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Schieferöl und -gas: US-Ölrausch setzt Zehntausende in Marsch

Foto: FRED PROUSER/ REUTERS

Neuer Wilder Westen US-Ölrausch setzt Zehntausende in Marsch

In Amerikas Hinterland bricht ein Ölrausch wie einst im wilden Westen aus. Tausende drängen in die zuvor verschlafenen Ölstädte. Männer-Arbeitscamps entstehen. Jetzt verdrängen die Wanderarbeiter die Schwachen - und mitten im Ölboom entsteht ein bitteres Sozialdesaster.
Von Markus Gärtner

Williston - Es ist ein Menschenstrom, wie ihn Amerika lange nicht mehr gesehen hat. Tausende, Zehntausende haben sich in Marsch gesetzt, um dort ihr Glück zu suchen, wo bis vor Kurzem oft nur kleine Ansiedlungen vor sich hin gammelten. Der Ölrausch ist nach North Dakota und Montana gekommen - weil es der Markt so wollte.

Seit der Rohstoff Öl knapper wird und die Benzinpreise bereits auf den höchsten je zu dieser Jahreszeit in Nordamerika ermittelten Wert geschossen sind, lohnt plötzlich auch die Erschließung bisher nicht rentabel ausbeutbarer Vorkommen. Gut für die US-Bundesstaaten Montana, Nord Dakota, Ohio oder Texas: Amerika erlebt dank der neu erschließbaren Schiefervorkommen einen Ölboom, der die USA in kürzester Zeit zum zweitgrößten Ölproduzenten außerhalb der Opec gemacht hat.

Die neuen Boomtowns in diesem modernen Goldrausch - darunter Williston in Nord Dakota und Sidney in Montana - erleben eine Invasion von Wanderarbeitern, die an den wilden Westen vor Jahrhunderten erinnert.

Minengesellschaften und Förderfirmen reißen ganze Straßenblocks mit Wohnhäusern an sich. Hotelneubauten werden für die hineinströmenden Arbeiter komplett angemietet, bevor die Gebäude überhaupt fertiggestellt sind. Und nicht nur Wohnraum ist in den einst verschlafenen Gebieten plötzlich knapp. Von allem ist in den neuen El Dorados der USA zu wenig da: Von Pipelines, die das sprudelnde Öl in die Raffineriezentren befördern sollen, über Trucks bis hin zu Sand, der in den umliegenden Bundesstaaten ausgebaggert wird, um zusammen mit Wasser und Chemikalien das Schiefergestein in den großen Vorkommengebieten aufzubrechen.

Selbst Sitzplätze bei McDonalds werden in der Förderregion knapp - und Arbeitskräfte so rar, dass die Burgerbraterei neuen Angestellten 18 Dollar die Stunde zahlt und ihnen Boni anbietet, damit sich überhaupt jemand für den Tresenjob interessiert.

Historischer Schub für das US-Hinterland

Energiegiganten wie Exxon Mobil , Chevron , Devon Energy und Royal Dutch Shell  kaufen im großen Stil Land, um an dem Boom teilzunehmen. Shell hat Mitte März den Milliardenauftrag für einen Ethylen-Cracker nach Pennsylvania vergeben. Gouverneure und Bürgermeister aus vier amerikanischen Bundesstaaten hatten sich in den Niederlassungen des Ölmultis die Sohlen abgewetzt, um das lukrative Investment zu gewinnen.

Überhaupt: Allerorten wird schwer investiert. Selbst Youngstown, die alte Stahlmetropole von Ohio beispielsweise - vor 34 Jahren durch Werksschließungen zu einer Einöde degradiert - erlebt eine Renaissance. Der französische Stahlröhrenspezialist Vallourec SA baut dort für 650 Millionen Dollar eine neue Fabrik, in der Rohre für die hydraulische Förderung von Schiefervorkommen gefertigt werden.

Ohios Gouverneur erwartet bis 2015 satte 200.000 neue Jobs und 22 Milliarden Dollar zusätzliche Wirtschaftsleistung. "Für Ohio ist das der größte ökonomische Schub seit der Einführung des Pflugs", schwärmt Aubrey McClendon, der CEO der Chesapeake Energy Corp., dem derzeit aktivsten Bohrunternehmen in den USA.

Schiefergas- und Ölbonanza sorgt für rund 600.000 neue Jobs

Wie weit die Wirkungskette dieses Booms reicht, sieht man auch am Elektrokonzern Siemens . Weil die Flut von Naturgas den Preis für den Rohstoff auf ein Zehnjahrestief einbrechen ließ, satteln so viele Energieversorger bei der Elektrizitätserzeugung auf Gas um, dass auch der Einsatz von Gasturbinen massiv zunimmt. Der deutsche Konzern hat nach eigenen Angaben über 350 Millionen Dollar in seine neue Fabrik für Gasturbinen in Charlotte, North Carolina, investiert und 700 lokale Jobs geschaffen.

