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Europameisterschaft Deutsche Wirtschaft mit Chancen im Osten

Vom heutigen Freitag an rollt der Ball in Polen und der Ukraine. Viel Geld haben die Gastgeber für die EM in die Hand genommen und vor allem in die Infrastruktur investiert. So werden beide Länder attraktiver für deutsche Unternehmen - trotz eines Unsicherheitsfaktors.
Von Christopher Krämer

Hamburg - Wenn am heutigen Freitag um 18 Uhr der spanische Schiedsrichter Carlos Velasco Carbello im Warschauer Nationalstadion das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft zwischen Co-Gastgeber Polen und Griechenland anpfeifen wird, werden schätzungsweise weltweit mehr als 150 Millionen Menschen am TV live dabei sein.

Falls der Pfiff pünktlich erfolgt, heißt das auch: Die angekündigte Blockade des Stadions von polnischen Baufirmen ist ausgeblieben. Noch zu Wochenbeginn verhandelten die Firmen um ausstehende Gelder für den Stadionbau mit dem Generalunternehmen Hydrobudowa, das mittlerweile pleite ist.

Die Posse zeigt: Längst nicht alles ist glatt gelaufen im Vorfeld der Europameisterschaft. Großen Aufwand haben die Gastgeberländer für das Turnier betrieben. Nach Medienberichten sollen Polen und die Ukraine in den letzten fünf Jahren umgerechnet über 35 Milliarden Euro investiert haben: In neue Straßen, in das Eisenbahnschienennetz, neue Hotels und Stadien. Die Hoffnung der Gastgeber: Das sportliche Großereignis soll für einen Imagegewinn und wirtschaftlichen Aufschwung sorgen. Schließlich sichert das Sportereignis den Gastgeber-Ländern maximale Aufmerksamkeit. Ohne Zweifel bieten sich durch die Europameisterschaft neue Chancen im Osten.

Die sehen Experten insbesondere beim deutschen Nachbarn: "Polen hat durch dieses besondere Ereignis der EM die Möglichkeit, sich ganz Europa als fortschrittliches und modernes Land zu präsentieren, was sicherlich zu positiven Auswirkungen auf Investoren, vor allem aus dem Nachbarland Deutschland führen wird" sagt Anne von Loeben, Partnerin bei PriceWaterhouseCoopers (PWC) und derzeit in Warschau tätig.

Polen hat ohnehin wirtschaftlich massiv aufgeholt: So ist das polnische Durchschnittseinkommen im letzten Jahrzehnt um rund 60 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr wuchs die polnische Wirtschaft um 4,3 Prozent, die Exporte legten um 15 Prozent zu auf rund 136 Milliarden Euro. Seit dem EU-Beitritt vor acht Jahren haben sich die polnischen Ausfuhren verdoppelt. Drei Viertel der Güter gingen in die EU-Länder.

Bauboom soll über die EM hinaus andauern

"Polen kann sicherlich stark von der EM profitieren, insbesondere durch die getätigten Investitionen in die Infrastruktur", sagt von Loeben. Besonders der Neubau des Flughafens Wroclaw und der Ausbau der Flughäfen in Warschau, Danzig und Lotz seien wichtige Faktoren für die aufstrebenden Wirtschaftsregionen Polens. Auch was die Nutzung der neuen Stadien in Polen angeht, ist von Loeben optimistisch: "Nach der EM könnten die vier neu gebauten Fußballstadien für große Kongresse und sonstige Events zu Verfügung stehen und dadurch zusätzliche Schubkraft für Polen bringen."

Auch wenn bereits am Abend des 1. Juli der neue Europameister gekürt wird und das Turnier damit zu Ende geht, soll auch danach der Bauboom andauern. Zum Teil, weil der Zeitplan der Organisatoren nur teilweise erfolgreich war: "Nicht alle Projekte werden bis zur EM abgeschlossen sein", sagt Sigrid Engemann, eine auf Osteuropa spezialisierte Unternehmensberaterin aus Berlin. Deshalb werde die Investitionstätigkeit auch nach dem Turnier anhalten. "Es wird weiter große Projekte wie Kraftwerke, Klär- oder Müllverbrennungsanlagen geben. Auch in kleinere, gewerbliche Bauten im Handels- und Dienstleistungsbereich, im Transport und Lagerung sowie in Industrieobjekte soll weiterhin investiert werden", sagt Engemann.

