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Wütende Amerikaner: Neue Angst vor dem Zapfsäulenschock

Foto: Pablo Martinez Monsivais/ AP

Im Wahljahr Hoher Ölpreis setzt Obama zu

Die US-Wirtschaft fängt sich, Präsident Obamas Wiederwahlchance steigt. Doch nun wird der überschießende Ölpreis zur Gefahr für Obama: Allein im Jahr 2011 stieg die Benzinrechnung der US-Autofahrer kollektiv um 102 Milliarden Dollar. Das verzeihen sie Obama nicht.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Barack Obamas Chancen auf eine Wiederwahl als US-Präsident am 6. November sinken derzeit. Schuld daran sind nicht die oppositionellen Republikaner, sondern bedrohlich kletternde Ölpreise. Benzin ist an den US-Tankstellen seit Dezember um 15 Prozent teurer geworden. Für die 320 Millionen Amerikaner, die im Schnitt etwa 11 Prozent ihres verfügbaren Einkommens an den Zapfsäulen ausgeben, wirkt das wie eine Steuererhöhung.

Im Weißen Haus herrscht daher Großalarm. Denn gerade erst hat der US-Präsident bei den Wählern mit der Verlängerung der niedrigen Payroll Tax gepunktet, die Arbeitgeber und Beschäftigte zu gleiche Teilen zahlen, um das Sozialsystem zu finanzieren. Doch allein der Anstieg der Benzinpreise seit Oktober hat den konsumfördernden Effekt weitgehend zunichte gemacht.

Für die Verbraucher hat sich damit nicht viel verändert. Die Wirkung von Obamas Wahlgeschenk ist bereits nach ein paar Wochen verpufft. Damit sind seine leicht steigenden Zustimmungsraten im Wahlvolk wieder in Gefahr. Erst im Oktober hatten sie mit 38 Pozent ein vorläufiges Tief erreicht. Seitdem steigt Obamas Beliebtheit wieder leicht auf 46 Prozent, weil die Hoffnung auf eine Stabilisierung der Konjunktur wächst.

Doch hohe Ölpreise können das sehr schnell ändern. Mehr noch: Plötzlich hält der Iran - obwohl vom Westen mit einem Embargo schwer unter Druck gesetzt - die Trumpfkarte im US-Wahlkampf in der Hand. Und Obama muss kleinlaut zugeben: "Es gibt keine schnelle Lösung" für dieses Problem. Mehr Förderung aus unkonventionellen Quellen, mehr Sparsamkeit und Investitionen in erneuerbare Energie sollen langfristig niedrigere Preise sichern. Aber das braucht Zeit. Und die hat Obama acht Monate vor der Wahl nicht. Denn seine politischen Gegner haben die neue Angriffsfläche gegen den amtierenden Präsidenten längst ausgemacht. Und attackieren ihn.

Santorum: "Radikale Umweltpolitik" verantwortlich für Zapfsäulenschock

Rick Santorum, einer der beiden Favoriten für die Kandidatur der Republikaner gegen Obama, macht die "radikale Umweltpolitik" des Präsidenten für die Preisrally an den Zapfsäulen verantwortlich. Obama wolle die Benzinpreise künstlich verteuern, behauptet Santorum, um das Klima zu schützen. Dafür halte er die Amerikaner mittels höherer Benzinpreise vom Autofahren ab. Die Republikanische Partei schaltet zudem Wahlanzeigen, die die aktuellen Benzinpreise - im Landesschnitt 3,59 Dollar je Gallone - mit denen vergleichen, als Obama Präsident wurde. Damals kostete die Gallone Sprit noch 1,85 Dollar. Das war ziemlich genau halb so viel wie heute.

Tatsächlich meldete der Meinungsforscher Gallup in der vergangenen Woche erstmals seit dem Oktober einen kräftigeren Rückgang jenes Indexes, der die Zuversicht der Amerikaner in ihre Wirtschaft misst. Dieses Barometer hatte Anfang Februar noch den höchsten Stand seit einem Jahr markiert. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Arbeitslosigkeit ist zuletzt auf 8,3 Prozent gesunken. Die Preise am darnieder liegenden Markt für Wohnimmobilien stabilisieren sich. Die US-Wirtschaft produziert pro Monat jetzt wieder über 200.000 neue Jobs. Und die Stimmung der US-Verbraucher erreichte in diesem Februar laut der University of Michigan den höchsten Stand in einem Jahr. Für Obama war das ein Traumstart ins Wahljahr 2012.

Doch jetzt eskalierenden die Ölpreise. Satte 84 Prozent der Amerikaner geben in einer Umfrage der Consumer Federation of America an, sie seien "sehr besorgt" über die Entwicklung ihrer Benzinkosten.

Man kann es ihnen kaum verübeln. Laut den Zahlen der Energy Information Administration gehen fast zwei Drittel des Ölverbrauchs in den USA auf das Konto der Autofahrer. Die haben zwar seit 2005 ihren Verbrauch um 9 Prozent gedrosselt. Aber wegen rasant steigender Preise zahlen sie inzwischen dennoch 65 Prozent mehr für Benzin als vor sechs Jahren. Und das sorgt im ganzen Land für dicke Luft. Denn niemand rechnet mit einer schnellen Entspannung am Ölmarkt. "Ich vermag keine sinkenden Ölpreise zu sehen, erst recht mit der Situation rund um den Iran", sagt Simon Wardell, Ölanalyst Analyseunternehmen IHS CERA, das sich auf Energie spezialisiert hat.

Amerikas Autofahrer in Wut

Erschreckende Prognosen schüren dann auch in diesen Tagen die Wut der Amerikaner. "Wir steuern auf einen Spritpreis von fünf Dollar je Gallone in diesem Sommer zu", sagt John Hofmeister vorher, Ex-Topmanager von Shell Oil USA. "Wenn Sie ein Jahr zurückschauen, da hatten wir im Februar 2011 auch so hohe Benzinpreise. Die Konjunktur kühlte sich prompt von Mai bis Juli ab, weil die Leute viel weniger Geld ausgaben", erinnert Hofmeister. Noch schlimmer hört sich die Prognose des Immobilienmagnaten Donald Trump an. Er sagt für diesen Sommer sieben Dollar je Gallone Benzin vorher. Das wären 75 Prozent mehr als jetzt.

Den US-Autofahrern will der Preissprung beim Benzin nicht einleuchten. Denn erst die Rezession, dann sparsamere Autos sowie deutlich höhere heimische Produktion - die auf einem Achtjahreshoch angelangt ist - haben die Öleinfuhren seit 2005 um 15 Prozent gedrosselt. Doch der massive Zuwachs der Importe in den Schwellenländern sorgt unter dem Strich weltweit für eine weiter steigende Nachfrage - und damit steigende Preise.

Mit 326 Milliarden Dollar war daher die Importrechnung der USA für Öl im vergangenen Jahr die zweithöchste aller Zeiten. Sie wurde nur im Jahr 2008 übertroffen. Für die US-Autofahrer stieg die kollektive Benzinrechnung so im vergangenen Jahr um 102 Milliarden Dollar an. Das ist ein Prozent des privaten Konsums in den Vereinigten Staaten. Und der steuert 70 Prozent zum US-Bruttoinlandsprodukt bei. Im schlimmsten Fall kann also die höhere Benzinrechnung die zerbrechliche Erholung der amerikanischen Wirtschaft in eine Stagnation verwandeln. Damit sind die Ölpreise für manche Ökonomen in den USA inzwischen zu einer größeren Gefahr für die Konjunktur geworden als die Schuldenkrise in Europa.

"Jeder hat sich um Europa Sorgen gemacht und befürchtet, dass die Weltkonjunktur davon abgebremst wird. Aber höhere Ölpreise können genau so viel Unheil anrichten", sagt Tom Kloza, Chefanalyst des Oil Price Information Service.

Spekulanten treiben Ölpreis weiter nach oben

Kaum vorstellbar, was es für die US-Konjunktur bedeuten würde, wenn Donald Trumpf auch nur zur Hälfte Recht behält. Im US-Fernsehen kursiert eine Grafik, die zeigt, wie die größte Volkswirtschaft der Erde seit den 90er Jahren stets auf solche heftigen Ausschläge der Öl- und Benzinpreise reagierte: Jedes Mal mit einer Rezession. 2008, im Wahlkampf, als Öl mit 147 Dollar je Barrel ein historisches Hoch erreichte, konnte Obama die galoppierenden Notierungen nutzen, um Unterstützung für sein Programm zum Ausbau der erneuerbaren Energien zu gewinnen. Doch diesmal ist er in der Defensive. Der Preisanstieg schadet ihm.

Denn in Washington werden Schuldige gesucht. Nancy Pelosi, die Fraktionschefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, lenkt vom Präsidenten ab. Sie schiebt den Börsen die Verantwortung zu: "Spekulanten treiben die Kosten für Öl nach oben", sagt Pelosi. Tom Kloza vom Oil Price Information Service stimmt ihr zu: "Wir haben schon elf Milliarden Dollar in Futures-Kontrakte fließen sehen. In jeder der drei vergangenen Woche gab es neue Wettrekorde auf steigende Ölnotierungen". Und auch die US-Notenbank unter Ben Bernanke gerät zunehmend unter Druck: Denn auch die Liquiditätsschwemme, die die Geldhüter in den USA in bisher drei Kampagnen angefacht haben, soll die Preise treiben.

Während der ersten Welle von Anleihekäufen, mit denen die Fed die Zinsen zu Boden drückte, um die Refinanzierungskosten der Banken zu senken, schnellten die Benzinpreise in den USA um 118 Prozent nach oben. Gleich nach QEI, wie die Zentralbankoperation genannt wurde, sanken die Benzinpreise wieder um 27 Prozent. Aber nur, um ab August 2010 - mit QEII - bis Juni 2011 wieder um 92 Prozent anzuziehen. Nach dem Ende der zweiten Geld-Tsunami sank der Benzinpreis an US-Tankstellen dann um 28 Prozent.

Doch seitdem die Fed mit "Operation Twist" durch Käufe langfristiger Anleihen die Zinsen im mehrjährigen Segment des Marktes zu Boden zwingt - das war im September 2011 - sind die Benzinpreise erneut um 30 Prozent nach oben geschossen. Jetzt fordern Abgeordnete der Demokraten von Obama die Öffnung der strategischen Ölreserve. Der Präsident zögert jedoch. Er will sich diese Option für eine weitere Eskalation der Auseinandersetzung mit dem Iran offenhalten.

Ölriesen fallen Obama in den Rücken

Von Seiten der Energieindustrie wird Obama derweil scharf angegriffen. Er habe nicht genügend Bohrlizenzen am Atlantik, im Golf von Mexiko und in Alaska vergeben, heißt es beispielsweise beim American Petroleum Institute. Dieses repräsentiert 490 Firmen der Öl- und Gasbranche, darunter Exxon Mobil  und BP. Der Chefvolkswirt des Instituts, John Felmy, gibt lieber schräg anmutende Ratschläge, wie amerikanische Autofahrer ihren Benzinverbrauch drosseln könnten: Sie sollen ihre Motoren besser einstellen lassen und keine unnötigen Geräte oder anderes Gewicht mit herumschleppen.

Aus dem Landwirtschaftsministerium und von Nahrungsmittelherstellern wie Tyson Foods kommen derweil erste Hilferufe. Tyson-Foods-Chef Donnie Smith sieht einen Rückgang des Fleischverzehrs, wenn die Benzinpreise hoch bleiben. Das Agrarministerium erwartet eine Delle beim Rindfleischkonsum von 3 Prozent. Damit wäre der niedrigste Stand seit 1987 erreicht.

Währenddessen versuchen Analysten bei den Banken, den Effekt des Irankonflikt auszurechnen - und herunter zu spielen. Öl wäre ohne die Spannungen nur 5 bis 15 Dollar je Barrel billiger, heißt es bei der Societe Generale. "Der Aufschlag beträgt mindestens 15 Dollar", hält Olivier Jakob, der Geschäftsführer beim Schweizer Energieberater Petromatrix in Zug, dagegen.

Barack Obama versucht sich derweil die Republikaner vom Leib zu halten: "Die holen schon ihren Drei-Punkte-Plan für die Halbierung des Ölpreises aus dem Schrank", witzelt er bei Walkampfauftritten im Hinterland, "Schritt eins ist nach Öl bohren, Schritt zwei ist nach Öl bohren und Schritt drei ist Weiterbohren". Ob Obama sich witzelnd aus der Äfäre ziehen kann ist allerdings wenig wahrscheinlich. seine Wiederwahlchancen sinken eher mit jedem Cent, den die Gallone Sprit in den USA teurer wird.