Wachstum sinkt deutlich Weltwirtschaft fährt US-Schock in die Glieder

Die Weltwirtschaft wankt. Tragende Säulen der Euro-Zone drohen unter der Euro-Rettungslast einzuknicken, Asiens Wirtschaft wächst langsamer - und jetzt droht mit den USA der nächste Stabilitätsanker auszureißen: Auch das US-Wachstum sinkt stark.
Von Markus Gärtner
US-Konjunktur: Das größte Problem für die US-Wirtschaft ist nicht Europa, sondern der private Konsum in den USA

US-Konjunktur: Das größte Problem für die US-Wirtschaft ist nicht Europa, sondern der private Konsum in den USA

Foto: Corbis

Hamburg - "Die Erholung ist schlapp, weil Ihr nicht genügend Geld ausgebt." Mit dieser Mahnung begrüßte gestern in den USA die Webseite CNN Money ihre staunenden Leser. Die provozierende Schlagzeile kam einen Tag, bevor die US-Regierung ihre erste Schätzung für das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal bekannt gegeben hat. Und die hat es in sich.

Amerikas Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im zweiten Quartal nur noch mit einer Jahresrate von 1,5 Prozent gewachsen. Von Das wäre deutlich unter dem Wachstum von 1,9 Prozent, das in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres erzielt worden war - und nicht mal mehr die Hälfte jener 4,1 Prozent Wachstumsplus, über das die US-Regierung noch Ende des Jahres 2011 jubelte.

Für die dümpelnde Weltwirtschaft ist die erlahmende Erholung in den USA ein schwerer Rückschlag. Denn während Europa tiefer in der Rezession versinkt - und dabei selbst in Deutschland die Bremsspuren länger werden - und während die großen Schwellenmärkte von China über Indien bis Brasilien bedenklich abkühlen, zeigt nun auch noch der letzte Anker in der rauen Weltwirtschaft Risse.

Das größte Problem für die US-Wirtschaft ist nicht einmal Europa, sondern der private Konsum in den USA, sagt der Wells-Fargo-Ökonom Sam Bullard. Denn die Amerikaner steigerten ihre Konsumausgaben nach heutigen Angaben zuletzt nur noch um 1,5 Prozent und damit so gering wie seit einem Jahr nicht mehr. Zudem stieg die Sparquote. "Aus der Sicht der Verbraucher sehen die Perspektiven reichlich schwach aus", bilanziert Bullard.

Das kann man wohl sagen.

Die Umsätze im US-Einzelhandel fielen im Juni zum dritten Mal hintereinander. In manchen US-Malls herrscht an der Kasse eine Ruhe wie in Meditations-Klöstern. Mindestens 15 der 20 größten US-Retailer verfehlten im Juni ihre Umsatzprognosen, berichtet die Finanzwebseite Profit Confidential. Schuld daran ist nicht nur die hartnäckig hohe Arbeitslosenrate, die seit 41 Monaten über 8 Prozent verharrt. Sie liegt aktuell bei 8,2 Prozent.

Alarmzeichen über Alarmzeichen

Die privaten Haushalte sind angesichts hoher Schulden, Sorgen um die Arbeitsplätze und der eingetrübten Weltkonjunktur auch dabei, ihre Polster für schlechte Zeiten auszubauen. Laut der US-Notenbank stocken sie derzeit mit 4 Prozent ihres verfügbaren Einkommens die Ersparnisse auf. Doch die Löhne stagnieren nach Abzug der Inflation.

Selbst die wenigen positiven Nachrichten, die derzeit aus der US-Konjunktur kommen, offenbaren daher auf den zweiten Blick Alarmzeichen. Beispiel eins:

  • Die Auftragseingänge für langlebige Güter stiegen im Juni um 1,6 Prozent, berichtete das Handelsministerium gestern in Washington. Doch wenn man Boeing  und die Hersteller militärischer Hardware außen vor lässt - deren Aufträge schwanken enorm - bleibt ein Minus von 1,1 Prozent. Vor allem die Ausgaben der Firmen für neue Ausrüstungen lassen nach. Ein Zeichen von Zuversicht ist das nicht.
  • Beispiel zwei: Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe gingen in der Vorwoche um 10 Prozent auf 353.000 zurück, was manche Beobachter als gutes Zeichen werten. Doch dieser wöchentlich gemessene Wert schwankt chronisch. Der Mittelwert von vier Wochen ist dagegen der schwächste seit März.

Bei allen anderen Indikatoren, die in den vergangenen Tagen über die US-Konjunktur gemeldet wurden, gibt es dagegen nichts zu deuten. Sie zeigen stramm abwärts: Der Fabrik-Index des Institute for Supply Management brach im Juni um vier Zähler auf 49,7 Punkte ein; unterhalb von 50 wird eine schrumpfende Industrie signalisiert.

