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Zweischneidige Rohstoffrente: Kanadas Industrie ächzt unter der Rohstoff-Hausse

Foto: ? Dan Riedlhuber / Reuters/ REUTERS

Reich durch Rohstoffe Kanada von Selbstzufriedenheit betäubt

Wenig Innovationen und kaum Zuwächse bei der Produktivität: Kanadas Industrie trabt der Konkurrenz in innovativeren Staaten oft müde hinterher. Jetzt debattiert Kanada erregt, ob ausgerechnet der eigene Rohstoffsegen das Land träge macht. Und selbstgefällig. 
Von Markus Gärtner

Vancouver - Eigentlich ist die Lage glänzend. Solide Staatsfinanzen, ein robustes Bankensystem, viele Rohstoffe - Kanada wird von vielen Handelspartnern bewundert. Doch in Kanada selbst herrscht kein Jubel. Das reiche Kanada, das bewunderte Land, wird plötzlich von Selbstzweifeln geschüttelt.

Zwischen Vancouver und Halifax wogt eine öffentliche Debatte über eine seltsame Beobachtung: Obwohl Kanada reich mit Rohstoffen gesegnet ist, konnte es vom Boom in den großen Schwellenmärkten China und Indien nur wenig profitieren. Im vergangenen Jahrzehnt gingen 500.000 Industriejobs verloren. Das war jeder fünfte Arbeitsplatz. Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt sank seit den 60er Jahren von einstmals 24 Prozent auf heute 13 Prozent.

Der Befund für diese Misere, der von vielen Ökonomen und Politikern geteilt wird, heißt: Dutch Disease, die holländische Krankheit. Sie träte ein, wenn ein Rohstoffboom die Landeswährung verteuert, der steigende Wechselkurs dann der eigenen Exportwirtschaft zunehmend die Luft zum Atmen abschnürt - und schließlich Marktanteile an billigere Konkurrenten verloren würden, die später nicht zurückgewonnen werden.

Ist Kanadas Industrie somit also nur das Opfer einer Entwicklung, die das Land selbst gar nicht beeinflussen kann? Kanadas Notenbankchef will diese Entschuldigung nicht gelten lassen - und trifft die Kanadier mit seinen Gegenargumenten mitten ins Herz.

Ausrichtung auf die falschen Märkte

Bank-of-Canada-Gouverneur Mark Carney rechnet den Kanadiern schonungslos vor, sie seien in Wahrheit nicht Opfer einer starken Währung, sondern einer Ausrichtung auf die falschen Märkte. Sie sollten ihr Heil viel stärker im Geschäft mit den aufstrebenden Schwellenländern suchen, die sie sträflich vernachlässigt hätten - und sich gefälligst die Deutschen zum Vorbild nehmen: Die Deutsche Bundesbank hatte bereits in ihrem Monatsbericht im Juli 2011 darauf hingewiesen, dass ein guter Teil der deutschen Exportzuwächse die Folge einer stärkeren Ausrichtung auf große Schwellenmärkte wie China und Indien sei.

Die Analyse des weithin geschätzten Notenbankchefs für Kanada ist entsprechend schonungslos. "Unser Anteil an den Exporten der Welt geht seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts zurück. Unsere Performance ist die zweitschlechteste in den G20", sagt er. Seit dem Jahr 2000 liegen Kanadas Exportzuwächse fast fünf Prozentpunkte unter dem globalen Schnitt." Resultat: Der Anteil des Ahornlandes an den Exporten der Welt sei von 4,5 Prozent auf 2,5 Prozent gefallen. Die Industrie des Landes habe ihren Weltmarktanteil glatt halbiert.

Der Druck auf Kanadas Industrie spiegelt sich auch in den Statistiken zur Innovationskraft der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) wider. Die Forschungsausgaben der Industrie liegen im OECD-Vergleich ziemlich weit hinten - und sie fallen sogar inflationsbereinigt seit dem Jahr 2006. Mittlerweile gibt Kanadas Industrie nur noch so viel Geld für Forschung und Entwicklung aus wie im Jahr 2001, bestätigt eine kanadische Regierungskommission. Die OECD attestiert dem Land schlicht ein "Innovationsproblem".

Kandas Traum von Freizeit und Entspannung

Auch der Zuwachs der Produktivität, der im vergangenen Jahrzehnt jährlich bei 0,6 Prozent gelegen habe, sei nur halb so hoch wie im Schnitt der OECD. Der Conference Board hat ausgerechnet, dass Kanadas Firmengewinne heute 40 Prozent höher wären, die Regierung 31 Prozent mehr Steuereinnahmen hätte und das pro-Kopf-Einkommen 8500 Dollar im Jahr höher ausfallen würde, wenn das Ahornland seit 1988 die selben Zuwächse bei der Produktivität erreicht hätte, wie das südliche Nachbarland USA.

Nur die Hälfte der verlorenen Wettbewerbsfähigkeit schreibt Kanadas oberster Währungshüter Carney dem starken Loonie zu. So nennen die Kanadier ihren Dollar wegen des entenähnlichen Loon-Vogels auf der Ein-Dollar-Münze. "Wir sind mitten in einer fulminanten Neuausrichtung der Weltwirtschaft", sagt der Notenbankchef, "und wir in Kanada machen daraus nicht das Beste, weil wir uns auf traditionelle Märkte konzentrieren."

Gemeint sind vor allem die USA, die noch immer fast zwei Drittel von Kanadas Exporten abnehmen. Laut Carney gehen 85 Prozent der kanadischen Ausfuhren an langsam wachsende Industrieländer. Lediglich 8 Prozent werden dagegen in die viel schneller wachsenden Schwellenmärkte geliefert.

