US-Arbeitsmarkt USA verlieren ihre klugen Köpfe

Trotz eines Jobzuwachses im Juli steigt die Arbeitslosenquote in den USA. Dem US-Arbeitsmarkt droht zudem ein gefährlicher Aderlass: Viele Wissenschaftler verlassen das Land - und viele der billigen Arbeitskräfte auch. Das Wachstumsfundament der USA bekommt Risse.
Von Markus Gärtner
Brain Drain: Viele Uni-Absolventen mit indischen oder chinesischen Wurzeln kehren zurück in ihre Heimat - weil sie dort bessere Chancen sehen als in USA

Brain Drain: Viele Uni-Absolventen mit indischen oder chinesischen Wurzeln kehren zurück in ihre Heimat - weil sie dort bessere Chancen sehen als in USA

Foto: ? Kevin Lamarque / Reuters/ REUTERS

New York - Leichte Entspannung am US-Arbeitsmarkt: In den USA sind im Juli deutlich mehr Jobs geschaffen worden als erwartet. Im Monatsvergleich stieg die Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft um 163.000 Stellen, wie das US-Arbeitsministerium am Freitag in Washington mitteilte. Das ist der stärkste Zuwachs seit fünf Monaten.

Der Zuwachs ist dennoch zu wenig, um die Arbeitslosenrate - die seit 41 Monaten über 8 Prozent liegt - spürbar zu drücken und eine Erholung zu signalisieren. Trotz der 163.00 neuen Jobs kletterte die Arbeitslosenquote von 8,2 auf 8,3 Prozent.

Sie verharrt damit seit mehr als zwei Jahren über der Marke von acht Prozent - das hat es seit der Großen Depression in den Dreißiger Jahren nicht mehr gegeben.

Den Vereinigten Staaten droht zudem eine Gefahr von anderer Seite. Miserable Jobaussichten, stagnierende Löhne sowie verschärfte Visa-Vorschriften und Einwanderungsgesetze sorgen dafür, dass hochqualifizierte Wissenschaftler sowie die dringend benötigten billigen Arbeitkräfte zunehmend den USA den Rücken kehren. Damit kehren sich Wanderungsströme um, die dem Land jahrzehntelang seine Spitzenstellung in der globalen Weltwirtschaft gesichert haben.

Nicht nur Notenbankchef Ben Bernanke hält die Fortschritte am Arbeitsmarkt drei Jahre nach dem offiziellen Ende der Großen Rezession für "frustrierend langsam". Auch an der Wall Street sowie unter Akademikern herrscht große Unzufriedenheit. Kein Wunder: Mehr als 20 Millionen Amerikaner sind offiziell arbeitslos, nur teilzeitbeschäftigt oder haben dem Arbeitsmarkt mangels Aussichten völlig den Rücken gekehrt.

Weil nur noch die Hälfte aller Jobs im Land ein Gehalt von mehr als 34.000 Dollar verspricht, beginnt der Konsum zu stagnieren. Die Kaufkraft leidet. Eine kräftigere Erholung hat so keine Chance. Zur allgemeinen Ernüchterung trägt auch die immer weiter klaffende Einkommensschere in den USA bei. Der Columbia-Professor und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz erklärt in seinem jüngsten Buch "The Price of Inequality": "Der amerikanische Traum ist ein Mythos."

Akademiker und Billiglöhner suchen anderswo ihre Chance

Die Misere am Jobmarkt führt nicht nur zu längeren Schlangen an den Suppenküchen und vor den Arbeitsämtern. Sie setzt in Verbindung mit stagnierenden Löhnen und Karriereaussichten auch einen Aderlass in Gang, der die USA im globalen Wettbewerb zurückwerfen dürfte. Viele hochqualifizierte Studenten, Forscher und Ingenieure - vor allem aus Asien - kehren dem Land mangels Perspektiven den Rücken.

Die jüngst verschärften Visa-Bestimmungen verstärken diesen Effekt. Und selbst am anderen Ende der Qualifizierten-Skala, bei den Einwanderern aus Mexiko, drehen sich die Verhältnisse um. Erstmals seit vier Jahrzehnten verlassen mehr Mexikaner die USA als ins Land kommen.