Von einem polnischen Boom könnte besonders Deutschland profitieren. Schon jetzt sind die wirtschaftlichen Beziehungen eng zwischen den Nachbarn. "Polen steht schon lange im Fokus der deutschen Wirtschaft", sagt Hans Jacobi von der Jacobi & Partner Industrieberatung. Im Jahr 2010 exportierte Deutschland Waren im Wert von rund 50 Milliarden Euro in das Nachbarland, die Direktinvestitionen lagen bei rund 2,8 Milliarden Euro. Durch die Europameisterschaft könnte dieses Engagement noch stärker werden: "Die Investitionen deutscher Unternehmen in Polen werden weiter zunehmen", glaubt Engemann. Besonders deutsche mittelständische Unternehmen hätten hier noch Potenzial, sagt Engemann.

Die Unternehmensberaterin glaubt, dass besonders die Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemie und Pharma gute Chancen hätten. Dies gelte auch für Banken und Versicherungen, den Energiesektor und Groß- und Einzelhandel. "Aufgrund des attraktiven Binnenmarktes ist Polen nach wie vor auch für Retailer ein interessanter Platz", sagt von Loeben.

Undurchsichtige Auftragsvergaben, staatliche Drohungen

Vorteil des Standorts Polen: Das Investitionsklima im Land gilt als gut. "Es gibt attraktive Förderperspektiven, insbesondere bei Investitionen in den Sonderwirtschaftszonen werden steuerliche Vergünstigungen und Zuschüsse gewährt", sagt Engemann.

Ungleich schwerer könnte es die Ukraine haben, wirtschaftlich von der Europameisterschaft zu profitieren. Zwar gilt das Land mit rund 45 Millionen Einwohnern als Wirtschaftsregion mit hohem Potenzial. Nach einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2009 um fast 15 Prozent wuchs die ukrainische Wirtschaft im vergangenen Jahr wieder um 4,5 Prozent. Im Jahr 2010 lagen die deutschen Exporte in die Ukraine bei rund 4,8 Milliarden Euro, die wichtigsten Güter sind Maschinen, Arzneimittel, Pkws und Autoteile und Nahrungsmittel. Die deutschen Investitionen lagen zuletzt bei rund 6,6 Milliarden Dollar - rund 17 Prozent aller ausländischen Investitionen im Land. Damit ist die Bundesrepublik nach Zypern der zweitwichtigste ausländische Investor.

Probleme in der Ukraine bestehen aus Sicht von deutschen Unternehmen besonders in der überbordenden Bürokratie, Korruption und mangelnder Rechtssicherheit. "Die Ukraine ist kein einfacher Markt", sagt Engelen. Aber ein großer Teil der deutschen Firmen, die sich in der Ukraine engagierten, sei in diesem Land erfolgreich. Das sind zum Beispiel Unternehmen wie die Metro AG, der Baustoff-Hersteller Knauf Gips oder die Deutsche Messe AG. "Die Ukraine hat sicher das Potenzial, das insgesamt mehr deutsche Firmen investieren und die Projekte selber auch größer werden", sagt Engemann.

Nur: Dazu müssten sich die Rahmenbedingungen verbessern. Schon im Vorfeld der Europameisterschaft schafften undurchsichtige Auftragsvergaben von Projekten für Ärger bei deutschen Unternehmen. Derzeit liegt das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union auf Eis wegen des Streits um die inhaftierte ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko. "Ohne Abkommen wird der deutsche Zugang zum ukrainischen Markt begrenzt sein", drohte Leonid Koschara, Vize-Präsident der Regierungspartei vor kurzem.

Kein allzu positives Signal an potentielle Investoren: So könnten sich die ukrainischen Hoffnungen auf einen EM-Boom rasch zerschlagen. Auch Unternehmensberater Jacobi ist eher pessimistisch, was die Investitionen deutscher Unternehmen angeht: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Europameisterschaft neue Unternehmen in die Ukraine locken wird", sagt Hans Jacobi. Dazu seien die politischen Verhältnisse einfach nicht stabil genug.