US-Konsum Kann man eine Erholung kaufen?

Die Wall Street hat die schwächste Handelswoche des Jahres hinter sich. Nicht nur Griechenland bereitet Sorgen, auch der US-Konsum stagniert, denn der Konsument bleibt in einer Zwangsjacke aus stagnierenden Reallöhnen und schwachem Arbeitsmarkt. Wachstum ohne Hilfe der Fed bleibt in weiter Ferne.
Von Markus Gärtner
Schwacher Arbeitsmarkt, stagnierende Löhne: Stirbt der Traum von der US-Konsumgesellschaft?

Schwacher Arbeitsmarkt, stagnierende Löhne: Stirbt der Traum von der US-Konsumgesellschaft?

Foto: David Goldman/ Getty Images

Vancouver - "Shop until you drop", gehe einkaufen bis Du umfällst. Das ist das Motto der amerikanischen Verbraucher. Sie steuern mit ihrenTouren durch die Einkaufstempel zwischen Los Angeles und New York stattliche 70 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Glaubt man den Umsatzzahlen für den US-Einzelhandel, die vergangene Woche vom Handelsministerium gemeldet wurden, dann sind die US-Konsumenten jetzt tatsächlich umgefallen. Von März auf April nahmen die Verkaufserlöse in den US-Shoppingtempeln nur noch um schlappe 0,1% zu.

Das klingt nach Stagnation und erinnert an das tiefe Ausatmen des Marathonläufers, nachdem er sich mit einem letzten Push über die Ziellinie gequält hat. Mehr noch: Der Retailkonzern JC Penney meldete einen Rückgang der Verkaufserlöse in den seit mindestens einem Jahr geöffneten Kaufhäusern von 19 Prozent. Das Unternehmen hat sowohl die Umsatz- als auch die Gewinnerwartungen der Analysten enttäuscht und streicht seine Dividende.

Anleger reagierten ebenso drastisch: Die JC Penney-Aktie brach im Anschluss um mehr als 10 Prozent ein. Ist das symptomatisch für weite Teile des US-Einzelhandels? Schon werden in den USA von Volkswirten alarmierende Fragen gestellt: Stirbt der Traum von der Konsumgesellschaft ? Geht den US-Verbrauchern, die zuletzt ihre Schulden wieder erhöht und die Sparquote verringert haben, die Puste aus?

Angesichts stagnierender Löhne und einem schwachen Arbeitsmarkt scheinen die amerikanischen Verbraucher keine Reserven mehr zu haben, um die wenig überzeugende Erholung der Konjunktur weiter zu stützen, und im günstigsten Fall auf eigene Beine zu stellen.

Investitionen stagnieren - Alarmsignal für die US-Konjunktur

Das wäre Wachstum ohne die Schützenhilfe der Notenbank. Schon vorige Woche hatten 22 große Einzelhandelsketten in den USA - darunter Costco , Target und Gap - Umsatzzuwächse für den April von 0,6% gemeldet. Das war der geringste Anstieg seit 2009, als die US-Wirtschaft offiziell die Große Rezession beendete.

Vorausgegangen waren zwei starke Monate mit kräftigen Zuwächsen. "Wir sind in einer ziemlich volatilen Phase angekommen", beklagt sich Michael Niemira, der Chefökonom beim International Council of Shopping Centers. Für die US-Konjunktur ist das ein Alarmsignal. Denn die Investitionen, die sehr bei der Erholung nach der Großen Rezession halfen, stagnieren. Ausgaben der Firmen für Maschinen und Software nahmen von Januar bis März im Vergleich zum Schlussquartal 2011 nur noch um 1,7 Prozent zu. Das war der geringste Anstieg seit Ende 2009.

Die schwachen Verkäufe im Einzelhandel passen zu dem jüngsten Stimmungsbarometer vom Institute for Supply Management in Arizona. Das ISM meldete vor wenigen Tagen für den April einen Rückgang seines Index für den Dienstleistungsbereich auf 53,5 Zähler, nur knapp über der Marke von 50, wo die Expansion kippt und in eine Rezession umschlägt. "Die Konsumenten machen Frühlingsferien", titelt angesichts der jüngsten Retailzahlen die Societe Generale ihre neue Analyse zur US-Konjunktur.

Der April habe, so heißt es in der täglichen "Economic News" der Bank, "eine Serie stetiger monatlicher Verbesserungen seit dem Dezember gebrochen." Die Konsumprognose der Societe Generale für die USA im laufenden Quartal macht wenig Mut: Nur +1,9 Prozent. Das bedeutet: 70 Prozent der US-Konjunktur hängen an dümpelndem Konsum.