Woher kommt dann aber das Versagen, sich rechtzeitig auf die schnell wachsenden Schwellenmärkte zu konzentrieren? Die Regierungsexperten lassen in ihrem Bericht "Innovation Canada" keinen Zweifel aufkommen: "Das größte Risiko ist Selbstzufriedenheit."

Ein falsches Gefühl von Sicherheit

Der Chefökonom des Vermögensberaters RBC Global Asset Management, der zu Kanadas größter Bank - der Royal Bank - gehört, wird noch deutlicher: "Die schwachen Zuwächse bei der Produktivitä, sind eine Konsequenz davon, dass dieses Land während eines globalen Rohstoffbooms so reich mit Metallen und Energie gesegnet ist", sagt Eric Lascelles. Was daraus folge, sei Selbstgefälligkeit: "Die Kanadier halten Unternehmertum für eine amerikanische Eigenschaft, und nicht einmal eine besonders attraktive - wenn es einen kanadischen Traum gibt, dann beinhaltet der eher eine gute Pension und viele Wochenenden in der Blockhütte."

Etwas anders formuliert es der Kolumnist Richard Gwyn: "Unsere Sterne sind perfekt aufgereiht", sagt er über Kanada, "uns geht es jetzt so wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Kalte Krieg eine riesige Nachfrage für unsere Rohstoffe erzeugte, während viele unserer nationalen Konkurrenten bankrott oder noch vom Weltkrieg zerstört waren."

Dass es auch anderen rohstoffreichen Regionen so wie Kanada geht, zeigt das Beispiel Südamerikas. Auch dort wird beobachtet, dass ein falsches Gefühl von Sicherheit dank reicher Bodenschätze mehr Schaden anrichtet als die starke Währung. Als der israelische Finanzinvestor Arnon Kohavi im vergangenen Jahr nach Chile reiste, um für junge Techfirmen 40 Millionen Dollar Startkapital einzusammeln, musste er nach sechs Monaten unverrichteter Dinge abziehen. Kohavi ging stattdessen nach Singapur. "Der weltgrößte Kupferproduzent", sagte er anschließend über Chile, "ist zu vernarrt in seinen Rohstoffreichtum." Und das ist Kanada auch in seinen - nicht ohne Grund natürlich:

Kanada gilt als weltgrößter Produzent von Kali und Uranerz und als einer der größten Lieferanten von Öl, Gold, Zink, Diamanten und Agrarprodukten. Die meisten der 100 größten Bergbaufirmen haben hier ihren Sitz. Toronto ist das Finanzzentrum für den globalen Bergbau. Satte 32 Prozent des weltweiten Kapitals für die Erschließung neuer Minen wurde seit 2007 hier aufgetrieben. Industriemetalle im Gesamtwert von 70 Milliarden Dollar werden jedes Jahr exportiert. Aluminium, Nickel , Kupfer , Gold und Silber  bestreiten 21 Prozent der Exporte des Landes. Und Europa ist einer der wichtigsten Absatzmärkte für kanadisches Gold, Eisenerz, Uran und Diamanten.

Kanadas Boom zieht Zehntausende Fremde an

Mehr noch: Kanada hat sich zu einem Zentrum der weltweiten Jagd nach alternativen und unkonventionellen Rohstoffen entwickelt. Jedes vierte Explorationsprojekt auf dem Planeten für Industriemetalle, Agrarrohstoffe und Energie wird zwischen Halifax und Vancouver vorangetrieben.

Der jahrelange Rohstoffboom hat Kanadas Wirtschaft nachhaltig transformiert. Ehemals rückständige westliche Provinzen wie Saskatchewan und Alberta sind jetzt Wachstumstreiber, nicht nur was die Zuwächse des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angeht. Auch die Löhne steigen rasant. Sie ziehen Zehntausende von Wirtschaftsmigranten aus anderen Provinzen und aus Europa an. Kanadas Statistikbehörde, Statscan, veröffentlichte vor Weihnachten neue Zahlenreihen zur Lohnentwicklung.

Sie zeigen, dass energiereiche Provinzen wie Saskatchewan und Neufundland seit 2002 einen Lohnrückstand auf den kanadischen Durchschnitt von 9 Prozent in einen Vorsprung verwandelt haben. Albertas Lohnvorsprung beträgt jetzt satte 18,5 Prozent. Arbeiter in den Ölsandgebieten von Alberta verdienen im Jahr 8000 Dollar mehr als Kanadier mit vergleichbaren Jobs in anderen Provinzen.

Graben statt Erfinden

Genau dieser Reichtum soll es sein, der Kanada selbstgefällig, satt und zu unkreativ mache. Warum auch anstrengen, wenn doch das Gold einfach nur aus dem Boden ausgegraben werden müsste, so die Debatte in Kanada, die der Opfertheorie des Landes diametral entgegen läuft.

Mark Carney, der Notenbank-Gouverneur - und die Regierungsexperten - bestreiten dann auch vehement, dass es allein oder überwiegend der starke Kanada-Dollar ist, der dem industriellen Sektor die Luft abschnürt. "Das unterschreibe ich nicht", sagt Carney schlicht zu jenen, die die holländische Krankheit verantwortlich machen. "Wir sind einfach auf die dümpelnden Märkte konzentriert", sagt der Notenbankchef im Ahornland. Und das schade der Exportwirtschaft mehr als der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit, der überwiegend auf eine starke Währung und die mangelhaften Zuwächse der Produktivität zurückgeht.

Die Debatte ist in Kanada längst noch nicht entschieden. Und so werden die Kanadier wohl noch eine ganze Weile von Selbstzweifeln geplagt, während andere Staaten den wachsenden Reichtum des Landes bestaunen - und mit ihren eigenen Rohstoffimporten aus Kanada selbst immer weiter mehren.

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