Nicht nur der US-Markt soll von Charlotte aus versorgt werden, die Exporte sollen auf mehr als 400 Millionen Dollar jährlich steigen. Alternde Elektrizitätswerke, schärfere Klimavorschriften und billiges Gas heizen auch den Kraftwerksbauern und ihren Ausrüstern ein.

"Als Marktführer mit einem Anteil von mehr als 40 Prozent bei hochleistungsfähigen Gasturbinen wollen wir davon profitieren", heißt es in einer Pressemeldung zum neuen Standort in Charlotte. Siemens ist mit insgesamt 60.000 Beschäftigten in allen 50 Bundesstaaten zu einem der führenden Arbeitgeber der USA aufgestiegen.

Anteil an Schiefergas soll bis 2035 auf 60 Prozent steigen

Die Schiefer-Bonanza beschert den USA laut dem Analyse-Unternehmen IHS Global Insight derzeit mehr als 600.000 direkte und indirekte Jobs. Bis 2015 sollen es schon 870.000 sein. Einem aktuellen IHS-Bericht zufolge wird der Anteil von Naturgas aus Schiefervorkommen von einem Prozent zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts bis zum Jahr 2035 auf 60 Prozent der gesamten Förderung in den USA steigen. Industrie-Insider wie Robin West, der CEO von PFC Energy, vergleichen den Effekt des Schiefergas- und -ölbooms mit dem Fall der Berliner Mauer.

Der CEO von Conoco Phillips, Jim Mulva, zitiert Beratungsfirmen in der Branche, die bis 2025 die Förderung von täglich drei Millionen Barrel Schieferöl vorhersagen. Das wären fünf Mal so viel wie derzeit. Laut der U.S. Energy Information Administration verfügen die USA über 2700 Billionen Kubikfuß Gas. Das reicht für die USA, um damit 100 Jahre auszukommen.

Rentner und Geringverdiener ziehen weg

Die Analysten der Citigroup  sagen den USA sogar eine "kleine industrielle Revolution" vorher. Dank der unkonventionellen Förderung soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA wegen des Energiebooms in den kommenden Jahren im günstigsten Fall um bis zu 3,3 Prozent wachsen. Das wären jährlich 624 Milliarden Dollar zusätzliche Wirtschaftsleistung. Genügend, um 3,6 Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die mögliche Folge: Das Defizit in der Leistungsbilanz könnte mit einem Rückgang von 80 Prozent fast verschwinden, der Dollar könnte sich zu neuer Stärke aufschwingen, aus der Sicht der USA würden geopolitische Risiken im Zusammenhang mit der Energieversorgung fast verschwinden. Die Stabilisierung oder gar der Rückgang der Ölpreise - könnte selbst deutschen Autofahrern zugute kommen.

Soweit das rosige Szenario. Doch Sorgen vor einer Verschmutzung von Wasser und Umwelt, bis hin zur Auslösung von Erdbeben, nehmen in den USA zu. Außer vereinzelten Protesten hat es jedoch noch keinen größeren Widerstand gegen den neuen Boom gegeben. Aber das könnte sich ändern. Denn die Zahl der Verlierer in diesem Boom nimmt deutlich zu. Die Entführung und Ermordung einer lokalen Lehrerin durch zwei zugereiste Wanderarbeiter in der Ölindustrie sorgte im Januar in der Boomstadt Sidney für erhebliches Aufsehen. Das Provinzstädtchen sieht einer Verdoppelung seiner Bevölkerung binnen drei Jahren entgegen. Rund 60 Prozent mehr Schüler werden erwartet.

Überall in und rund um die Stadt schießen sogenannte "Man Camps" aus dem Boden, Parks aus Wohnwagen, in denen Wanderarbeiter billige Unterkunft suchen. Harte Arbeit, sprudelnde Einkommen, Alkohol und Frauenmangel sorgen für die bekannten Probleme, die es schon im Goldrausch des 19. Jahrhunderts gegeben hatte. Der Mord an der Lehrerin lenkte das Augenmerk von Medien und entsetzten Einwohnern auf die sozialen Nebenwirkungen des Energiebooms. Plötzlich müssen die Nachbarn in der Kleinstadt mit 5000 Einwohnern ihre Türen verschließen. Der Sheriff will seine Truppe kräftig aufstocken. Und viele bewaffnen sich einfach.

