US-Starökonom Barry Eichengreen "Die Tage des Dollar-Privilegs sind gezählt"

Das Feld der Währungspolitik ist politisch vermint. Berkeley-Ökonom Barry Eichengreen erklärt im Interview mit manager magazin Online, was das Privileg der Weltleitwährung wert ist, warum am Abstieg des Dollar kein Weg vorbeiführt - und er immer noch große Hoffnungen auf den Euro setzt.
Der Nutzen der Leitwährung: "Wir kaufen BMWs für grüne Papierscheine"

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Foto: DPA

mm: Professor Eichengreen, die meisten US-Ökonomen sehen den Euro als gescheitertes Experiment an. Sie nicht.

Eichengreen: Wahrscheinlich bin ich momentan sogar der einzige US-Ökonom, der darauf vertraut, dass der Euro  Erfolg haben und auch in naher Zukunft dem Dollar auf globaler Ebene Konkurrenz machen wird. Wir können diskutieren, ob seine Einführung in dieser Form eine gute Idee war. Aber da es ihn nun mal gibt, ist jetzt Wasser unter der Brücke, wie wir in Amerika sagen.

mm: Also wäre es nutzlos zu überlegen, ob wir ohne den Euro besser fahren könnten?

Eichengreen: Ökonomisch gesehen ist es sehr teuer, die Währungsunion zum Funktionieren zu bringen. Sie aufzulösen, wäre aber noch teurer. Daher wird Europa alles Nötige tun, um den Euro voranzubringen. Politisch gesehen ist der Euro eine Investition in die europäische Einigung und sein Scheitern wäre ein gewaltiger Schock. Der Euro ist hier, um zu bleiben. Der Prozess, der zu seiner Einführung 1999 führte, lässt sich nicht umkehren. So ist das mit manchen historischen Entwicklungen.

mm: Komisch, dass Sie als Ökonom das politische Motiv betonen. In Ihrem neuen Buch über "Das Dollar-Privileg" erscheint die Weltgeschichte der Währungspolitik vor allem politisch getrieben.

Eichengreen: Na ja, wirtschaftliche Gründe spielen genauso eine Rolle. Aber tatsächlich haben Währungen einen hohen symbolischen Wert. Die europäische Währung ist wie die europäische Flagge. Die Schöpfer des Euro und vorher des Gemeinsamen Markts haben darin vor allem ein Mittel gesehen, die politische Integration zu befördern.

Auf der anderen Seite sind gerade deshalb Europas Mühen, die Krise zu lösen, so schwierig, weil es großen Widerstand gegen die politische Integration gibt. Es gibt Widerstand gegen Euro-Bonds, gegen die Idee eines starken EU-Präsidenten, eines starken Europaparlaments, das ein politisches Gegengewicht zu stärkerer fiskalischer und wirtschaftlicher Union sein könnte. Aber das alles wird kommen und Europa wird im Lauf der Zeit seine Währungsunion vervollständigen. Dann wird auch der Euro seinen Platz auf der globalen Bühne einnehmen.

mm: Die Europäische Union verfolgt offiziell das Ziel, dem Dollar den Rang als Weltleitwährung abzulaufen. Das erscheint derzeit ganz schön vermessen, oder?

Eichengreen: Der Dollar ist immer noch die mit weitem Abstand führende Weltwährung. Das gesamte Finanzsystem dreht sich um ihn, 60 Prozent der Währungsreserven werden in Dollar gehalten und in ganzen 85 Prozent der Devisentransaktionen wird mit Dollar gehandelt. Eine Flucht in Sicherheit bedeutet immer noch eine Flucht in den Dollar; selbst wenn Probleme wie in der Finanzkrise von den USA ausgehen, fliehen die Leute in den Dollar statt hinaus, weil er so liquide ist. Der Markt für US-Staatsanleihen ist wohl der liquideste Kapitalmarkt der Welt, und daher brauchen Zentralbanken und Unternehmen für ihre Reserven und Handelsfinanzierung den Dollar. Daher genießen die USA ein unverschämtes Privileg.

"Die USA haben kein Monopol auf Wirtschaftswachstum"

mm: Was genau ist dieses Privileg der Weltleitwährung wert?

Eichengreen: Ich schätze, dass das US-Volkseinkommen dank dieses Privilegs 2 Prozent höher ist als es sonst wäre, das entspricht dem Wert des Wirtschaftswachstums eines Jahres. Das ist nicht die Welt, aber schon eine beachtliche Zahl, und wenn die Wirtschaft mal nicht wächst, merken wir schnell, wie wichtig dieses Wachstum ist.