Hinzu kommt der Wirtschaftsindikator aus dem Bezirk der Notenbankzweigstelle in Richmond. Er zeigte Anfang 2008 zuverlässig den Beginn der Großen Rezession in den USA an. In diesem Juli signalisiert er zum dritten Mal in Folge eine schrumpfende Wirtschaft. "Der Optimismus der Produzenten schwindet", heißt es bei der Richmond-Fed, "der Rückgang der Produktion in der Region zentraler Atlantik (Pennsylvania, New Jersey, Delaware) beschleunigt sich im Juli."

Selbst der Immobilienmarkt, der seit der Finanzkrise wie ein Bleigewicht an der US-Konjunktur gehangen hatte und sich zuletzt zu stabilisieren schien, erleidet einen Rückschlag. Im Juni, so meldete am Mittwoch das Handelsministerium, brachen die Verkäufe neuer Wohnhäuser im Monatsvergleich um 8,4 Prozent ein.

Die Zeichen stehen auf Double Dip

Überall in der größten Volkswirtschaft der Welt sind die Zeichen für einen Double Dip, wie der Rückfall in eine zweite Rezession binnen kurzem heißt, zu sehen. In New York ist trotz der Ausschreibung von mehr als 11.000 neuen Jobs im vergangenen Monat die Arbeitslosigkeit wieder auf 10 Prozent gestiegen. Dort war sie nach Auskunft des Arbeitsministeriums im "Big Apple" zuvor nur auf dem Höhepunkt der großen Rezession.

Als weiteres Alarmzeichen sehen Beobachter an der Wall Street die Serie von Enttäuschungen in der drei Wochen alten Bilanzrunde für das zweite Quartal. Zahlreiche große Firmen wie der Hausgerätehersteller Whirlpool, der Halbleiterproduzent Applied Materials  und der weltweit führende Hersteller von Bau- und Minenfahrzeugen, Caterpillar , warnen vor schwächeren Verkaufsergebnissen in den kommenden Monaten. Am Donnerstag warnten mit der BASF , Siemens  und der Deutsche Bahn auch gleich drei große deutsche Konzerne vor schlechteren Geschäften.

Schwache Absatzperspektiven in der dümpelnden Weltwirtschaft schlagen den Firmenplanern schon jetzt auf den Magen. Die National Association of Business Economics warnte in Washington vorige Woche, nur 23 Prozent der von ihr befragten Mitgliedsfirmen wollten in den kommenden sechs Monaten neue Stellen ausschreiben. Dieser Prozentsatz hatte vor vier Monaten noch bei 39 Prozent gelegen.

Auch im Transportgewerbe - oft ein verlässlicher Frühindikator für einen Abschwung - machen sich die Schleifspuren bemerkbar. Die Mülltransporte der US-Eisenbahnen brechen derzeit um 4 Prozent ein. Unter den 21 umsatzstärksten Massengütern auf Nordamerikas Schienen weist Abfall jedoch mit 82 Prozent die stärkste Korrelation zum Bruttoinlandsprodukt auf (BIP), wie die US-Ökonomen Michael McDonough und Carl Riccadonna 2010 festgestellt haben.

Die Warnungen vor einer neuerlichen Rezession nehmen daher zu. "Gemessen an Beschäftigung, Einzelhandelsumsatz, Investitionen und Firmengewinnen nähern wir uns einer Rezession", sagt Bill Gross, der Mitbegründer von Pimco, dem weltweit größten Anleihefonds. Gross sagt den USA für das kommende Jahrzehnt jährlich nur 1,5 Prozent Wachstum vorher. Auch Nouriel Roubini, der die Finanzkrise 2008 korrekt vorhersagte - und sich seither als Megapessimist hervortut - sagt für dieses und das kommende Jahr eine weitere Abkühlung der ohnehin zerbrechlichen Erholung voraus.

Hektische Beruhigungsversuche

Die Kombination aus automatischen Budgetkürzungen und Steueranhebungen, die Anfang 2013 in Kraft treten und in den USA als "Fiscal Cliff" bezeichnet werden, könne über vier Prozentpunkte vom Bruttoinlandsprodukt abziehen. Ein Absturz wie 2008 wäre dann nicht zu vermeiden. Roubini warnt auch, dass eine weitere Runde ultra-lockerer Geldpolitik der Fed ("QE3") wegen der bereits rekordniedrigen Zinsen keine Wirkung für die Konjunktur hätte.

