Griechenland Das letzte Planspiel vor dem Austritt

Euro-Drachme, Geuro oder Guldenmark: Angesichts des Politchaos in Griechenland fallen die Tabus. Sogar die Einführung einer Parallelwährung ist möglich, falls Hellas nach der Wahl die Sparzusagen kündigt und Brüssel den Geldhahn zudreht.
Gutes Geld, schlechtes Geld: Sollte Athen nach der Wahl das Sparpakt kündigen, muss die Regierung bald Schuldscheine (Griechen-Euros, Geuros) ausgeben - eine Parallelwährung neben dem Euro wäre geboren

Gutes Geld, schlechtes Geld: Sollte Athen nach der Wahl das Sparpakt kündigen, muss die Regierung bald Schuldscheine (Griechen-Euros, Geuros) ausgeben - eine Parallelwährung neben dem Euro wäre geboren

Foto: REUTERS

Hamburg - Thomas Mayer ist alles, bloß kein Revoluzzer. Den rotblonden Seitenscheitel ordentlich gezogen, zeigt sich der scheidende Chefvolkswirt der Deutschen Bank stets wohl vorbereitet, wägt Vorteile und Risken sorgfältig ab.

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet er mit dem Vorschlag einer Parallelwährung für Griechenland, dem Geuro, für Furore sorgte. Seine Idee: Weil ein Austritt der Griechen aus der Euro-Zone zu starken wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen führen würde, könnten die Geldgeber sich entschließen, den Geldhahn nur teilweise zuzudrehen.

Die griechischen Banken könnten auf diese Weise durch harte Euro weiter gestützt werden. Auch Geld zur Begleichung externer Schulden - das ohnehin fast komplett nach Europa zurückfließt - könnte weiter gezahlt werden. Nur der griechische Staat selbst ginge leer aus, sofern eine neue Regierung unter dem Einfluss des Linksbündnis-Chefs Alexis Tsipras den Sparkurs aufkündigen sollte.

In der Folge dürfte die Regierung in Athen dann bald gezwungen sein, Staatsdiener und Renten mit Schuldscheinen zu bezahlen. Eine Parallelwährung wäre geboren.

Diese Schuldscheine - Geuros, wie Mayer sie nennt - zirkulierten dann als Währung neben dem Euro. Ihr Kurs würde gegenüber dem Euro abwerten und Griechenland so international wieder wettbewerbsfähiger werden. Und später, wenn Griechenland wieder auf dem Pfad der Tugend zurückgekehrt ist - so die Idee - könnten die Griechen die Parallelwährung wieder einsammeln.

Der "Geuro" würde gegenüber dem Euro stark abwerten

Die Studie sorgte für Furore - kam sie doch von der Deutschen Bank . Auch wenn Mayer kurz darauf klarstellte, dass er damit einfach nur die Wahrscheinlichkeiten in der weiteren Entwicklung des griechischen Dramas erwogen und bilanziert habe.

Doch das Konzept der Parallelwährung ist nicht neu. Auch nicht für Griechenland.

Ob Nordo, Geuro, Guldenmark oder Eurodrachme - Vorschläge gibt es reichlich. Mal werden Bankeinlagen in die neue Währung übertragen, mal nicht, mal nur zur Hälfte, mal werden Zahlungsmittel und Währungseinheit voneinander abgekoppelt.

"Guldenmark" als Stabilitätsanker gegen den weichen Euro

Auch der durch seine Verfassungsklagen gegen den Eurorettungsschirm bekannt gewordene Berliner Wirtschaftswissenschaftler Markus C. Kerber gehört - offenbar angesichts des Scheiterns andere Maßnahmen - mittlerweile zu den Befürwortern einer Parallelwährung. Anders als viele seiner Mitstreiter setzt er allerdings auf eine Guldenmark, die Länder mit Leistungsbilanzüberschuss als "Stabilitätsanker" einführen könnten, um nicht mehr ausschließlich von der Weichwährung Euro abzuhängen.

Auch wenn viele der Ideen unwirklich anmuten. Schon der Wirtschaftsforscher und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek propagierte einst das Nebeneinander verschiedener Währungen.