Doch selbst bei hoher Arbeitslosigkeit sind darüber nicht alle froh - von Tomatenbauern in Alabama bis hin zu Fast-Food-Restaurants in Kalifornien. Überall wird über den schwächeren Nachschub an Billig-Löhnern geklagt.

Viele Inder und Chinesen kehren den USA wieder den Rücken

Aufgeschreckt wurden Politiker in Washington von den jüngsten Zahlen über die höheren Semester an US-Universitäten. Mangels ausführlicher offizieller Statistiken hat der Globalisierungs-Experte Vivek Wadhwa vom Labor & Worklife Program der Harvard-Universität sich ans Telefon gesetzt. Er rief Personalchefs in indischen und chinesischen Firmen an und befragte sie über rückkehrende Studenten aus den USA.

Resultat: Die Zahl der Bewerber aus den USA - früher eine Ausnahme - hat sich in den vergangenen Jahren verzehnfacht.

Aus dem Rinnsal ist eine Wanderungsbewegung geworden. Wadhwa wollte es genauer wissen und spürte mit seinen Studenten im Auftrag der Kauffman Foundation auf der Online-Plattform LinkedIn  1.203 indische und chinesische Immigranten auf, die den USA den Rücken gekehrt haben und zurück in ihre Heimat gegangen sind.

Viele Inder und Chinesen kehren den USA wieder den Rücken

Der Befund hat alle schockiert: Den amerikanischen Traum gibt es für viele von ihnen nicht mehr. Die große Mehrzahl der Rückkehrer ist im Schnitt 30 Jahre alt und gilt mit akademischen Abschlüssen in Management, Technologie oder Naturwissenschaften als hoch qualifiziert. 51 Prozent der Chinesen haben Diplomabschlüsse, 41 Prozent sind Doktoranden.

Einige klagen über die amerikanischen Visabestimmungen. Aber die meisten gingen wegen besserer Jobs in die Heimat zurück. Fast vier von fünf der befragten Inder gaben laut Wadhwa an, bessere Jobaussichten auf dem Subkontinent seien ein zentraler Grund für ihre Entscheidung gewesen.

Viele von ihnen haben sich beim Wechsel in die alte Heimat sogar stark verbessert. Nur jeder zehnte Inder hatte vor der Rückkehr eine Position im Management. Im eigenen Land stieg der Anteil auf 44 Prozent.

Die Rückkehr aus Amerika hat einen Karrieresprung ausgelöst. Bei den rückkehrenden Chinesen erhöhte sich der Anteil im Management von 9 Prozent auf 36 Prozent. Im Klartext: Für die meisten liegt das gelobte "Land der Möglichkeiten" jetzt auf der anderen Seite des Pazifiks, nicht mehr in den USA. "Einwanderer in die USA waren immer einsam und hatten Heimweh, sie machten große Abstriche an ihrem persönlichen Leben", erklärt Wadhwa, "aber sie hatten nie die Möglichkeit zurückzukehren. Jetzt haben sie diese Chance, und sie ergreifen sie."

Der Forscher warnt: "Während der Rezession brauchen wir nicht alle von ihnen, aber in der Erholung um so mehr. Sie nehmen ihre Talente und Ideen mit, und sie kommen wahrscheinlich nicht wieder."

Viele US-Firmengründer sind Einwanderer

Für die US-Wirtschaft ist das ein schwerer Schlag, der sich erst nach Jahren bemerkbar machen wird. Laut einer Studie der Duke University in North Carolina machen Einwanderer zwar lediglich 12 Prozent der Bevölkerung aus. Aber sie haben 52 Prozent der Erfolgsfirmen im Silicon Valley gestartet oder mitbegründet, darunter Google , Intel , Ebay  und Yahoo .

Ihr Anteil an den internationalen Patenten, die in den USA genehmigt werden, liegt derweil bei 25 Prozent. In den Ingenieurswissenschaften erringen sie 24 Prozent aller Abschlüsse, unter den Doktoranden stellen sie gar jeden zweiten.

