Spanier in Deutschland Kellnern statt Karriere

Eine neue Generation von Zuwanderern strömt aus Südeuropa nach Deutschland. Meist sind sie hoch qualifiziert - und landen oft in schlecht bezahlten Hilfsjobs. Unternehmen sind schlecht auf die Integration ausländischer Fachkräfte vorbereitet.
Deutschkurs in Madrid: Spanien investiert massiv in Sprachkurse, um Arbeitssuchenden neue Perspektiven zu eröffnen

Deutschkurs in Madrid: Spanien investiert massiv in Sprachkurse, um Arbeitssuchenden neue Perspektiven zu eröffnen

Foto: ? Andrea Comas / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Als Angela Merkel heute Nachmittag in Madrid gemeinsam mit Spaniens Premier Mariano Rajoy vor die Presse getreten ist, hingen viele junge Spanier gebannt an den Lippen der deutschen Bundeskanzlerin. Sie warten auf ein Signal, wie Merkel es bei ihrem letzten Besuch gegeben hat: auf eine Einladung nach Deutschland. "Merkel auf der Suche nach Ingenieuren in Madrid", titelte damals die spanische Presse, nachdem Merkel (CDU) angedeutet hatte, spanische Ingenieure könnten die Fachkräftelücke in Deutschland decken. Im Vorfeld des Kanzlerinnenbesuchs hat Madrids Arbeits- und Bildungsministerin Lucía Figar daher ein neues Mittel im Kampf gegen die grassierende Arbeitslosigkeit in Spanien entdeckt: Deutsch-Kurse.

Die Arbeits- und Bildungsministerin der spanischen Hauptstadt kündigte am Mittwoch vergangener Woche an, dass sie ab Oktober neun Millionen Euro für Sprachkurse ausgeben will. 5000 Madrilenen dürfen gratis einen Englischkurs belegen, weitere 1000 sollen chinesisch lernen.

Der größte Posten im Budget der Ministerin sind allerdings 20.000 Deutsch-Kurse: In jeweils 100 Unterrichtsstunden sollen die Teilnehmer fit gemacht werden für die Jobsuche. Genauer gesagt: für den deutschen Arbeitsmarkt. Die Plätze in den Deutsch-Sprachkursen in Madrid werden nämlich bevorzugt an Personen vergeben, die bereits ein Job-Angebot aus Deutschland haben oder vorhaben, sich dort zu bewerben.

Nicht ganz unschuldig an der Aktion sind offenbar ein paar rührige Lokalpolitiker aus Hessen. Ministerin Figar erklärte den Madrilenen bei der Vorstellung ihres Programms, dass allein in Hessen in den nächsten zehn Jahren 250.000 freie Stellen zu vergeben seien. Auch mehrere andere deutsche Regionen hätten ihr versichert, dass der Fachkräftebedarf enorm sei. Aber die Hessen scheinen ihr besonders gut in Erinnerung geblieben zu sein.

Kein Wunder: Hessens Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) und Michael Boddenberg (CDU), hessischer Minister für Bundesangelegenheiten, waren im Juli eigens nach Madrid gereist, um ein Kooperationsabkommen mit den Spaniern zu schließen. Um den Fachkräftemangel in Hessen zu bekämpfen, wollen die beiden Landespolitiker Arbeitnehmer aus Madrid anwerben. Mit "virtuellen Welcome-Centern", die über Sprachkurse informieren und bei der Wohnungsvermittlung helfen, wollen sie ihnen den Start erleichtern, versprachen Rentsch und Boddenberg.

Jobvermittler sind enttäuscht

In Spanien ist als Folge der Immobilienkrise und der darauf folgenden Rezession derzeit rund die Hälfte der unter 25-Jährigen arbeitslos. In Studentenstädten wie Madrid breiten sich unter den gut ausgebildeten Absolventen der Hochschulen zunehmend Frustration und Perspektivlosigkeit aus. Gleichzeitig klagen in Deutschland immer mehr Branchen über Fachkräftemangel.

Spätestens seit Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr bei einem Besuch in Spanien verkündete, Deutschland brauche spanische Ingenieure, scheint Lokalpolitikern in beiden Ländern die Lösung für beide Probleme klar: Junge spanische Fachkräfte sollen ihre Koffer packen und die Lücken in den deutschen Unternehmen besetzen.