Wir können BMWs kaufen, indem wir ausländischen Zentralbanken grüne Papierscheine schicken. Dank des Dollar-Privilegs können wir uns höhere Haushaltsdefizite zu niedrigeren Zinskosten und höhere Handelsdefizite leisten. Außerdem genießen die USA eine Art automatischer Versicherung: Immer wenn die Anleger Angst bekommen, steigt der Dollar und damit unser Vermögen - auch wenn die Ursache bei uns liegt, wie im Fall Lehman Brothers oder dem Streit um die Schuldenobergrenze im vergangenen Sommer.

mm: Nun behaupten Sie, dass die USA dieses Privileg zu verlieren drohen.

Eichengreen: So kann es nicht ewig weitergehen. Die Welt braucht Liquidität und sichere Geldanlagen. Zentralbanken und Unternehmen brauchen Barreserven, Händler brauchen liquide Schuldscheine, um sich Geld zu leihen und Importe zu finanzieren. Die USA können diese Liquidität nicht in dem Maß liefern, das die wachsende Weltwirtschaft braucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Vormacht des Dollars noch sinnvoll, da standen die USA für die halbe Industrieproduktion der Welt. Heute machen wir noch 20 Prozent der Weltwirtschaft aus. Schwellenländer wachsen schneller als wir, weil sie im Wohlstand aufholen, weil die USA kein Monopol auf Wirtschaftswachstum haben. Die Tage des Dollar-Privilegs sind gezählt.

mm: Das Ende der Vormacht des Dollars wurde aber schon oft ausgerufen, wie auch in Ihrem Buch zu lesen ist. Eingetreten ist es bisher nicht.

Eichengreen: Es wird andere Quellen für internationale Liquidität geben müssen, wenn die Globalisierung des 21. Jahrhunderts bestehen soll. Die einzigen möglichen Lieferanten von ausreichend liquiden Mitteln sind die Euro-Zone und China. Mein Hoffnungsszenario besteht darin, dass beide ihre jeweiligen Probleme bewältigen, die Euro-Zone aus ihrer Krise herauswächst und China seine Währung erfolgreich internationalisiert. Wenn das passiert, dann gibt es eine Vielfalt von Quellen für liquide Mittel, und falls die USA einmal als Führungsmacht versagen, kann die Welt sich auf andere verlassen. Davon hätten wir alle etwas.

mm: Dann gibt es wohl noch ein pessimistisches Szenario …

Eichengreen: … wenn Europa und China nicht in die Pötte kommen. Sollten die Anleger dann einmal das Vertrauen in den US-Dollar verlieren, dann käme es zu einem globalen Liquiditätsmangel, einer Klemme wie in den 30er Jahren. Das würde einen Kollaps der Globalisierung bedeuten, genau wie damals. Das steht auf dem Spiel.

"Wir reden über einen dramatischen Wandel des chinesischen Modells"

mm: In jüngster Zeit war oft von Währungskriegen die Rede. Länder wie Brasilien, die Schweiz oder auch China versuchten aber nicht ihre Währungen zu stärken sondern sie zu schwächen, um ihrer Exportindustrie zu helfen oder Kapitalzufluss zu bremsen. Müssten besonders die Chinesen diese Strategie aufgeben?

Eichengreen: Um seine Währung zu internationalisieren, braucht China eine ganze Menge wirtschaftlicher Reformen. Es hat schon begonnen, den Yuan für Handelsgeschäfte nutzbar zu machen, und in vorsichtigen Schritten auch für Kapitalanleger in Hongkong. Es wird den Zugang zu seinen Finanzmärkten, zur Anlage in Aktien und Schuldpapiere in China selbst öffnen müssen, und das verlangt auch einen flexibleren Wechselkurs. Die Kapitalströme von und nach China werden wachsen.

Wir reden hier über einen dramatischen Wandel des chinesischen Wirtschaftsmodells, eine ausgeglichenere Handelsbilanz, mehr Abstand zwischen chinesischen Banken und der Regierung, und so weiter. Genau das hat die chinesische Führung im Sinn. Wie schnell sie das erreichen kann, wissen wir nicht.

mm: China hat auch schon eine weitere Alternative zum Dollar ins Spiel gebracht, die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds. Sind die als Weltwährung geeignet?

Eichengreen: Das sehe ich nicht, und ich denke, die chinesische Führung hat von der Idee Abstand genommen. Vor drei Jahren hat der Gouverneur der Volksbank die These veröffentlicht, dass die Sonderziehungsrechte eine Alternative zum Dollar sein könnten, das war die Idee eines einzelnen chinesischen Amtsträgers. Seitdem ist aber nichts mehr in dieser Richtung aus Peking gekommen. Sie sehen die Internationalisierung des Yuan als Lösung ihrer eigenen Probleme und der Probleme der Welt an. Sie sehen, dass amerikanische Banken und Firmen einen Wettbewerbsvorteil genießen, weil sie ihre eigene Währung im Handel nutzen können, und das wollen sie auch für chinesische Banken und Firmen. Darum kreist ihr Denken und Handeln der vergangenen drei Jahre.

mm: Bedeutet Ihr optimistisches Szenario für das Weltwährungssystem auch, dass die globalen Ungleichgewichte verschwinden?

Eichengreen: Mich kümmert mehr die Liquiditätsnot des Welthandels in den kommenden Jahrzehnten als die momentanen Ungleichgewichte im Handel. Aber ja, neben den Herausforderungen für China und Europa gibt es auch welche für Amerika. Wir müssen das internationale Vertrauen in unsere Währung erhalten. Dazu gehört auch, mit unserem Doppeldefizit, dem Haushaltsdefizit und dem Handelsdefizit, fertig zu werden. In den vergangenen fünf Jahren haben wir schon Fortschritte in der Handelsbilanz gesehen, da der Wechselkurs des Dollar nachgab.

"Steuersenkungen in Deutschland würden helfen"

mm: Deutschland dagegen fährt weiterhin hohe Handelsüberschüsse ein.

Eichengreen: Bisher ja. Das ist ein Hinweis darauf, wie stark Deutschland vom Euro profitiert. Seine günstigen Wechselkurse haben dazu beigetragen, das Exportwunder zu ermöglichen. Aber diese positive Handelsbilanz ist Teil dessen, was Südeuropa gerade das Leben so schwer macht. Nicht nur auf weltweiter Ebene brauchen wir einen Ausgleich der Ungleichgewichte, sondern auch innerhalb Europas. Wenn Südeuropa weniger ausgeben kann, dann muss Nordeuropa mehr ausgeben. Wenn Südeuropa mehr exportieren soll, muss Nordeuropa mehr importieren. Jeder, der einfache Arithmetik beherrscht, versteht das. Aber diese Dinge werden nicht diskutiert.

mm: Was genau müsste passieren?

Eichengreen: Mehr Ausgaben in Nordeuropa bedeuten sowohl mehr Investitionen - Deutschland hatte in den vergangenen zehn Jahren eine sehr niedrige Investitionsquote, es gibt aber Anzeichen für Fortschritte - als auch mehr privaten Konsum. Um den in Gang zu bringen, könnten Steuersenkungen und höhere Staatsausgaben helfen, ein ganz anderer Kurs in der Fiskalpolitik, als ihn Deutschland bisher geht. Ohne das ist es schwer sich vorzustellen, wie Europa wieder ins Gleichgewicht kommt.

mm: Hier sehen wir wieder, wie politische Interessen mit der ökonomischen Logik in Konflikt geraten. Wie kommen Sie dazu, Europa auf dem Weg in die Fiskalunion zu sehen?

Eichengreen: Ich erwarte nicht, dass 2012 eine volle politische oder Fiskalunion zustande kommt. Aber manche Aufgaben stellen sich einfach aus der Notwendigkeit. In den kommenden Jahren wird es nötig sein, die Bankenkontrolle stärker der Europäischen Bankenaufsicht zu übertragen. Europa braucht eine gemeinsame Einlagensicherung, um mit grenzüberschreitenden Bankpleiten umgehen zu können, und ausreichende, dauerhafte Notfallfonds im Europäischen Stabilitätsmechanismus. Man kann keine halbe Währungsunion betreiben, nur mit einer Zentralbank, Münzen und Scheinen, aber ohne die anderen Elemente. Europa muss sich bewegen, vor oder zurück. In der bisherigen Geschichte hat es sich an solchen Punkten immer für den Weg nach vorn entschieden.

mm: Wenn auch in kleinen Schritten …

Eichengreen: Ja. Viele fordern einen Quantensprung in der europäischen Integration. Frau Merkel hat aber klar gemacht, dass es einen solchen Quantensprung nicht geben wird. Es wird Jahre dauern, die europäischen Institutionen zu stärken. Aber Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut.

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