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Reich durch Lithium: Boliviens Schatz im Silbersee

Foto: Camilla Landbø

Wohlstandshoffnung Boliviens Traum von der Lithium-Weltmacht

Im Süden Boliviens schlummert das größte Lithiumvorkommen der Welt. Das südamerikanische Land setzt große Hoffnungen in die Förderung dieses wertvollen Rohstoffs - und träumt von der eigenen Lithiumbatteriefertigung. Ein Augenschein vor Ort.
Von Camilla Landbø

La Paz - In Bolivien ist Regenzeit. Bedächtig fährt der Jeep vom Festland auf die von einem Wasserfilm überdeckte Kruste des Salzsees. Je weiter der Geländewagen in die unbewohnte Landschaft eindringt, umso mehr verliert man die Orientierung, das Gefühl von einer Grenze, von oben und unten. Alles spiegelt sich auf der Oberfläche: die Wolken, das Blau des Himmels, die Salzhäufchen, die sich hier und dort türmen.

Man taucht in eine andere phantastische Welt ein, gemalt aus Farben und Mustern. Stille. Vielleicht von Zeit zu Zeit ein Sausen und Pfeifen des Windes oder ein paar Laute von vorbeifliegenden Flamingos. Eine Naturpracht: der Salar de Uyuni im Süden Boliviens, der größte Salzsee der Welt.

Zahlreiche Touristen besuchen täglich den über 12.000 Quadratkilometer weiten Salar. Am Ostufer rollen sie in Jeeps auf die weiße, kristalline Kruste, die gegen Mitte des Sees viele Meter dick wird.

Wenn auch der Salar de Uyuni auf rund 3700 Meter über den Meeresspiegel eine der Touristenattraktionen schlechthin ist, hat er für Bolivien unterdessen eine weitere, wichtigere Bedeutung bekommen. Hier unter der Salzkruste liegt der Schatz des Landes vergraben, mit welchem der arme Andenstaat reich werden will: Lithium. Bolivien besitzt das größte Lithiumvorkommen weltweit. Nach letzten Bohrungen spricht man regierungsintern von 100 Millionen Tonnen.

Die Hoffnung Boliviens

Lithium? Kurz: Ohne das silbrig glänzende Leichtmetall ist das gegenwärtige Leben kaum noch denkbar. Aus Lithium werden zum Beispiel besondere Batterien hergestellt. Mit dieser leistungsstarken Energiespeichern funktionieren Computer und Mobiltelefone. Die Pharmaindustrie verwendet Lithium in Antidepressiva.

Szenenwechsel, am Südufer des Salars. Es ist eine Fahrt durch eine einsame und karge Gegend. Die Strecke trocken und staubig, an den Stellen, wo kein Regen gefallen ist. Ansonsten matschig und glitschig. Auf dieser Höhe in den Anden gibt es keine Bäume, die Erde ist braun, grau, manchmal kraftvoll rot. Weite.

Nach fast anderthalb Stunden biegt der Geländewagen auf Staatsareal ein. Eines der Schilder verbietet das Fotografieren. Schließlich tauchen aus dem Nichts mehrere moderne Gebäudekomplexe auf. Es sind die Wohneinheiten und Labors des "Proyecto Litio" - Lithiumprojekt. Hier in Llipi befindet sich die Hoffnung Boliviens in den Händen von jungen Wissenschaftlern und Technikern. Es wird aufgebaut, geforscht und entwickelt. Im Juni - spätestens im September - soll die Produktion von Lithiumkarbonat für den internationalen Markt definitiv losgehen, heißt es.

Boliviens Präsident Evo Morales deklarierte 2007 Lithium als "nationalen Rohstoff" und räumte der Förderung höchste Priorität ein. 2008 rief er das Lithiumprojekt ins Leben, um den Rohstoff zu industrialisieren. Das Projekt wird vom Staat mit über 800 Millionen Dollar finanziert. Seither zieht die staatliche Bergbaugesellschaft Comibol eine Pilotanlage in Llipi hoch. Wegen klimatischer Bedingungen - unter anderem - kommt der Aufbau allerdings nur zögerlich voran.

Hochfliegende Hoffnung für das Jahr 2012

"Dieses Jahr ist die Regenzeit besonders heftig", erklärt der Projektleiter von Llipi, Marcelo Castro Romero, und hebt dabei leicht hilflos die Schultern. Als er vor mehr als drei Jahren hier ankam, war da "niemand und nichts". Der stämmige Mann ist soeben von einer Kontrollfahrt zu den Verdunstungsbecken zurückgekehrt. Wegen des Regens liegen die Becken momentan teilweise unter Wasser. Sie befinden sich im Salar, rund 14 Kilometer von der Laborbasis entfernt.

Die riesigen Becken sind in die dicke Kruste des Salzsees gegraben. Die aus dem See gepumpte Lauge wird darin gesammelt, um sie dann in der Sonne verdunsten zu lassen. Zurück bleibt Lithium. In komplizierten chemischen Prozessen wird daraus hochkonzentriertes Lihtiumkarbonat produziert. Ein nicht einfaches Unterfangen. Auch deswegen, weil die Salzlauge des Salars de Uyuni viel Magnesium und einen geringen Lithiumgehalt enthält.