So einfach dieser Plan klingt, so schleppend lässt sich seine Umsetzung bisher an. "Die Politiker in Deutschland geben sich schon große Mühe, um spanische Fachkräfte zu werben, gerade Hessen ist sehr aktiv. Und das ist auch eine gute Sache", sagt Susana Calvo, die in Wiesbaden die Unternehmensberatung Gateway2Germany gegründet hat, um deutsche Unternehmen und spanische Bewerber zusammenzubringen. "Doch letztlich bleiben das alles nur schöne Worte, die bei vielen jungen Spaniern falsche Hoffnungen wecken. In der Praxis zeigt sich, dass die meisten deutschen Unternehmen gar nicht offen sind für Bewerber aus Spanien."

80 junge Spanier habe sie bereits in ihrer Kartei, fast ausschließlich Ingenieure und IT-Spezialisten, und "alle mit guten Englisch- und mit zumindest ersten Deutsch-Kenntnissen". Doch bisher habe sie keinen einzigen der Kandidaten erfolgreich vermitteln können.

Deutsch-Grundkenntnisse reichen nicht aus

Zwar würden sich viele Firmen bei ihr melden und erklären, dass sie dringend offene Stellen besetzen müssen, berichtet Calvo. Vor allem Ingenieure und IT-Spezialisten seien gefragt. "Die Personaler sagen aber alle dasselbe: Sie wollen nur Kandidaten, die bereits flüssig die deutsche Sprache beherrschen." Der Bedarf sei da, die Anforderungen an die frisch zugewanderten Fachkräfte aber zu hoch.

"Nachdem Angela Merkel in Spanien war und um Ingenieure geworben hat, sind die jungen Leute wie verrückt in die Sprachkurse der Goethe-Institute gerannt und haben Crash-Kurse belegt." Um 80 Prozent sei die Nachfrage nach Deutschkursen in Spanien ab 2010 gestiegen, meldeten die Goethe-Institute jüngst. Viele seien daraufhin, gerüstet mit ein paar ersten deutschen Sätzen, auf eigene Initiative nach Deutschland gereist, um hier einen der von den Politikern versprochenen Jobs anzutreten. "Doch sie mussten dann feststellen, dass ein paar Deutsch-Grundkenntnisse bei weitem nicht ausreichen, um hier einen qualifizierten Job zu bekommen."

Die Folge: Es ergeht den zugereisten Akademikern im vermeintlichen Wirtschaftswunderland Deutschland genauso wie in der krisengeplagten Heimat. Sie müssen Jobs annehmen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind, um über die Runden zu kommen. "Viele nehmen Übergangsjobs an, sie kellnern oder arbeiten als Aushilfen in der Produktion oder im Callcenter", sagt Calvo. Die Volkshochschulen melden einen regelrechten Boom bei Integrations- und Deutsch-Kursen, seit die südeuropäischen Fachkräfte nach Deutschland einreisen. Vielen fehle wegen der Nebenjobs die Zeit und Energie, um schnell ihre Sprachkenntnisse aufzubessern. "Manche geben nach Monaten frustriert auf. Sie gehen zurück nach Spanien und fühlen sich gleich doppelt als Verlierer."

Ignacio de Nicolas Vela ist vom Aufgeben noch weit entfernt. Der 26-jährige Ingenieur ist mittlerweile seit zehn Monaten in Deutschland. In seiner Heimatstadt Sevilla hatte er nach seinem Uni-Abschluss keinen Job gefunden. "In Spanien gibt es für Ingenieure gerade höchstens Praktika oder sehr schlecht bezahlte, befristete Jobs", erzählt er. Viele seiner Freunde müssten Arbeit annehmen, für die sie überqualifiziert seien: Ein Architekt arbeite neuerdings als Versicherungsvertreter, andere Studienkollegen im Callcenter. "Immer mehr meiner Bekannten planen jetzt, ins Ausland zu gehen."

Tausende Ingenieursstellen derzeit nicht besetzt

Auch Vela flüchtete vor der Perspektivlosigkeit, quartierte sich bei einem Freund in Frankfurt am Main ein und fing an Bewerbungen zu schreiben. Doch obwohl viele ausgeschriebene Stellen in seinem Fachbereich Industriedesign genau auf sein Profil zu passen schienen, hagelte es bisher nur Absagen. Der Ingenieur jobbt inzwischen als Küchenhilfe in einem Frankfurter Restaurant - und besucht täglich einen Sprachkurs.

"Wenn ich besser Deutsch kann, klappt es sicher auch mit einem Job als Ingenieur", sagt er. "Mittlerweile ist mir auch fast egal, auf welcher Position ich einsteige. Hauptsache, ich kann endlich anfangen in meinem Beruf zu arbeiten."