Die Umkehrung der akademischen Wanderungsströme hat auch mit dem schwierigen Arbeitsmarkt in den USA für junge Absolventen zu tun. Jeder zweite College-Abgänger in den USA - etwa 1,5 Millionen - war 2011 arbeitslos oder unterbeschäftigt. Viele Jung-Akademiker beginnen die vermeintliche Karriere als Bedienung in Restaurants oder mit einem Billigjob in der Industrie. Die Schulden von durchschnittlich 25.000 Dollar Studiengebühren, die mit Krediten bezahlt wurden, können so nicht abgebaut werden. In den vier Jahren bis 2011 sind die Löhne der College-Absolventen nach Abzug der Inflation um 4,6 Prozent gesunken.

"US-Politik unflexibel im Kampf um Talente"

Arbeitsvermittler in den USA geben auch der bürokratischen Visa-Politik einen Teil der Schuld. Die jüngste Studie des Migration Policy Institute in den USA wirft der Regierung über Jahre hinweg schwere Versäumnisse vor. "Die US-Politik ist angesichts der wachsenden Konkurrenz um die Talente dieser Welt zu unflexibel", heißt es in dem Papier. Darin wird die Bedeutung der Einwanderung für die Wettbewerbsposition der USA untersucht.

Dem Befund stimmt der frühere Obama-Berater Matthew Slaughter von der Tuck School of Business in Dartmouth zu. "Die US-Politik gegenüber qualifizierten Einwanderern ist viel zu restriktiv", schimpft Slaughter. Er kritisiert vor allem den American Recovery and Reinvestment Act von 2009. Das Gesetz limitiert die Vergabe der beliebten H1-B Visa für qualifizierte Einwanderer in Firmen, die von der Notenbank oder der Regierung seit der Finanzkrise Finanzhilfe bekamen. Für Slaughter ist es "eine beunruhigende Realität, dass Amerikas Attraktivität für Talente aus dem Rest der Welt nachgelassen hat." Ein Trend, "der umgedreht werden muss".

Billiglöhner: Mexikaner kehren zurück in ihre Heimat

Am anderen Ende der Qualifizierten-Skala macht sich die nachlassende Attraktivität der USA schon deutlich bemerkbar. In den vergangenen Jahren haben wegen schwindender Jobaussichten - und wegen verschärfter Einwanderungsgesetze in Staaten wie Arizona und Alabama - über 1,4 Millionen Mexikaner die USA verlassen.

30 Prozent der 40 Millionen Einwanderer im Land kommen laut dem Pew Hispanic Center aus Mexiko. Doch mit 4,8 Prozent Arbeitslosigkeit im Heimatland haben viele von ihnen jetzt dort deutlich bessere Jobaussichten als in den USA. Und schlechter als in den USA geht es ihnen in Mexiko auch nicht mehr automatisch.

Nach Angaben der Vereinten Nationen hat Mexiko einen höheren Lebensstandard als die boomenden BRIC-Staaten Russland, China und Indien - Kennziffern wie Gesundheitsversorgung, Ausbildung und Einkommen inbegriffen.

"Ich denke, der massive Einwanderungsboom aus Mexiko ist vorbei und wir werden nie mehr solche Zahlen sehen wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten", sagt der Soziologie-Professor Douglas Massey an der Princeton University.

Ähnlich wie den USA ergeht es in diesem Punkt auch europäischen Ländern in der anhaltenden Schuldenkrise. Immer mehr Einwanderer aus Lateinamerika verlassen derzeit Spanien. Das Versprechen eines besseren Lebens hat in dem südeuropäischen Land nach dem Kollaps des Immobilienmarktes und der Implosion der Bauwirtschaft seine Überzeugungskraft eingebüßt. Die Arbeitslosigkeit hat in Spanien mit 24,4 Prozent den höchsten Stand in Europa erreicht. Unter den Einwanderern liegt sie bei 35 Prozent.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.