BCG-Experte "Wir sind auf dem Weg in die Pleite"

Ist die Euro-Schuldenkrise überwunden? Nein, sagt Daniel Stelter, Berater der Boston Consulting Group. Die Euro-Zone sei gefangen in einem Teufelskreis: Das Problem seien nicht nur die hohen Schulden, sondern vor allem das ausbleibende Wachstum.
"Die Zentralbanken haben uns lediglich Zeit gekauft": Daniel Stelter (rechts) im Gespräch mit mm-Redakteur Henrik Müller (links)

"Die Zentralbanken haben uns lediglich Zeit gekauft": Daniel Stelter (rechts) im Gespräch mit mm-Redakteur Henrik Müller (links)

Foto: Noshe

mm: Herr Stelter, fürs neue manager magazin haben Sie mit Ihrem Team umfangreiche Berechnungen zur Verschuldung Europas angestellt. Derzeit scheint sich die Lage an den Anleihemärkten ja halbwegs zu entspannen. Sind wir endlich auf dem Weg aus der Krise?

Daniel Stelter: Nein, wir haben uns lediglich Zeit gekauft - durch die Liquiditätsprogramme der EZB, durch das zweite Hilfspaket für Griechenland und den Schuldenschnitt. Aber wozu sie diese Zeit nutzen wollen, haben die Regierungen bislang nicht gesagt. Tatsache ist doch: Wir geraten immer tiefer in den Schuldensumpf, die Schuldenquoten in Relation zur Wirtschaftsleistung steigen immer weiter.

mm: Eigentlich ist der Westen pleite?

Stelter: Soweit würde ich nicht gehen, aber wir sind auf dem Weg in die Pleite. Insbesondere die Euro-Zone ist gefangen in einem Teufelskreis: Die hohen Schulden drücken das Wachstum, bei stagnierender oder sogar schrumpfender Wirtschaftsleistung ist es unmöglich, die Schulden abzubauen. Die Probleme werden immer größer statt kleiner.

mm: Der Westen spart sich immer tiefer in die Krise?

Stelter: Das ist die Lage. Derzeit befinden sich große Teile der Euro-Zone schon wieder in der Rezession. Wenn sich alle Staaten gleichzeitig durch Haushaltskürzungen zu helfen versuchen, dann besteht die Gefahr, dass es am Ende allen schlechter geht.

mm: Mohamed El - Erian, der Chef der Investmentgesellschaft Pimco, hat kürzlich vor einem unausweichlichen Schuldenschnitt auch für Portugal gewarnt. Zu recht?

Stelter: Eindeutig ja. Aber dabei wird häufig übersehen, dass in Portugal die Probleme eigentlich viel schwerer zu lösen sind als in Griechenland.

mm: Warum?

Stelter: In Griechenland ist lediglich die Staatsverschuldung sehr hoch, auch jetzt noch, nach dem Verzicht der privaten Gläubiger. Portugal hat aber zudem hohe Schuldenstände der Unternehmen und der Bürger. Übrigens ist das in Spanien und Irland, mit Abstrichen auch in Frankreich, ähnlich. Die Verschuldung insgesamt ist in diesen Ländern in Relation zum Sozialprodukt höher als in Griechenland. Und sie steigt weiter. Die exorbitanten Schuldenstände, für die es kein historisches Vorbild gibt, wirken stark wachstumshemmend. Und: Sie lassen sich kaum systematisch abbauen. Verständlich. Ein Unternehmen oder ein Bürger, der in der Vergangenheit unsolide gewirtschaftet hat, kann ja nicht einfach entschuldet werden - auf Kosten derjenigen, die solide gewirtschaftet haben und dann höhere Steuern zahlen müssen.

mm: Das würde als extrem ungerecht empfunden - und wäre vermutlich auch rechtswidrig.