In den Boomregionen rund um die Schiefervorkommen in Montana, Ohio, Nord Dakota, Pennsylvania und Texas sorgt das für einen Waffen-Boom wie man ihn lange nicht mehr gesehen hat. Seit 2008 schießen ohnehin die Absatzzahlen in die Höhe: Wegen wirtschaftlicher Unsicherheit, und weil viele fürchten, dass Barack Obama das Recht auf eine Waffe einschränken will. Der Waffenhersteller Smith & Wesson hat gerade seine Verkaufsprognose für 2012 deutlich angehoben. Der Aktienkurs ist seit dem Zwischenhoch im Oktober um 233 Prozent auf 7,81 Dollar gestiegen. Der Schusswaffenkonkurrent Sturm Ruger wurde im ersten Quartal mit über einer Million Bestellungen so überflutet, dass er bis Mai keine Aufträge mehr annimmt, um trotz stark erweiterter Kapazität den Auftragsbestand abzuarbeiten.

Eigentümer ziehen in den Keller

Aber nicht nur Mieter und verängstigte Nachbarn geraten in Not. Der Schieferboom sorgt auch für Auseinandersetzungen um privates Eigentum. In North Dakota reichten Bürger beim Bezirksgericht in Williston am 12. März eine Klage ein. Sie sehen ihre Rechte als Landbesitzer beeinträchtigt. Nach altem Recht haben Grundstückseigner entlang Flüssen und Seen bis an den Wassergrund Anspruch auf eventuelle Rohstoffvorkommen. Doch entlang des Missouri und des Yellowstone-Flusses macht Uncle Sam jetzt von einem alten Gesetz aus dem Jahre 1889 Gebrauch, wonach Mineralien und Energie bis an die Wasseroberfläche dem Staat gehören. "Überall werden Bohrtürme aufgestellt, und alle streiten sich um die Mineralien", sagt Charles Neff, ein Anwalt der Landeigentümer, die eine Sammelklage gegen den Staat anstrengen. Die Öl- und Gasförderer haben sich von solchen juristischen Schlammschlachten frühzeitig befreit. In den meisten Fällen zahlen sie an Staat und private Besitzer der Grundstücke Abgaben, die bis zu 20 Prozent des Förderwertes und bis zu 5000 Dollar je Acre reichen; ein Acre sind 4047 Quadratmeter. Und das treibt überall die Preise. Bis hin zu den Mieten.

In North Dakota ziehen vor allem Rentner und Geringverdiener aus Boomstädten wie Williston bis zu 300 Kilometer weg, weiter in den Osten des Bundesstaates. Einer der Vertriebenen ist Nick Kathrein, der nach seinem Wehrdienst 1962 bis zur Pensionierung in einem Sägewerk in Dickinson am westlichen Rand des Bundesstaates arbeitete und ins 200 Kilometer östlich gelegene Bismarck umzog. "Die denken, jeder hier macht dickes Geld in den Ölgebieten, aber nicht jeder kann sich diesen Boom leisten", sagt Kathrein. In der Ölstadt Williston sind die Durchschnittspreise für Einfamilienhäuser seit 2005 von knapp 72.000 Dollar auf jetzt 192.000 gestiegen. Wie stark der Sog der Fördergebiete ist, weiß man vor allem bei den Stellenvermittlern. In North Dakota stammen 60 Prozent der vermittelten Arbeiter aus anderen US-Staaten, 90 Prozent aller Telefonate werden inzwischen mit anderen Teilen der USA geführt.

"Wohnraum ist ein riesiges Thema", sagt Chris Traeger, Personalkoordinator bei CCS in Williston, "es gibt keine freien Wohnungen mehr. 9000 Leute leben in Wohnwagen-Camps, die Hotels hängen alle Schilder raus, dass sie ausgebucht sind." Probleme wie diese ziehen sich von Williston bis ins 3000 Kilometer entfernte Labrador auf kanadischer Seite. Dort mieten Eisenerzförderer rund um ihre Schächte ganze Stadtteile und zahlen 6000 Dollar Miete pro Monat für ein Reihenhaus mit vier Zimmern. Die Eigentümer ziehen meist in den Keller oder in ihre Blockhütten irgendwo am nächsten See.

"Wenn Du großes Glück hast, findest Du manchmal noch eine Wohnungsanzeige", sagt die Kanadierin Carrie Cabot, die mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern aus ihrem Haus in Wabush ausziehen muss. Das Minenunternehmen, das ihre alte Bleibe in Beschlag nimmt, hilft sogar bei der Suche nach einer neuen Wohnung und gibt der Familie mehr Zeit für den Auszug. Doch ein neues Haus für 300.000 Dollar können sich die Cabots nicht leisten. "Fast alle, die ich kenne, sind weggezogen", sagt die Frau. Wabush mit seinen 10.000 Einwohnern hat in den vergangenen Monaten 500 neue Wohungen und Häuser gebaut. Ein Ende der Wohnraummisere ist trotzdem nicht absehbar. Der wichtigste Grund: Der Großteil des unbebauten Landes gehört den Minengesellschaften. Und die wollen hier Erz fördern, keine Mietshäuser bauen.

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