Freitag, 19. April 2019

BCG-Experte "Wir sind auf dem Weg in die Pleite"

"Die Zentralbanken haben uns lediglich Zeit gekauft": Daniel Stelter (rechts) im Gespräch mit mm-Redakteur Henrik Müller (links)

2. Teil: "Staatsbankrotte und Inflation wären das Ende der Euro-Zone"

mm: Im aktuellen manager magazin rechnen Sie vor: Das Volumen dieser privaten "Überschussschulden" beträgt noch mal 1,5 Billionen Euro. Insgesamt müssten also fünf Billionen Euro einem geordneten Abbau zugeführt werden

Stelter: Ich weiß, das klingt abenteuerlich viel. Aber es zeigt vor allem, wie abenteuerlich hoch die Schulden nach Jahrzehnten der Exzesse sind.

mm: Wir haben auch juristische Beratung durch den renommierten Berliner Verfassungsrichter Markus Heintzen hinzugezogen. Der sagt: Was ihr euch da überlegt habt, ist ohne Vertragsänderung nicht möglich

Stelter: Das stimmt - gilt aber für jede denkbare saubere Lösung. Die derzeitige Finanzierung über Rettungsfonds und Zentralbankforderungen - Stichwort Target 2 - stößt sicherlich bereits jetzt an die Grenzen des rechtlich zulässigen. Die Regierungen müssen alles daran setzen, die Grundlagen für einen geordneten Schuldenabbau zu schaffen und dabei auch ehrlich zu der Bevölkerung sein. In jedem Fall werden erhebliche Kosten entstehen. Entweder für einen Schuldenabbauplan wie von uns vorgeschlagen oder aber durch Staatsbankrotte und Inflation - was mit Sicherheit das Ende der Eurozone wäre. Die Regierungen haben keine Zeit zu verlieren und müssen jetzt handeln, um einen solchen Kollaps abzuwenden.

mm: Ein geordneter Abbau der Schulden löst doch noch nicht das grundlegende Problem: die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit vieler Volkswirtschaften

Stelter: Natürlich nicht. Aber erst dadurch werden Strukturreformen und Investitionsprogramme möglich, die das Wettbewerbsproblem angehen. Heute befinden sich viele europäische Volkswirtschaften in einem Teufelskreis aus steigenden Schulden und schrumpfender Wirtschaft und die Regierungen verschärfen dies mit Sparprogrammen. Besser wäre es, die dringend nötigen Reformen - vor allem bei Arbeitsmarkt, Einwanderung und Bildung - durchzusetzen, um damit das Wachstum zu stärken. Das ist das, was wir Deutsche als Gegenleistung für unsere Solidarität einfordern sollten - statt des prozyklischen Sparens, welches die Krise verstärkt und uns in Europa unbeliebt macht.

Euro-Krise: Die sieben Euro-Irrtümer

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