Auch beim Verband Deutscher Ingenieure (VDI) gelten Sprachprobleme als Hauptproblem bei der Vermittlung der spanischen Ingenieure. "Der verstärkte Zuzug aus den südeuropäischen Ländern ist eigentlich ein Glücksfall für die deutschen Unternehmen", sagt Lars Funk, Bereichsleiter Beruf und Gesellschaft beim Verband Deutscher Ingenieure (VDI). 100.000 Ingenieursstellen könnten zurzeit nicht besetzt werden, und die Fachkräfte-Lücke werde immer größer.

"Man muss aber schon ehrlich sein und den spanischen Ingenieuren sagen: Ohne Deutschkenntnisse habt ihr kaum Chancen, hier eine passende Stelle zu finden", sagt Funk. Selbst bei großen, international aktiven Unternehmen sei flüssiges Deutsch meist Einstellungsvoraussetzung.

Chancen in Großkonzernen

So laufen die Anwerbeversuche von Lokalpolitikern immer wieder ins Leere. In Schwäbisch Hall löste etwa ein Werbeaktion der Lokalpolitiker 15.000 Bewerbungen aus Portugal und Spanien aus. Obwohl in der Region laut den Wirtschaftsförderern 2500 Stellen offen sind, fanden aber nur 25 Bewerber aus Südeuropa daraufhin tatsächlich einen passenden Job. 20 weitere Bewerber, die sich spontan direkt ins Auto gesetzt hatten und sich bei der örtlichen Arbeitsagentur meldeten, wurden in die Gastronomie oder als Lagerarbeiter vermittelt.

Die Hoffnungen der Bewerber und der Unternehmen sind groß, die Realität meist ernüchternd.

Oft hakt es schon bei den Bewerbungsschreiben. "Wir bekommen viele Bewerbungen aus den kritischen Märkten, vor allem aus Spanien, aber auch aus Italien", berichtet Wolfram Tröger, Partner der Personalvermittlung Baumann in Frankfurt am Main. "Allerdings entsprechen die Unterlagen nur selten den Anforderungen deutscher Unternehmen. Oft bestehen sie, wie in Spanien üblich, nur aus einem englischen oder spanischen Anschreiben mit zwei bis drei Sätzen und einer knappen Seite Lebenslauf. Zeugnisse und Referenzen fehlen."

Viele der Bewerber aus den südeuropäischen Krisenländern seien zwar im Gegensatz zu deutschen Ingenieuren bereit, zu vergleichsweise niedrigen Gehältern und mit befristeten Verträgen einzusteigen. Doch selbst das helfe bei der Vermittlung nicht wirklich. "Nach Schnäppchen zu schielen bringt den Unternehmen nicht viel, wenn der neue Mitarbeiter dann nicht ins Team passt und die Kollegen sich mit der Kommunikation auf Englisch schwertun."

Integration ins Team

Damit die Integration klappt, müssten die Unternehmen in zusätzliche Hilfen für Fachkräfte aus dem Ausland investieren und etwa Sprachkurse, Coaching, Unterstützung bei der Integration ins Team und bei Behördengängen anbieten. "So lange ein Mittelständler noch eine Alternative sieht, wird er diesen Aufwand nicht betreiben." Ein deutscher Kandidat würde deshalb im Zweifelsfalle immer vorgezogen.

Tatsächlich sei es mit der viel beschworenen "Diversity" in den Unternehmen meist noch nicht weit her. "In Großkonzernen gibt es allerdings häufig bereits etablierte Unterstützungsstrukturen für internationale Mitarbeiter, da klappt das noch am ehesten", sagt Tröger.

So hat etwa Volkswagen  gerade eigens ein zweijähriges Traineeprogramm aufgelegt, mit dem der Konzern gezielt junge Ingenieure aus Südeuropa, vor allem Spanien und Portugal, anwerben will. Auf 43 Plätze haben sich laut VW mehr als 1800 Interessenten beworben. Der Automobilkonzern will die Ingenieure zunächst für ein zweijähriges Ausbildungsprogramm inklusive Sprachkurs und persönlichem Mentor einstellen, danach sei eine Festanstellung möglich.

Bei Volkswagen können die spanischen und portugiesischen Nachwuchskräfte ausnahmsweise sogar mit ihren Sprachkenntnissen punkten: Der Automobilkonzern will verstärkt in Lateinamerika wachsen. Für die Trainees könnte es also nach ihrer Ausbildung in Deutschland gleich weitergehen nach Brasilien oder Mexiko.