Mittwoch, 1. April 2020

Wohlstandshoffnung Boliviens Traum von der Lithium-Weltmacht

Reich durch Lithium: Boliviens Schatz im Silbersee
Camilla Landbø

2. Teil: Hochfliegende Hoffnung für das Jahr 2012

"Dieses Jahr ist die Regenzeit besonders heftig", erklärt der Projektleiter von Llipi, Marcelo Castro Romero, und hebt dabei leicht hilflos die Schultern. Als er vor mehr als drei Jahren hier ankam, war da "niemand und nichts". Der stämmige Mann ist soeben von einer Kontrollfahrt zu den Verdunstungsbecken zurückgekehrt. Wegen des Regens liegen die Becken momentan teilweise unter Wasser. Sie befinden sich im Salar, rund 14 Kilometer von der Laborbasis entfernt.

Die riesigen Becken sind in die dicke Kruste des Salzsees gegraben. Die aus dem See gepumpte Lauge wird darin gesammelt, um sie dann in der Sonne verdunsten zu lassen. Zurück bleibt Lithium. In komplizierten chemischen Prozessen wird daraus hochkonzentriertes Lihtiumkarbonat produziert. Ein nicht einfaches Unterfangen. Auch deswegen, weil die Salzlauge des Salars de Uyuni viel Magnesium und einen geringen Lithiumgehalt enthält.

Deutsche Wissenschaftler wollten beim Verdunstungsprozess helfen. Mitarbeiter der Technischen Universität Freiberg und der bolivianischen Universidad Autónoma de Tomás Frías (UATF) in Potosí erarbeiteten für den Salar Verdampfungskegel, die die Gewinnung von Lithium um einiges hätten beschleunigen sollen. Doch bislang hat Boliviens Regierung wenig Interesse daran gezeigt. "Diese Versuche wurden ohne das Gutheißen von La Paz unternommen", kommentiert Castro Romero nur knapp.

Bereits in den 70er Jahren wurden erste Bohrungen im Salar unternommen. Ende der 80er Jahre gab es einen Versuch, das Lithium auszubeuten. Es kam zu einer internationalen Ausschreibung. Die Konzession erhielt 1992 der mulitnationale Konzern Lithco (Lithium Corporation of America). Lithco ist ein Tochterunternehmen der nordamerikanischen FMC (Farmer Machinery Corporation), einer der Weltproduzenten von Lithium. Doch Anwohner des Salar de Uyuni und soziale Bewegungen der Region waren gegen diesen Vertragsabschluss und gingen auf die Straße. Die Proteste waren erfolgreich, der Vertrag wurde annulliert.

Litihium soll Staatsbesitz bleiben

Kaum jemand glaubte daran, dass Bolivien im Stande sein werde, aus Lithium das wertvolle Lithiumkarbonat herzustellen. Experten gingen immer davon aus, dass dem Andenland die nötige Technik sowie das Knowhow fehlen. Die bolivianischen Wissenschafter machten es jedoch möglich, ohne ausländische Hilfe. Castro Romero: "Ja, vorher erschien es ein Traum, jetzt ist es Realität geworden." Der Plan sei, ab Juni 40 Tonnen Lithiumkarbonat pro Monat zu produzieren und auf dem internationalen Markt zu verkaufen.

Die Nachfrage nach Lithiumkarbonat wird Experten zufolge in den nächsten Jahren enorm zunehmen. In Zukunft soll nämlich statt eines Autos, das Benzin verbrennt, ein Elektromobil vielleicht mit einem Lithium-Ionen-Akku durch die Städte flitzen. Ab 2020 soll die Massenproduktion der benzinfreien Gefährte für den Verkauf losgehen. Millionen von Lithiumbatterien könnten dann bald nötig sein - sofern sich die Energiespeichertechnik für Elektromobile bis dahin nicht noch ändert.

Castro Romero spart mit Worten. Auf alle Fragen, die mit Boliviens Zukunftsplänen zu tun haben, antwortet er lakonisch: "Fragen Sie meinen Chef." Damit meint er Staatsoberhaupt Morales. Es ist allerdings schon lange kein Geheimnis mehr, dass Bolivien eine Fabrik für Lithiumbatterien aufbauen möchte. Nicht nur dies, dem Andenstaat schwebt der Bau von Elektroautos vor.

Szenenwechsel. In der Regierungsstadt La Paz. Im vierzehnten Stock des Zentrums für Kommunikation sitzt hinter einem mit Arbeitsblättern belegten Schreibtisch Boliviens Vizeminister für Bergbau, Freddy Beltrán. An der Wand hängt ein Bild von Evo Morales. "Für die ersten zwei Phasen des Lithiumprojekts wollen wir keine ausländischen Partner", sagt Beltrán unmissverständlich. Die Pilotanlage und die Produktion von Lithiumkarbonat bleibe 100-prozentig in Händen des bolivianischen Staates. "Für alles, was nachher kommt, sind wir jedoch offen für Angebote aus dem Ausland", so der Vizeminister.

Seite 2 von 3

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung