Sonntag, 25. August 2019

US-Starökonom Barry Eichengreen "Die Tage des Dollar-Privilegs sind gezählt"

Der Nutzen der Leitwährung: "Wir kaufen BMWs für grüne Papierscheine"

Das Feld der Währungspolitik ist politisch vermint. Berkeley-Ökonom Barry Eichengreen erklärt im Interview mit manager magazin Online, was das Privileg der Weltleitwährung wert ist, warum am Abstieg des Dollar kein Weg vorbeiführt - und er immer noch große Hoffnungen auf den Euro setzt.

mm: Professor Eichengreen, die meisten US-Ökonomen sehen den Euro als gescheitertes Experiment an. Sie nicht.

Eichengreen: Wahrscheinlich bin ich momentan sogar der einzige US-Ökonom, der darauf vertraut, dass der Euro Börsen-Chart zeigen Erfolg haben und auch in naher Zukunft dem Dollar auf globaler Ebene Konkurrenz machen wird. Wir können diskutieren, ob seine Einführung in dieser Form eine gute Idee war. Aber da es ihn nun mal gibt, ist jetzt Wasser unter der Brücke, wie wir in Amerika sagen.

mm: Also wäre es nutzlos zu überlegen, ob wir ohne den Euro besser fahren könnten?

Eichengreen: Ökonomisch gesehen ist es sehr teuer, die Währungsunion zum Funktionieren zu bringen. Sie aufzulösen, wäre aber noch teurer. Daher wird Europa alles Nötige tun, um den Euro voranzubringen. Politisch gesehen ist der Euro eine Investition in die europäische Einigung und sein Scheitern wäre ein gewaltiger Schock. Der Euro ist hier, um zu bleiben. Der Prozess, der zu seiner Einführung 1999 führte, lässt sich nicht umkehren. So ist das mit manchen historischen Entwicklungen.

mm: Komisch, dass Sie als Ökonom das politische Motiv betonen. In Ihrem neuen Buch über "Das Dollar-Privileg" erscheint die Weltgeschichte der Währungspolitik vor allem politisch getrieben.

Eichengreen: Na ja, wirtschaftliche Gründe spielen genauso eine Rolle. Aber tatsächlich haben Währungen einen hohen symbolischen Wert. Die europäische Währung ist wie die europäische Flagge. Die Schöpfer des Euro und vorher des Gemeinsamen Markts haben darin vor allem ein Mittel gesehen, die politische Integration zu befördern.

Auf der anderen Seite sind gerade deshalb Europas Mühen, die Krise zu lösen, so schwierig, weil es großen Widerstand gegen die politische Integration gibt. Es gibt Widerstand gegen Euro-Bonds, gegen die Idee eines starken EU-Präsidenten, eines starken Europaparlaments, das ein politisches Gegengewicht zu stärkerer fiskalischer und wirtschaftlicher Union sein könnte. Aber das alles wird kommen und Europa wird im Lauf der Zeit seine Währungsunion vervollständigen. Dann wird auch der Euro seinen Platz auf der globalen Bühne einnehmen.

mm: Die Europäische Union verfolgt offiziell das Ziel, dem Dollar den Rang als Weltleitwährung abzulaufen. Das erscheint derzeit ganz schön vermessen, oder?

Eichengreen: Der Dollar ist immer noch die mit weitem Abstand führende Weltwährung. Das gesamte Finanzsystem dreht sich um ihn, 60 Prozent der Währungsreserven werden in Dollar gehalten und in ganzen 85 Prozent der Devisentransaktionen wird mit Dollar gehandelt. Eine Flucht in Sicherheit bedeutet immer noch eine Flucht in den Dollar; selbst wenn Probleme wie in der Finanzkrise von den USA ausgehen, fliehen die Leute in den Dollar statt hinaus, weil er so liquide ist. Der Markt für US-Staatsanleihen ist wohl der liquideste Kapitalmarkt der Welt, und daher brauchen Zentralbanken und Unternehmen für ihre Reserven und Handelsfinanzierung den Dollar. Daher genießen die USA ein unverschämtes Privileg.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung