Dienstag, 18. Juni 2019

Lagerbildung in Peru Blutiger Konflikt um Goldminenprojekt

Feindbild Minenkonzern: Goldprojekt bedroht Lebensraum Tausender
REUTERS

Der blutige Konflikt um ein Megabergwerk in Peru trifft die Goldindustrie ins Mark. Daran ist sie selbst schuld: Newmont Mining, die Nummer zwei der Branche, hat mit einer beispiellosen Serie nie aufgeklärter Skandale jedes Vertrauen vor Ort verspielt.

Celendín - Als César Medina Aguilar am 3. Juli gegen Mittag den Rucksack aufsetzt, will er sich nur kurz bei einem Freund den Laptop ausleihen. In ein paar Tagen hat er 17. Geburtstag, er sei Klassenbester im Gymnasium, sagt seine Mutter. Sein Weg führt ihn über die Plaza de Armas, den "Platz der Waffen", wie die Hauptplätze in Südamerika oft heißen, so wie in Celendín, einer Kleinstadt im Norden Perus.

Palmen stehen dort. Hinter den weißgekalkten Häusern im spanischen Kolonialstil steilen sich die Grashänge des Hochlands auf. Hier und da knallt ein Schuss. Vereinzelt ziehen Tränengasschwaden über den Platz. Menschen rennen. In den oberen Etagen eines hohen Gebäudes halten Soldaten Gewehre im Anschlag. Eine Kugel schießt durch Césars Kopf. "Von vorne nach hinten, von rechts nach links, von oben nach unten", steht im Obduktionsbericht.

"Wir müssen um unser Wasser kämpfen", habe ihr Junge stets gesagt, berichtet die Mutter, "denn sonst müssen wir es von viel weiter weg herholen." Aber diesmal, sagt sie, wollte er doch gar nicht auf die Demonstration.

Der blutige Konflikt um eines der größten Goldminenprojekte weltweit eskalierte vor gut neun Monaten. Seitdem eskaliert die Eskalation, bei Demonstrationen Anfang Juli starben neben César noch vier weitere Menschen. Staatschef Ollanta Humala feuerte daraufhin Ende des Monats den Ministerpräsidenten, einen Hardliner, der versucht hatte, den Widerstand mit dem Einsatz des Militärs zu ersticken.

Reichtum oder Überlebenskampf

Vor Ort wühlt der Streit Hunderttausende Menschen auf, die um ihre Lebensgrundlage fürchten: das Wasser aus dem Quellgebiet im Hochland, wo die Mine entstehen soll. Wasser oder Gold? Die Frage spaltet ganz Peru in Befürworter und Gegner eines der Hoffnung auf steigende Rohstoffexporte ausgelieferten Entwicklungsmodells.

Und die Proteste treffen auch die Bergbauindustrie ins Mark, vor allem die Goldproduzenten. Ihr Geschäftsmodell gerät ins Wanken, denn ein Scheitern des Projekts im Norden Perus am Widerstand der lokalen Bevölkerung hätte Signalwirkung auf die zahlreichen Proteste vor allem in Südamerika. Mehrere Gewinnwarnungen, nach unten korrigierte Produktionsprognosen und hektische Managementwechsel - im Juni wurde der Chef des Branchenführers Barrick Gold Börsen-Chart zeigen geschasst - offenbaren, dass die Investitions- und Schürfpläne selbst großer Player auf Kante genäht sind. Sie sind schon nach wenigen Monaten ohne explodierende Goldpreise in vielen Fällen nichtig.

"Conga", benannt nach einem kleinen See in der Region Cajamarca, heißt das umstrittene, mit 4,8 Milliarden Dollar angesetzte Projekt. Es wäre die größte Einzelinvestition in Peru überhaupt. Der Betreiber Yanacocha, zu 51,35 Prozent in Besitz des US-Konzerns Newmont Mining Börsen-Chart zeigen, der Nummer zwei der Branche, braucht die neue Mine, denn die Erträge seines 1993 eröffneten Tagebaukomplexes, der alten Yanacocha-Mine, die nun durch Conga ergänzt werden soll, gehen zur Neige.

Die Proteste vor Ort haben Newmont schon die Finanzplanung der kommenden Jahre verrissen; wenn überhaupt, dann geht Conga mit mehr als zwei Jahren Verspätung frühestens 2017 an den Start. Jeder Tag Verzögerung, sagt Yanacocha, koste zwei Millionen Dollar.

Für Präsident Humala steht mehr auf dem Spiel: sein politisches Überleben. Denn er hat sich festgelegt auf "Conga va", Conga läuft. Nach Angaben von Yanacocha fließen in den geplanten 19 Betriebsjahren der Mine insgesamt rund drei Milliarden Dollar an den Fiskus.

Kippt Conga, bliebe der Geldfluss aus, und die Minenkonzerne könnten Investitionen in Länder umschichten, die mit lokalem Widerstand schneller fertig werden. Dann würde auch die Finanzierung steigender Sozialausgaben durch Abgaben auf Förderung und Export von Silber, Gold, Kupfer, Blei und Zink wackeln - und somit die Legitimation des vor einem Jahr als Investorenschreck gestarteten und kurz darauf als Bergbaufreund gelandeten Staatschefs.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung