Henrik Müller

Deutschland vor dem Abschwung Die Krise rückt näher

Deutschland geht's super: Die Bürger sind zufrieden mit sich und der Welt. Aber das wird nicht so bleiben: Die Vorboten einer Abschwächung der Konjunktur sind längst erkennbar.
Die Stimmung ist gut, doch das Wachstum schwächt sich ab: Lassen sich die Deutschen einlullen?

Die Stimmung ist gut, doch das Wachstum schwächt sich ab: Lassen sich die Deutschen einlullen?

Foto: Jens Wolf/ dpa

Kürzlich haben die Demoskopen des US-Instituts Pew überall auf der Welt die Bürger nach ihrer Stimmung befragt. Und das Ergebnis ist aus deutscher Sicht frappierend: Nirgendwo in den Länden des etablierten Westens sind so viele Menschen so zufrieden und so optimistisch wie in Deutschland. Drei Viertel der deutschen Befragten gaben an, sowohl ihre persönliche als auch die nationale Wirtschaftslage seien gut - ein Wert so hoch wie in keinem anderen westlichen Land.

Nirgendwo sonst meinen so viele Menschen, ihr Land entwickle sich in die richtige Richtung. 70 Prozent der Deutschen sind der Meinung, ihr Lebensstandard sei höher als noch vor einer Generation; in den USA sehen das lediglich 60 Prozent so, in Frankreich sogar nur 48 Prozent.

Deutschland geht's gut, das ist der Grundton dieser Zahlen. Und er ist durchaus in der Realität verankert. Arbeitslosigkeit und Zinsen sind niedrig, die Häuserpreise steigen. In weiten Teilen der Mittelschichten breitet sich ein Gefühl der Sicherheit und des Wohlstands aus, wie es das seit Generationen nicht mehr gegeben hat.

Lassen sich die Deutschen einlullen? Sind sie übermäßig optimistisch?

So heiter wie derzeit wird die Lage nicht bleiben. Schon seit einigen Monaten schwächt sich der manager-magazin-Konjunktur-Indikator ab. Zwar dürfte nach gegenwärtigem Stand für 2012 noch ein Wachstum von gut anderthalb Prozent herauskommen. Doch das Institut Kiel Economics, das Monat für Monat den mm-Konjunktur-Indikator ermittelt, sagt in seiner Halbjahresprognose einen vorübergehenden Stillstand der deutschen Dynamik vorher. 0,0 Prozent BIP-Wachstum sollen es im ersten Halbjahr 2013 werden. In Worten: Null-Komma-Null.

Null-Komma-Null Prozent Wachstum im ersten Halbjahr 2013

Die Einschläge kommen näher. In der übrigen Euro-Zone dürfte dieses Jahr die Wirtschaft um mehr als ein Prozent schrumpfen. In China und Indien scheint die Phase des stürmischen Wachstums vorerst vorbei zu sein. Und auch die USA haben sich noch längst nicht aus der Dauerkrise herausgearbeitet.

Aber die größte Bremse für die deutsche Wirtschaft ist die lähmende Unsicherheit in hiesigen Unternehmen. Die Manager sitzen auf dem Geld, trauen sich nicht zu investieren. Trotz noch guter Ertragslage, trotz der immer besseren preislichen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, trotz extrem niedriger Zinsen und freigiebiger Vergabestandards durch die Banken geht das Kreditwachstum immer weiter zurück.

Warum? Offenkundig trübt die Angst vor einem Scheitern des Euro-Raums und die mögliche folgende Katastrophe das Zutrauen in die Zukunft. Das führt zu der seltsamen Konstellation, dass Deutschland einerseits von Fluchtgeld aus dem Rest Europas geradezu überschwemmt wird, dass diese Gelder aber andererseits hierzulande derzeit nicht investiert werden.

Die Angst schürt die Krise - und die klassische Wirtschaftspolitik ist praktisch handlungsunfähig. Das ist das eigentlich beängstigende an der gegenwärtigen Konstellation.

Keynes am Ende: Auswege der klassischen Krisenpolitik sind verstellt

Normalerweise würden staatliche Stellen in einem Abschwung mit expansiven Maßnahmen reagieren: Die Regierungen würden das Haushaltsdefizit hochfahren, gegebenenfalls auch die Steuern senken; die Notenbanken würden die Leitzinsen senken. Klassisch keynesianische Politik.

Doch diese Auswege sind verstellt. Anders als noch im Abschwung 2008/2009 befindet sich der Westen insgesamt in einer post-keynesianischen Situation: Viele Staaten sind bereits so hoch verschuldet, dass sie am Rande des Bankrotts stehen, zusätzliches deficit spending verbietet sich.

Die Notenbank-Zinsen sind bereits nahe Null und Interventionen auf den Kapitalmärkten zur Regel geworden, mit dem Ziel, auch längerfristige Zinsen zu drücken. Die bisherigen üblichen Instrumente sind ausgereizt.

Plan und Perspektive für die Euro-Zone dringend gesucht

Das einzige, was jetzt noch helfen kann, ist ein Plan. Es muss dringend Klarheit darüber her, dass und wie die Euro-Zone weiter Bestand haben kann. Nur wenn die Unternehmen eine glaubwürdige Perspektive für die Zukunft sehen, werden sie wieder investieren.

Beim Gipfel Ende Juni haben immerhin die Präsidenten von EU-Kommission, Rat, EZB und Euro-Gruppe eine erste Skizze für einen solchen Plan vorgelegt. Offen ist bislang, welche Realisierungschancen ein solcher Übergang zu einer Wirtschaftsunion in den 17 Mitgliedstaaten des Euro und den 10 Ländern der übrigen EU hätte - ob, dies vor allem, die Bürger einer weitgehenden Entmachtung der Nationalstaaten zustimmen würden.

Der gegenwärtige Optimismus in der deutschen Bevölkerung ist vor diesem Hintergrund eine tolle Sache. Er lässt politische Gestaltungsspielräume zu. Bürger, die hoffnungsfroh in die Zukunft blicken, sind eher zu Veränderungen bereit.