Deutsche Wissenschaftler wollten beim Verdunstungsprozess helfen. Mitarbeiter der Technischen Universität Freiberg und der bolivianischen Universidad Autónoma de Tomás Frías (UATF) in Potosí erarbeiteten für den Salar Verdampfungskegel, die die Gewinnung von Lithium um einiges hätten beschleunigen sollen. Doch bislang hat Boliviens Regierung wenig Interesse daran gezeigt. "Diese Versuche wurden ohne das Gutheißen von La Paz unternommen", kommentiert Castro Romero nur knapp.

Bereits in den 70er Jahren wurden erste Bohrungen im Salar unternommen. Ende der 80er Jahre gab es einen Versuch, das Lithium auszubeuten. Es kam zu einer internationalen Ausschreibung. Die Konzession erhielt 1992 der mulitnationale Konzern Lithco (Lithium Corporation of America). Lithco ist ein Tochterunternehmen der nordamerikanischen FMC (Farmer Machinery Corporation), einer der Weltproduzenten von Lithium. Doch Anwohner des Salar de Uyuni und soziale Bewegungen der Region waren gegen diesen Vertragsabschluss und gingen auf die Straße. Die Proteste waren erfolgreich, der Vertrag wurde annulliert.

Litihium soll Staatsbesitz bleiben

Kaum jemand glaubte daran, dass Bolivien im Stande sein werde, aus Lithium das wertvolle Lithiumkarbonat herzustellen. Experten gingen immer davon aus, dass dem Andenland die nötige Technik sowie das Knowhow fehlen. Die bolivianischen Wissenschafter machten es jedoch möglich, ohne ausländische Hilfe. Castro Romero: "Ja, vorher erschien es ein Traum, jetzt ist es Realität geworden." Der Plan sei, ab Juni 40 Tonnen Lithiumkarbonat pro Monat zu produzieren und auf dem internationalen Markt zu verkaufen.

Die Nachfrage nach Lithiumkarbonat wird Experten zufolge in den nächsten Jahren enorm zunehmen. In Zukunft soll nämlich statt eines Autos, das Benzin verbrennt, ein Elektromobil vielleicht mit einem Lithium-Ionen-Akku durch die Städte flitzen. Ab 2020 soll die Massenproduktion der benzinfreien Gefährte für den Verkauf losgehen. Millionen von Lithiumbatterien könnten dann bald nötig sein - sofern sich die Energiespeichertechnik für Elektromobile bis dahin nicht noch ändert.

Castro Romero spart mit Worten. Auf alle Fragen, die mit Boliviens Zukunftsplänen zu tun haben, antwortet er lakonisch: "Fragen Sie meinen Chef." Damit meint er Staatsoberhaupt Morales. Es ist allerdings schon lange kein Geheimnis mehr, dass Bolivien eine Fabrik für Lithiumbatterien aufbauen möchte. Nicht nur dies, dem Andenstaat schwebt der Bau von Elektroautos vor.

Szenenwechsel. In der Regierungsstadt La Paz. Im vierzehnten Stock des Zentrums für Kommunikation sitzt hinter einem mit Arbeitsblättern belegten Schreibtisch Boliviens Vizeminister für Bergbau, Freddy Beltrán. An der Wand hängt ein Bild von Evo Morales. "Für die ersten zwei Phasen des Lithiumprojekts wollen wir keine ausländischen Partner", sagt Beltrán unmissverständlich. Die Pilotanlage und die Produktion von Lithiumkarbonat bleibe 100-prozentig in Händen des bolivianischen Staates. "Für alles, was nachher kommt, sind wir jedoch offen für Angebote aus dem Ausland", so der Vizeminister.

Hoffnung auf Technologie aus dem Ausland

Bolivien, insbesondere die Bewohner der Region des Salars machen sich viel Hoffnung, dass die Ausbeutung von Lithium "Reichtum bringen wird". Das Land gilt immer noch als eines der ärmsten Südamerikas.

Unternehmen aus Japan, Finnland, China, Korea oder Frankreich haben Bolivien bereits Angebote vorgelegt. "Aber alle wollen bereits in den ersten zwei Phasen der Ausbeutung dabei sein", erklärt der Vizeminister. Den interessantesten Vorschlag habe bislang Korea gemacht, aber es kam zu keiner Einigung. Bolivien sei sich seiner Grenzen bewusst. "Für die Fabrikation von Lithiumbatterien oder Elektroautos brauchen wir hochentwickelte Technik und Wissen", sagt Beltrán.

Drei Unternehmen gelten weltweit als Spitzenreiter, wenn es um die Verarbeitung von Lithium geht: Lithco, die chilenische Soquomich (Sociedad Quimica Minera Chilena) und die deutsche Chemetall aus Frankfurt am Main. Heute ist die Chemetall Teil des nordamerikanischen Rockwood-Konzerns. "Von Chemetall haben wir keine Vorschläge für die Industrialisierung bekommen", so der Vizeminister. Das habe wohl damit zu tun, dass das deutsche Unternehmen bereits in Chile und Argentinien Lithium abbaut.

Derweil baut Bolivien weiter aus und auf. "Dieses Jahr wollen wir sechs neue Labors errichten und mit dem Bau einer Pilotanlage für die Herstellung von Lithiumbatterien beginnen, hier in La Paz", sagt der Vizeminister. "Dieses Jahr ist das Jahr."