Stelter: Richtig. Für manager magazin haben wir ja das Modell des Sachverständigenrats…

mm: …der einen Tilgungsfonds für die Euro-Staaten vorschlägt; dabei sollen die Schulden oberhalb von 60 Prozent des BIP sozialisiert werden, wobei sich die Staaten zum Abtrag binnen einer bestimmten Frist verpflichten…

Stelter: … konkret durchgerechnet und auch noch mal deutlich erweitert. Das Ergebnis ist, dass die Überschussschulden der Staaten - also jener Teil, der die 60-Prozent-Marke übersteigt - für die 17 Euro-Staaten zusammen rund 3,5 Billionen Euro betragen.

mm: Das ist viel Geld. Aber Sie glauben, dieser Betrag ließe sich geordnet abbauen.

Stelter: Das zeigen wir in unserem Modell. Das ist das Faszinierende: Es ginge - man muss es nur machen. Allerdings darf es nicht nur beim Abbau der Staatschulden bleiben, auch private Schulden müssen wir gemeinschaftlich reduzieren. Wir gehen davon aus, dass Schulden der privaten Sektoren, sobald sie über 90 Prozent des BIP liegen, nicht mehr geordnet abgebaut werden können, ohne die wirtschaftliche Entwicklung stark zu belasten. Insbesondere Spanien und Irland liegen weit über diesem Niveau. Diese privaten Schulden landen irgendwann beim Staat - nämlich, wenn die Insolvenzen auf die Banken durchschlagen und der Staat sie notfalls stützen muss.

"Staatsbankrotte und Inflation wären das Ende der Euro-Zone"

mm: Im aktuellen manager magazin rechnen Sie vor: Das Volumen dieser privaten "Überschussschulden" beträgt noch mal 1,5 Billionen Euro. Insgesamt müssten also fünf Billionen Euro einem geordneten Abbau zugeführt werden

Stelter: Ich weiß, das klingt abenteuerlich viel. Aber es zeigt vor allem, wie abenteuerlich hoch die Schulden nach Jahrzehnten der Exzesse sind.

mm: Wir haben auch juristische Beratung durch den renommierten Berliner Verfassungsrichter Markus Heintzen hinzugezogen. Der sagt: Was ihr euch da überlegt habt, ist ohne Vertragsänderung nicht möglich

Stelter: Das stimmt - gilt aber für jede denkbare saubere Lösung. Die derzeitige Finanzierung über Rettungsfonds und Zentralbankforderungen - Stichwort Target 2 - stößt sicherlich bereits jetzt an die Grenzen des rechtlich zulässigen. Die Regierungen müssen alles daran setzen, die Grundlagen für einen geordneten Schuldenabbau zu schaffen und dabei auch ehrlich zu der Bevölkerung sein. In jedem Fall werden erhebliche Kosten entstehen. Entweder für einen Schuldenabbauplan wie von uns vorgeschlagen oder aber durch Staatsbankrotte und Inflation - was mit Sicherheit das Ende der Eurozone wäre. Die Regierungen haben keine Zeit zu verlieren und müssen jetzt handeln, um einen solchen Kollaps abzuwenden.

mm: Ein geordneter Abbau der Schulden löst doch noch nicht das grundlegende Problem: die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit vieler Volkswirtschaften

Stelter: Natürlich nicht. Aber erst dadurch werden Strukturreformen und Investitionsprogramme möglich, die das Wettbewerbsproblem angehen. Heute befinden sich viele europäische Volkswirtschaften in einem Teufelskreis aus steigenden Schulden und schrumpfender Wirtschaft und die Regierungen verschärfen dies mit Sparprogrammen. Besser wäre es, die dringend nötigen Reformen - vor allem bei Arbeitsmarkt, Einwanderung und Bildung - durchzusetzen, um damit das Wachstum zu stärken. Das ist das, was wir Deutsche als Gegenleistung für unsere Solidarität einfordern sollten - statt des prozyklischen Sparens, welches die Krise verstärkt und uns in Europa unbeliebt macht.

Euro-Krise: Die sieben Euro-Irrtümer