China, Utah, Brasilien: Das Spiel mit Parallelwährungen

Nach Hayeks Vorstellungen sollte jeder das Recht haben, Währungen anzubieten und nachzufragen. Dabei werde sich das beste, also wertbeständigste Geld, "schon herausmendeln", erläuterte der Frankfurter Währungsexperte Thorsten Polleit, ein entscheidener Befürworter Hayeks, das Prinzip. Schließlich schaffe Wettbewerb "bessere Produkte zu niedrigeren Kosten".

Für den Staat hätte das allerdings erhebliche Konsequenzen. Er verlöre das Geld-Monopol - und das sieht keiner der aktuellen Vorschläge vor.

Doch auch Staaten haben sich in der Vergangenheit in verschiedenen Fällen mit dem Konzept von Parallelwährungen angefreundet, wenn es ihnen opportun schien. So trennte beispielsweise China bis vor wenigen Jahren strikt zwischen Innen- und Außenwährung. Geschäfte mit ausländischen Unternehmen mussten in Dollar abgewickelt werden. Der Renminbi/Yuan war dem Innenhandel vorbehalten.

Und auch der US-Bundesstaat Utah führte angesichts von Zweifeln an der Dollarstabilität im vergangenen Jahr eine Parallelwährung ein. Neben dem US-Dollar ist dort auch Gold als offizielles Zahlungsmittel anerkannt.

Testfall Brasilien: UVP als Währung auf den Lohnzetteln

Den vielleicht spektakulärsten Beweis, dass am Reißbrett entworfene Parallelwährungen - zumindest zeitweise - funktionieren können, erbrachte Mitte der 90er jedoch Brasilien mit dem Real.

Nach Jahrzehnten der Hyperinflation und immer neuen Währungen setzte der damalige Finanzminister und spätere Präsident Enrique Cardoso 1994 auf einen Trick. Er führte im Zuge des "Plano Real" mit dem "Unidade Real de Valor" (UVP, frei übersetzt eine "echte Werteinheit") zunächst eine virtuelle Parallelwährung neben der offiziellen Währung ein.

Zwar wurden Löhne und Lebensmittel weiter mit der alten inflationsgeplagten Währung, dem Cuzeiro, bezahlt. Doch auf den Lohnzetteln stand die am Dollar orientierte Unidade Real de Valor (UVP). Sie signalisierte Stabilität, die später, als der Cruzeiro durch den Real als Vollwährung ersetzt wurde, auch einigermaßen eingehalten wurde.

"Es war ungewöhnlich, aber schließlich ist Geld eine Schöpfung des Gesetzes", kommentierte der spätere Zentralbankschef Gustavo Franco, der gemeinsam mit einer Gruppe von Wissenschaftlern die Idee der zunächst virtuellen Paralellwährung umsetzte, die ungewöhnliche Herangehensweise.

Doch der Plan, den viele für unrealisierbar gehalten hatten, ging auf: Die Hyperinflation wurde gestoppt - und auch der befürchtete Gau bei der letztendlichen Währungsumstellung blieb aus.

"Eine Parallelwährung heißt, die Griechen für immer gehen zu lassen"

Dass auch für Griechenland eine Parallelwährung technisch machbar ist, glaubt auch der für den Athener Thinktank Eliemep tätige Berater George Prokopakis. "Die Deutschen denken sich immer solide technische Lösungen aus, die in der Regel auch tatsächlich einigermaßen umsetzbar sind", sagt er.

Allerdings stünde vor einem solchen Schritt eine "enorme politische Entscheidung", betont Prokopakis. Und davor scheinen vor allem viele europäische Regierungschefs aus Angst vor den Dominoeffekten noch zurückzuschrecken.

Prokopakis warnt, sollte dieser Weg eingeschlagen werden, mit "Zuständen wie in Darfur" in Griechenland. "Eine Parallelwährung heißt, die Griechen für immer gehen zu lassen", ist er überzeugt.

Angela Merkel hat ihre Erfahrungen mit Reißbrettlösungen gemacht - zuletzt mit dem freiwilligen Schuldenschnitt. Der löste an den Märkten derartige Unsicherheit aus, dass die EU danach eine Wiederholung definitiv ausschloss.

Dass so ein Reißbrettplan eine Rechnung mit ziemlich vielen Unbekannten ist, mussten zuvor auch die Brasilianer lernen. Der "Plano Real" war nicht der erste seiner Art. Vier davor waren sang- und klanglos gescheitert.

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