Montag, 16. September 2019

Dürre in den USA Mais soll nicht mehr in den Tank

Dürre in den USA: im "Corn Belt" drohen dramatische Ernteausfälle, die Preise für Lebensmittel steigen. Zugleich wird ein Teil der Ernte zu Biosprit verarbeitet

Der Direktor der Welternährungsorganisation FAO fordert von den USA eine Reduzierung der Biosprit-Produktion. Andernfalls könne die schlimmste Dürre seit einem halben Jahrhundert die Lebensmittel-Versorgung der Armen dieser Welt bedrohen. Der Maispreis erreicht unterdessen ein Rekordhoch.

Washington - Der US-Kongress hatte festgelegt, dass 40 Prozent der Maisernte zu Bioethanol verarbeitet werden sollen. "Eine sofortige, zeitweise Aussetzung dieser Verfügung würde dem Markt eine Atempause verschaffen und es erlauben, einen größeren Teil der Ernte als Lebens- und Futtermittel zu verwenden", schrieb der Direktor der FAO, José Graziano da Silva, in der "Financial Times".. Noch sei eine Nahrungsmittel-Krise abzuwenden.

Hintergrund ist, dass die US-Raffinerien Milliarden von Litern an Bioethanol brauchen, um die Umweltauflagen für Sprit zu erfüllen. Denn je mehr Ethanol im Benzin ist, desto weniger Rohöl wird dafür benötigt.

Der ungewollte Effekt der Biosprit-Produktion ist aber, dass dadurch die Lebensmittelpreise steigen können. Zuletzt waren 2007 und 2008 die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mais und Weizen stark gestiegen, was in den armen Ländern zu Hunger und sozialen Protesten führte.

Der Maispreis hat unterdessen zum Wochenausklang ein Rekordhoch erreicht - die Angst vor einer Eskalation der weltweiten Nahrungskrise ist zurück. Die Dürre in den USA treibt die Getreidepreise, auch Soja und Weizen werden immer teurer. In den von Hunger geplagten Regionen der Welt werden Grundnahrungsmittel dadurch noch unerschwinglicher. Obwohl die jüngste Entwicklung vor allem vom Wetter bedingt ist, rechnen Experten auch langfristig mit weiterem Preisauftrieb. Der könnte dramatische Konsequenzen haben, warnen Hilfsorganisationen.

Lebensmittel-Preisindex um 6 Prozent gestiegen

Der von der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) veröffentlichte Lebensmittel-Preisindex ist im Juli um 6 Prozent auf 213 Punkte gestiegen. Auch wenn das Barometer von seinem im Februar 2011 erreichten Höchststand von 238 Zählern entfernt bleibt, sind Entwicklungshelfer besorgt. Denn das aktuelle Niveau des FAO-Index liegt über dem der Ernährungskrise 2008. Damals war es weltweit zu Unruhen gekommen.

"Hohe Nahrungsmittelpreise sind besonders für arme Länder problematisch, die einen Großteil ihrer Nahrungsmittel importieren, wie die große Mehrheit der afrikanischen Staaten", erklärt Ralf Südhoff, Deutschland-Chef des UN World Food Programme (WFP). Erhöhten sich die Einfuhrpreise, werde es für diese Länder schwieriger, ihre Bevölkerung zu ernähren. "Viele Haushalte in Entwicklungsländern geben ohnehin 60 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus."

Für den jüngsten Anstieg der Lebensmittelpreise ist vor allem das Wetter in den USA verantwortlich. Der größte Mais- und Sojaproduzent der Welt war im Juli mit dem heißesten Monat seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen konfrontiert. Etwa 60 Prozent des Landes sind von der schwersten Dürre seit 25 Jahren betroffen. Der berühmte "Corn-Belt" (Mais-Gürtel), in dem der größte Teil des Mais in den USA angebaut wird, liegt im Epizentrum der Trockenheit.

Die Ernte könnte deshalb in diesem Jahr um etwa ein Drittel geringer ausfallen als geplant. Das knappe Angebot lässt die Preise in die Höhe schießen: Mais hat sich im vergangenen Monat um 23 Prozent verteuert. Auch die Preise für Sojabohnen und Weizen ziehen rapide an, seit Jahresbeginn haben sie über jeweils rund ein Drittel zugelegt. Denn in Südeuropa, den GUS-Staaten und Südamerika sind die Wetterbedingungen ebenfalls ungünstig.

Erschwerend hinzu kommt, dass Lebensmittel längst Renditeobjekte sind, auf deren Preisentwicklung viele Finanzanleger zocken. Einer großangelegten Studie ("Die Hungermacher") der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch zufolge beträgt beispielsweise der Anteil der zu spekulativen Zwecken gehaltenen Kontrakte an der weltgrößten Rohstoffbörse in Chicago 80 Prozent. Wegen der ultralockeren Geldpolitik der großen Notenbanken rund um den Globus vagabundiert immer mehr Finanzkapital um den Globus, das unter anderem an die Rohstoffmärkte strömt

la/apd

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