Freitag, 15. November 2019

Optionen für Europa Wenn Griechenland kippt ...

Griechenland am Abgrund: Alle bereiten sich auf den Ausstieg aus dem Euro vor

Weil sich alle auf ein Scheitern Griechenlands vorbereiten, wird es umso wahrscheinlicher. Jeder glaubt, sich vorbereiten zu können. Doch ein Ausstieg des hoch verschuldeten Landes aus dem Euro kann weder ruhig noch geordnet geschehen.

Hamburg - Niemand kann sagen, er habe von nichts gewusst. Wenn Griechenland Pleite geht, dann kommt das alles andere als überraschend. Seit zwei Jahren geht es mit dem Land bergab. Immer neue Rettungen, unzählige Reports von internationalen Organisationen und Banken über die Perspektiven für Griechenland und die möglichen Folgen eines Euro-Austritts - all das ist hunderte Mal dargelegt und erklärt und durchdacht worden, so dass sich im Fall des Falles niemand auf Unwissenheit wird berufen können.

Mit anderen Worten: Den Verantwortlichen in Unternehmen, Banken und Behörden, die nicht vorbereitet sind, droht Ärger - wegen mangelnder Sorgfalt, Untreue und dergleichen. Folglich bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich auf das schlimmstmögliche Hellas-Szenario vorzubereiten.

Das ist das Perfide an der jetzigen Situation: Weil sich alle auf ein Scheitern Griechenlands vorbereiten, wird dieses Scheitern umso wahrscheinlicher. Denn wer vorbereitet ist, glaubt, die Folgen kontrollieren zu können.

Was also wird passieren? "Der Griechenland-Ausstieg wird auf jeden Fall ungeordnet geschehen", sagte mir kürzlich ein deutscher Euro-Retter. "So etwas kann gar nicht geplant, ruhig und geordnet geschehen."

Das Szenario sieht so aus: Am 17. Juni, bei der nächsten Wahl in Griechenland, wird nach derzeitigen Umfragen abermals keine Mehrheit herauskommen, die bereit ist, sich an die Programmzusagen zu halten. Sollte es so kommen, wird die neue Regierung in Athen kein weiteres Geld aus den Hilfsprogrammen von EU und IWF erhalten. Spätestens dann werden die griechischen Banken sich nicht mehr refinanzieren können, weil ihnen niemand, wirklich niemand mehr Geld mehr leiht.

Die Lage in Griechenland spitzt sich in diesem Fall extrem zu: Das Finanzsystem funktioniert nicht mehr, der Zahlungsverkehr kommt zum Erliegen, die Banken schließen, die Geldautomaten sind leer, die Bürger bunkern Bargeld.

Irgendwann muss die EZB den Stecker ziehen

Was dann? Vermutlich wird die Europäische Zentralbank dann die schmutzige Arbeit erledigen müssen. Sie muss am Ende den Stecker ziehen. Irgendwann wird sie aufhören, die griechischen Institute mit Liquidität zu versorgen; schließlich wollen und dürfen die Euro-Banker nicht immer größere Risiken eingehen.

Der griechischen Regierung wird in dieser Situation nichts anderes übrig bleiben, als den sofortigen EU-Austritt zu erklären. Nur den Euro zu verlassen und ansonsten in der Europäischen Union zu bleiben, ist nach dem EU-Vertrag nicht möglich. Auch ein Ausschluss aus der Euro-Zone ist vertraglich nicht vorgesehen.

Aber Griechenland braucht eine eigene Währung, wenn die EZB die Refinanzierung der Banken einstellt. Es braucht eine eigene Zentralbank, die die Banken refinanzieren kann und den Zahlungsverkehr wieder ins Laufen bringt.

Griechenland steht dann eine harte Zeit bevor. Inflation und Abwertung werden ruinöse Wirkungen auf die Gesellschaft entfalten. Die Auslandsschulden explodieren. Das Land ist abgeklemmt vom internationalen Kapitalmarkt. Griechenland droht im Chaos zu versinken. Vielleicht hilft die EU mit weiteren Geldern. Vielleicht helfen Russen oder Chinesen, um ihren Einfluss zu erhöhen. So wie die Russen offenbar bereits dem ebenfalls am Rand der Pleite stehenden Zypern mit einem Milliarden-Kredit unter die Arme gegriffen haben.

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