Die Optimisten: Neue Jobs, Lohnanstieg, sinkende Benzinpreise

Die US-Ökonomen sind derzeit geteilter Meinung, wie man die nächsten Monate beim privaten Verbrauch beurteilen muss. Die Optimisten verweisen auf anhaltend gute Resultate in den Stimmungsumfragen. So belegt die neue Erhebung der University of Michigan für die ersten Tage im Mai die beste Konsumstimmung seit vier Jahren. Wie kann das sein? Die Erklärungen reichen von einleuchtenden Trends bis hin zu wenig überzeugenden Hinweisen auf die jüngste Vergangenheit. Der erste Hinweis lautet: Neue Jobs.

Die US-Wirtschaft hat in den vergangenen 12 Monaten 1,8 Millionen neue Arbeitsplätze produziert. So konnte das Gesamteinkommen der Erwerbsfähigen im Land um 2,2 Prozent steigen, obwohl die Stundenlöhne inflationsbereinigt im Schnitt um 0,7 Prozent sanken. "Wenn Sie nur auf die Durchschnittslöhne schauen, sieht es um den Konsum nicht gut aus", erklärt Omair Sharif beim Brokerhaus RBS Securities, "aber wenn Sie sich die Gesamteinkommen ansehen, kann der Konsum weiter zunehmen."

Überzeugend ist auch der Hinweis der Optimisten auf die sinkenden Benzinpreise. Sie haben nach der Rally bis April, die nur kurz vor der Marke von 4 Dollar je Barrel haltmachte, inzwischen 5 Prozent nachgegeben. Wegen der schroffen Korrektur an den Rohstoffmärkten, die den Ölpreis auf das niedrigste Niveau im laufenden Jahr getrieben haben, sinken die Preise an den Tankstellen derzeit um 2-3 Prozent je Woche. Das hilft einer Volkswirtschaft, in der nach Berechnungen der Notenbank-Zweigstelle in San Francisco jeder Cent weniger für Benzin den amerikanischen Autofahrern pro Tag 3,8 Millionen Dollar spart.

Würden die Benzinpreise auf das Niveau vom Januar zurückgehen, blieben demnach 40 Milliarden Dollar mehr für die Shopping-Trips in den Malls übrig.

Fiskalische Vollbremsung für 2013 erwartet

Der zweite Hinweis, der von den Optimisten kommt, ist der reale Lohnanstieg seit Anfang 2010. Er betrug laut der Investmentbank CIBC World Markets 0,6 Prozent. Zudem hätten in den vergangenen 12 Monaten zwei Drittel aller Umsatzzahlen für den US-Einzelhandel positiv überrascht. "Jetzt liegt es an den amerikanischen Konsumenten", frohlockt der CIBC-Analyst Benjamin Tal, "mit der fiskalischen Vollbremsung, die für 2013 erwartet wird, und den lahmenden Investitionen, können die amerikanischen Konsumenten ihre Rolle als Zugmaschine der Konjunktur zurück gewinnen?"

Die CIBC-Ökonomen argumentieren mit aufgeschobenem Konsum. Dieser wurde seit der Finanzkrise vor allem bei Produkten wie Autos, Möbeln und Hausgeräten gezügelt, muss sich aber irgendwann einmal entladen. "Jahrelang haben sich die US-Familien bei Nicht-Basiskonsumgütern zurückgehalten, jetzt dürften sie den Wunsch haben, einiges davon nachzuholen", heißt es hoffnungsvoll in dem neuen Bericht der Investmentbank. Dessen Überschrift: "Amerikanische Konsumenten - Kaufen die Erholung zurück."

US-Autobauer spüren wieder Rückenwind

Der Hinweis auf die stramme Autokonjunktur scheint berechtigt. Die Autoschmieden haben in den USA seit Jahresbeginn jeden Monat aufs Jahr hochgerechnete Verkaufszahlen von über 14 Millionen PKW erreicht. Das ist das beste Ergebnis seit 2008, heißt es beim Analyseunternehmen Ward's Automotive Group. In der Tat: Laut den Zahlen der US-Regierung hat allein die rasant gestiegene Autoproduktion in den USA im ersten Quartal die Hälfte zum BIP-Wachstum von 2,2% beigetragen.

General Motors  hat seine Umsatzprognose für 2012 angehoben. Ford  richtet zusätzliche Schichten in der Fertigung ein. Und deutsche Anbieter im Luxussegment - wie BMW , Mercedes oder Audi - feiern neue Absatzrekorde in den USA.

Doch gerade an diesem Punkt setzen die Pessimisten an. Sie verweisen darauf, dass Amerikas Autofahrer seit der Finanzkrise so viele Neuanschaffungen hinausgeschoben haben, dass der PKW-Fuhrpark jetzt mit einem Durchschnittsalter von elf Jahren so betagt ist, dass Reparaturen im Vergleich zu einem Neuwagenkauf zu teuer werden. Doch der Nachholeffekt dürfte nicht lange anhalten.

Hinzu kommt: Der private Konsum in den USA wird zu einem Teil mit dem Griff auf die Rücklagen finanziert.