Der Internationale Währungsfonds hat Mitte Juli seine BIP-Prognose für die USA im laufenden Jahr auf 2,0 Prozent zurück geschraubt. Die US-Notenbank hat das zwischen den Zeilen in ihrem jüngsten Sitzungsprotokoll des Offenmarktausschusses ebenfalls getan. Damit nicht genug. Seit Wochen wütet über 60 Prozent der US-Agrarfläche eine Dürre, die als die schlimmste in einer Generation bezeichnet wird. Weite Teile der Ernte sind bedroht. Dem Land wird von Experten ein Schaden in zweistelliger Milliardenhöhe vorhergesagt.

Prominente Firmenlenker in den USA versuchen derweil, die Gemüter zu beruhigen. Caterpillar, das 2007 zu den ersten Konzernen gehörte, die vor der großen Rezession warnten, winkt diesmal ab. Eine Rezession sei in diesem Jahr unwahrscheinlich, die US-Wirtschaft werde voraussichtlich um 2 Prozent wachsen, ließ das Unternehmen die Aktionäre vor wenigen Tagen in seinem Quartalsbericht wissen.

Konjukturabkühlung in China, Brasilien und Indien

Aber selbst Caterpillar ging bis April noch von 3 Prozent BIP-Wachstum aus. "Die gute Nachricht ist", sagt Caterpillar-Chef Doug Oberhelman, "dass sich das nicht wie 2008 anfühlt." Diesmal seien die Zinsen schon viel niedriger, die Notenbanken vorbereitet und der Immobilienmarkt stabilisiere sich. Nicht alle Konzernlenker in den USA teilen seine Einschätzung. "Die Welt ist wirtschaftlich zerbrechlich geworden", befindet zum Beispiel Boeing-Chef Jim McNerney. Der Vorstandschef vom weltweit größten Paketzusteller UPS , Scott Davis, sieht das ähnlich: "Die Volkswirtschaften rund um den Globus sind schwach geworden und unsere Kunden sind zunehmend nervös."

Solche Statements sind nicht überraschend. Die gedämpfte Weltkonjunktur bremst zunehmend die US-Exporte, die seit dem offiziellen Ende der großen Rezession mit 43 Prozent ungewöhnlich stark zum BIP-Wachstum beigetragen haben. Europa ächzt unter der Schuldenkrise in der Peripherie, der Rezession in weiten Teilen des Eurolandes - wo die Arbeitslosigkeit 11 Prozent erreicht hat - sowie schwer angeschlagenen Banken, die auf wackligen Immobilienkrediten und fragwürdigen Staatsanleihen sitzen.

Der französische Retailgigant Carrefour  meldet wegen der schwachen Märkte in Europa einen Umsatzrück für das zweite Quartal. Fiat verliert im ersten Quartal 260 Millionen Dollar. PSA Peugeot-Citroën will 8000 Stellen streichen. Und Großbritannien erleidet einen Rückgang des BIP im zweiten Quartal um 0,7 Prozent. Das ist der dritte Quartalsrückgang beim BIP hintereinander stellt den schlimmsten Double Dip seit 50 Jahren dar.

Bis ins ferne China stöhnen die Lieferanten europäischer Kunden über diese Schwäche. Chinas Ausfuhren nach Italien lagen im Juni 24 Prozent unter Vorjahr. Die Lieferungen nach Frankreich fielen 5 Prozent, nach Deutschland 4 Prozent. Europa kauft 17 Prozent von Chinas Ausfuhren. Die Volksrepublik meldete für das zweite Quartal 7,6 Prozent Wachstum -das ist der geringste Zuwachs in drei Jahren, und zum achten Quartal in Folge ein Minus: die längste Abwärtsserie seit 1992.

China wiederum ist der größte Handelspartner Brasiliens, wo es umfangreich Sojabohnen und Eisenerz kauft. Brasiliens BIP-Zuwachs wird von der Sao Paulo Federation of Industries für 2012 auf nur 1,8 Prozent geschätzt. Auch in Indien hat sich die Konjunktur abgekühlt. Im ersten Quartal 2012 sank das Wachstum in der viertgrößten Wirtschaft der Welt auf 5,3 Prozent, den niedrigsten Wert in neun Jahren.

Immerhin: Von den Notenbanken in Peking und Washington wird beherztes Eingreifen erwartet, sollte sich die Konjunktur in China und den USA weiter abkühlen. Die Geldhüter in China, Großbritannien, Brasilien, Südkorea und der Euro-Zone haben in den vergangenen 30 Tagen die Leitzinsen gesenkt. Europas Regierungen haben teilweise begonnen, das Wachstum anzukurbeln. Doch viel Geld ist dafür nicht mehr da. Und bei der Fed in Washington wird intern stark bezweifelt, ob ein weiteres massives Kaufprogramm für Anleihen einen spürbaren Unterschied für die Konjunktur machen kann.

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