Samstag, 4. April 2020

Globalisierung in Gefahr Braucht Deutschland ein neues Geschäftsmodell?

Container-Verladung im Hamburger Hafen: Viele Konzerne reagieren auf Protektionismustendenzen, indem sie Produktionsstätten zu ihren Absatzmärkten verlagern

Offene Märkte sind in Verruf geraten. Dauerkrise und Massenarbeitslosigkeit schüren weltweit den Protektionismus. Geht die Ära des freien Welthandels zu Ende? Und was wird dann aus der exportorientierten deutschen Wirtschaft?

Berlin - Normalerweise neigt Rolf Langhammer nicht zu drastischen Formulierungen. Doch wenn es um die aktuellen Beschränkungen des einst einigermaßen freien Handels auf den Weltmärkten geht, dann spricht der sonst so akademisch-gesetzte Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft vom "Vorhof der Hölle".

Tatsächlich ist die EU dabei, Handelserleichterungen für fast 100 ärmere Länder abzuschaffen. Die USA richten eine neue Behörde ein, das "Trade Enforcement Center", um sich entschiedener gegen angeblich unfaires Vorgehen anderer Länder zu wehren. Auf chinesische Solaranlagen werden bereits Strafzölle erhoben. Und Mitt Romney, der Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei, hat für den Fall seines Wahlsiegs angekündigt, am ersten Tag im Amt weitere Maßnahmen zur massiven Reduktion der Wareneinfuhren aus China zu erlassen.

Nach aktuellen Umfragen befürworten in Frankreich 80 Prozent der Bürger, dass sich das Land künftig mit Protektionismus gegen ausländischen Wettbewerb schützen soll.

Der freie Welthandel, so scheint es, ist ein Auslaufmodell. Und was wird dann aus Deutschland? Braucht die deutsche Wirtschaft gar ein neues Geschäftsmodell? Schließlich ist sie wie kaum ein anderes Land auf Exporte in alle Welt angewiesen.

Die Aussichten jedenfalls sind beunruhigend, glaubt Harold James, Wirtschaftshistoriker an der US-Eliteuni Princeton. Es drohe "noch sehr viel mehr Protektionismus, als wir bisher absehen können" - nicht nur, aber auch in der EU. Bei der manager-magazin-Veranstaltung "managing the future" traf James kürzlich in Berlin auf Audi-Finanzvorstand Axel Strotbek.

Auch Audi-Topmanager Strotbeck ist besorgt wegen der sich weltweit schließenden Schutzzäune. Vor allem aber ist er alarmiert wegen der Schuldenkrise in Europa; im Binnenmarkt inklusive Deutschland erzielt Audi derzeit rund 70 Prozent Prozent seines Umsatzes. Strotbeck betont deshalb, dass sich sein Unternehmen "mit aller Macht gegen jede Form von Protektionismus und für die Erhaltung des Euros und seines Wirtschaftsraums" einsetze - "wie alle deutschen Konzerne.".

Immerhin: Gegen einen möglichen Austritt von Griechenlands aus der Eurozone sieht sich Audi heute "besser gerüstet als noch vor 9 neun Monaten", so Strotbek. Und obwohl man bei Audi zwar grundsätzlich in unterschiedlichen Szenarien nachdenke, müsse "klar sein, dass sich alle unsere Anstrengungen darauf richten, damit der Euro eine starke Währung bleiben und eine wichtige Rolle in der Welt spielen kann".

Chinas Renminbi längst auf dem Weg zur dritten Weltwährung

Nicht nur in Europa und den USA, auch in China wird die bisherige Form der Globalisierung in Frage gestellt. Harold James, exzellenter Kenner der deutschen Geschichte, sieht hinter der chinesischen Außenhandelspolitik eine geradezu faustische Haltung, bei der "zwei Seelen" in der Brust der Machthabenden wohnen. Diese Position bewirke zum Einen einen mehr Protektionismus, wenn es um den Schutz chinesischer Interessen gehe. Zum anderen die immer offensiver vorgetragene Forderung nach weiterer Öffnung der Auslandsmärkte für chinesische Produkte.

Audi-Vorstand Strotbek betont hingegen, dass die chinesische Volkswirtschaft mittlerweile eine wichtige Rolle in der Welt spiele und sich die Staatsführung dieser Verantwortung bewusst sei. Der Renminbi, so der Automanager, sei längst auf den Weg zur dritten Weltwährung gebracht worden - neben Dollar und Euro. Weshalb Audi seine China-Geschäfte bereits in Renminbi faktoriere, so weit dies möglich sei.

Braucht Deutschland also ein neues Geschäftsmodell - weg vom Export? Womöglich. Denn viele Konzerne reagieren auf Protektionismustendenzen, indem sie Produktionsstätten zu ihren Absatzmärkten verlagern. Selbst wenn sich Handelsschranken senken, sind sie auf der sicheren Seite. So versucht sich auch Audi unabhängiger zu machen von regionalen Beschränkungen.

Warum Audi künftig auch in Mexiko produziert

Audi produziert in mehreren Werken in China. Derzeit entsteht ein neues Werk in Mexiko. Dadurch will der Autobauer die Handelserleichterungen in der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta nutzen und so die US-Märkte günstig bedienen.

Zugleich eignet sich Mexiko als Standort für Audi, weil das Land Zollabkommen mit vielen anderen Ländern hat, was auch Exporte aus Mexiko in die EU billiger macht als aus den USA. Generell, so Audi-Finanzvorstand Strotbek, setze Audi dort, wo WTO-Regeln nicht greifen, auf bilaterale zwischenstaatliche Vereinbarungen.

Internationale Konzerne mögen auch in einer protektionistischen Welt erfolgreich sein. Exportorientierte Nationen wie die deutsche hingegen dürften durch die Ausfuhrbeschränkungen eine Menge Jobs verlieren. Die Tendenzen sind klar erkennbar. In vielen Ländern - von den USA über Spanien bis Indien - ist die Arbeitslosigkeit schmerzhaft hoch. Entsprechend steigt der Schutz heimischer Jobs auf der Liste politischer Prioritäten, zur Not eben auch durch rabiate Maßnahmen gegenüber den Handelspartnern. Im derzeitigen globalen Abschwung haben es Freihändler schwer.

Die größte Hoffnung bestehe doch in der großen wechselseitigen Abhängigkeit der Länder, meint Harold James. Er setzte dann auch die Schlusspointe bei der diesjährigen Tagung "managing the future": Man könne die Komplexität der Weltmärkte und der Handelswege in der derzeitigen Krisensituation kaum reduzieren, meinte der Ökonomie-Professor aus Princeton. "Genauso wenig, wie man aus einer FIschsuppe wieder ein Aquarium rekonstruieren kann."

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