Vom Schlussquartal 2011 bis Ende März des laufenden Jahres sank die Sparquote von 4,5 auf nur noch 3,9 Prozent. Der zweite Grund ist die steigende Verschuldung. Die Mehrzahl der Analysten in den USA sieht in dem immer noch wachsenden privaten Konsum einen Beweis für Zuversicht bei den Verbrauchern. Doch die privaten Kredite - ohne Hypotheken - haben allein im Februar um weitere 8,7 Milliarden Dollar weiter zugenommen. Damit wird ein sechsmonatiger Aufwärtstrend fortgesetzt, der allein im Januar eine Neuverschuldung von 18,6 Mrd. Dollar sah.

Die Pessimisten: Konsum auf Pump nimmt wieder zu

Hier beweist sich: Die gute Einkaufslaune der US-Konsumenten, die am 4. Mai auch vom Meinungsforscher Gallup belegt wurde, basiert auf einer Selbsttäuschung. "Bei steigenden kollektiven Einkommen und rekordniedrigen Zinsen fühlen die Verbraucher derzeit die Lasten hoher Schulden nicht so sehr", erklären die Volkswirte bei CIBC. Kein Wunder also, dass die Schulden wieder steigen und Gallup trotzdem meldet: "Die Amerikaner sind mehr auf Konsum eingestellt, als zu irgend einem Zeitpunkt seit der Finanzkrise."

Was den Pessimisten auch Recht gibt, ist die jüngste Entwicklung der Reallöhne in den USA. Während CIBC darauf hinweist, dass die Stundenlöhne inflationsbereinigt seit Anfang 2010 gestiegen sind, meldet das Bureau of Labor Statistics in seiner April-Analyse, in den vergangenen 12 Monaten seien die Stundenlöhne nach Abzug der Teuerung um 0,5% gesunken. Das ist der Grund, warum die Sparrate abgebaut wird und der Konsum auf Pump wieder zunimmt. Eine Zinsanhebung der US-Notenbank könnte in diesem Umfeld die nächste Finanzkrise auslösen. Diesmal nicht in den Bankenbilanzen, sondern in den Geldbeuteln der US-Konsumenten.

Denen droht auch vom Arbeitsmarkt neues Ungemach. Denn im April ließ auch der Schwung bei der Bereitstellung neuer Jobs nach. Die Zahl der neuen Arbeitsplätze brach von mehr als 200.000 in den Vormonaten auf nur noch 115.000 ein. Der US-Arbeitsmarkt zeigt trotz des Rückgangs auf 8,1% Arbeitslosigkeit enorme Schwächen. Der Nobelpreisträger Paul Krugman verweist auf die hohe Zahl von Langzeitarbeitslosen: "3,9 Mio. Amerikaner haben seit mehr als einem Jahr keinen Job, das sollte unsere Priorität sein, das ist eine klare und akute Gefahr", sagt Krugman. Und die Zahl der Amerikaner, die nur Teilzeit arbeitet, obwohl sie gerne eine Vollzeitbeschäftigung hätte, liegt bei acht Millionen. All das limitiert die Kaufkraft.

Das fiskalische Kliff: Sparpaket und höhere Steuern

Das ist auch einer der Gründe, warum in den USA Politiker, Banker und Volkswirte immer öfter auf das "fiskalische Kliff" hinweisen, über das die USA Ende des Jahres zu stürzen drohen. Zahlreiche höhere Steuern und automatische Einsparungen im US-Haushalt drohen in Kraft zu treten, falls sich der Kongress nicht rechtzeitig auf ein neues Sparpaket einigt. Doch vor der Wahl im November erwartet das kaum ein Beobachter.

In diesem Fall drohen den USA im kommenden Jahr 3 Prozentpunkte beim Bruttoinlandsprodukt verloren zu gehen, warnt nicht nur die kanadische Analystin Sherry Cooper bei der BMO Financial Group in Toronto. Auch der Internationale Währungsfonds ist besorgt. "Da die Privatwirtschaft die Konjunktur kaum über 2 Prozent BIP-Wachstum hinaus hieven kann, würden die automatischen Einsparungen die Konjunktur überfordern, sie würden die Erholung ernsthaft untergraben", heißt es im jüngsten Wirtschaftsausblick des IWF.

Vor der falschen Hoffnung, dass die US-Verbraucher in dieser Phase mit mehr Konsum einspringen, warnt auch die Beratungsgesellschaft McKinsey in einer neuen Studie.

Die Reparatur der Familienbilanzen werde mindestens noch bis 2014 dauern: "Die US-Haushalte haben den Anteil ihrer Schulden am verfügbaren Einkommen um 15 Prozentpunkte gesenkt, sie könnten ein tragbares Schuldenniveau in etwa zwei Jahren erreichen." Altmodisches Sparen hat dabei freilich nicht geholfen: "Zwei Drittel beim Abbau der privaten Schulden gehen auf geplatzte Hypotheken und Konsumentenkredite zurück", heißt es bei McKinsey.

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