 die Leitzinsen auf fast Null nach unten geschraubt und angekündigt, sie dort bis mindestens Ende 2014 zu belassen. Bis Ende 2012 läuft noch eine dritte Kampagne, die Operation Twist, in deren Verlauf die Fed mit einem Aufwand von 700 Milliarden Dollar durch den Kauf länger laufender Anleihen die Zinsen am langen Ende niedrig halten will.

Das Ergebnis erzürnt Kritiker. Trotz der massiven Eingriffe der Geldhüter liegt die Arbeitslosenrate seit 42 Monaten über 8 Prozent. Und die Wirtschaft wächst mit 1,7 Prozent nur ganz knapp unterhalb von Raten, die Bernanke als "stall speed" bezeichnet. Das ist für Piloten die Geschwindkeit, bei deren Unterschreitung im Landeanflug ein Strömungsabriss erfolgt.

Daher erwarten einige Beobachter, dass sich die US-Notenbank sogar länger Zeit lassen könnte als nur bis September, bevor sie wieder stärker auf das Gaspedal steigt. "Die Kernfrage ist jetzt", sagen die Analysten bei Barclays Capital, "ob der Nutzen einer erneuten Geldschwemme den Schaden übersteigt und ob es nicht besser ist, das Pulver trocken zu halten, bis die Fed sieht, wie steil das fiskalische Kliff ist."

Lösung liegt nur noch in der Haushaltspolitik

Mit diesem Kliff bezeichnen Amerikaner die Anfang 2013 automatisch einsetzenden Steueranhebungen und Ausgabenkürzungen im US-Budget, falls die streitenden Parteien im Kongress vorher keinen gemeinsamen Haushaltsplan vorlegen können. Auch unter Ökonomen herrschen Zweifel, ob eine dritte Runde massiver Anleihekäufe noch viel bewirken kann. "Die Geldhüter erreichen den Punkt", erklärt Jeffrey Rosen, der Chefökonom bei Briefing Research, "wo noch mehr Gas geben der Konjunktur nicht mehr viel bringt. Alles, was die Fed jetzt noch tun kann, zeigt nicht mehr so viel Wirkung wie noch vor einem oder zwei Jahren."

Dass es sogar in der Fed selbst große Zweifel am möglichen Segen weiterer geldpolitischer Aktionen gibt, zeigen Zitate der vergangenen Wochen. Die Präsidentin der Fed-Zweigstelle in Cleveland, Sandra Pianalto, sagte am Montag, zusätzliche Anleihekäufe hätten kleinere Zinseffekte zur Folge als bisher. Mehr noch: Banken, die bei niedrigen Leitzinsen mit schwächeren Zinsmargen kämpfen, könnten außerdem zu riskanteren Anlagegeschäften verleitet werden. Und die Wirtschaft könne bei dauerhaft niedrigen Zinsen falsche Signale für ihre Investitionen bekommen. Auch der Präsident der Fed-Zweigstelle in Atlanta, Dennis Lockhart, hat Bedenken angemeldet. Er sieht eine Lösung für Amerikas Probleme mit hohen Schulden und schwachem Arbeitsmarkt jetzt nur noch in der Haushaltspolitik.

"Wen kümmert es eigentlich noch, was die Fed macht", wundert sich Steve Quirk, der Vizepräsident bei TD Ameritrade, "was wollen die noch machen, die Zinsen unter Null senken?"

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