Dienstag, 28. Januar 2020

Verstaatlichung Argentinien verhebt sich an Ölkonzern YPF

Verstaatlichung: Argentinien verhebt sich an Ölkonzern YPF
DPA

2. Teil: Für den Mann an der Spitze wird es eng

Gerade erst warb Galuccio im Bulletin der argentinischen Botschaft in Washington um US-Investoren. "Die großen Unternehmen werden in Argentinien investieren wollen", schrieb er, schließlich habe das US-Energieministerium die Vorkommen in Patagonien selbst als "gigantisch" klassifiziert.

Aber, auf der anderen Seite, warum sollten Geldgeber und Technologiepartner ein Unternehmen anfassen, dessen Vorbesitzer - der spanische Repsol-Konzern - gerade erst handstreichartig enteignet wurde? Noch während Staatspräsidentin Cristina Fernandez de Kirchner am 16. April im Fernsehen das Enteignungsgesetz vorstellte, marschierte eine Regierungsdelegation in die YPF-Zentrale und erteilte den Repsol-Vertretern Hausverbot. Ein Eklat. Es roch nach Rache der einstigen Kolonie Argentinien an der einstigen Kolonialmacht Spanien.

Kirchner begründete den Coup gegen Repsol Börsen-Chart zeigen mit verschleppten Investitionen in YPF und einer Jahr für Jahr gedrosselten Förderung in Argentinien. Die Spanier halten dagegen, aufgrund des von der Regierung künstlich tiefgehaltenen Benzinpreises hätten sich hohe Investitionen praktisch verboten; Argentinien wolle sich nur das gerade entdeckte Schieferölfeld Vaca Muerta sichern.

Für den Oppositionsabgeordneten und Regisseur Fernando Pino Solanas, der einen epischen und traurigen Film über den Niedergang von YPF gedreht hat, ist Spanien auch der falsche Adressat für Rache: "Das Land hat sich auf infame Weise selbst kolonisiert", sagt er. YPF sei einst als erster vertikal voll integrierter Ölkonzern Vorbild etwa für den heute florierenden Ölriesen Petrobras in Brasilien gewesen, dann aber unter der argentinischen Diktatur der 80er Jahre mit Schulden vollgepumpt - und in den wilden Privatisierungen Argentiniens der 90er Jahre an Repsol veräußert worden. Ein Großteil der Schulden sei dabei im Land geblieben, während sich Repsol durch den Verkauf von YPF-Töchtern die Kassen füllte.

Familie Kirchners Neubesinnung

Auch die Opposition stimmte daher Anfang Mai fast geschlossen für die Enteignung. Aber sie hat nicht vergessen, dass Kirchner und ihr verstorbener Mann und Amtsvorgänger Néstor Kirchner vor 20 Jahren die Privatisierung von YPF mitvorangetrieben haben: er als damaliger Provinzgouverneur; sie als Senatorin.

Für Cristina Kirchner wären weitreichende Garantien angesichts der Historie ein Gesichtsverlust - Garantien, ohne die jedoch kein strategischer oder Finanzinvestor bei Verstand sein Portemonnaie zückt. So verhandelten Vertreter des chinesischen Energieriesen CNOOC Börsen-Chart zeigen anlässlich des Besuchs von Premierminister Wen Jiabao vor einigen Wochen mit der argentinischen Seite - und gaben sich interessiert. Aber sie legten auch einen Katalog an Bedingungen für eine Partnerschaft vor. So müsse der Benzinpreis in Argentinien auf internationales Niveau steigen, was ebenso undenkbar für die Regierung Kirchner ist, wie das Ansinnen der Chinesen, frei über den Export des in Patagonien gewonnen Öls entscheiden zu können.

Auch Gespräche über den Einstieg eines amerikanischen Konzerns oder von Russlands Gazprom Börsen-Chart zeigen sind dem Vernehmen nach bislang erfolglos. Dabei dürfte eine Rolle spielen, dass Repsol angedroht hat, jeden mit Klage auf Entschädigung zu überziehen, der sich mit YPF einlässt. Die Spanier stellten ihre Klagefreudigkeit erst vor wenigen Tagen wieder unter Beweis, als sie YPF wegen mutmaßlich versäumter Meldepflichten an der New Yorker Börse in den USA anzeigten und den Kurs der dort verbliebenen YPF-Aktien in den Keller schickten.

Galuccio machen in diesem Wirrwarr widerstreitender Interessen vor allem die Interventionen von Planungsminister Julio de Vido, der gar keine offizielle Funktion bei YPF hat, und die des stellvertretenden Wirtschaftsministers Axel Kicillof, der als Vertreter der Regierung im Direktorium sitzt, zu schaffen. Zweimal habe er seinen Rücktritt angeboten, berichtet die Tageszeitung "La Nacion". Zudem beklage er sich über eine "Flucht der Talente", berichtet die Tageszeitung "Clarin". YPF dementiert das, und Galucio sagt, er arbeite "von früh bis spät" und dabei würden ihn "viele engagierte Menschen aus meiner Mannschaft und in ganz Argentinien" unterstützen.

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