Soziale Schieflage Verblüffender Turboaufstieg spaltet Brasilien

Es scheint das Land des neuen Wirtschaftswunders zu sein: Brasilien stürmt in die Spitzengruppe der weltweit stärksten Wirtschaftsmächte. Doch im Land selbst kommt der Reichtum kaum an. Brasiliens Gesellschaft spaltet sich immer dramatischer in Arm und Reich. Jetzt tritt Ernüchterung ein.
Von Thomas Milz
Scheck auf die Zukunft: Brasilien wächst rasant, der neue Reichtum aber bleibt ungleich verteilt

Scheck auf die Zukunft: Brasilien wächst rasant, der neue Reichtum aber bleibt ungleich verteilt

Foto: epa efe Marcelo Sayao/ picture-alliance/ dpa

Rio de Janeiro - Das ist es wohl, was man einen Einschnitt nennt: Ende Dezember wurde gemeldet, Brasilien hätte das Vereinigte Königreich als sechstgrößte Wirtschaftsmacht abgelöst. Und 2015 könne man sogar an Frankreich vorbei auf den fünften Platz ziehen. "Das ist sehr gut fürs Image, aber der praktische Effekt ist gering," kommentiert Andre Sacconato vom Businessportal "Brasil Investments & Negocios" (BRAiN) die Entwicklung nüchtern. Denn von europäischen Standards ist Brasilien noch weit entfernt. Und während die ausländische Presse von dem vermeintlichen Wunderland Brasilien schwärmt, rechnen Brasiliens Medien entsprechend kühl nach.

Sicher, zu Grossbritannien, dass 1820 noch eine zwölf Mal und 1870 sogar 14 Mal höhere Wirtschaftsleistung als Brasilien hatte, hat man nun formal aufgeschlossen. Oder es sogar überholt, je nachdem, welche Devisenumrechnungskurse dieser Kalkulation zugrunde liegen. Und, ja, das ist ein Umschwung der globalen Kräfteverhältnisse, die noch vor Jahrzehnten unvorstellbar gewesen wäre. Auch dieHochstufung der Kreditwürdigkeit Brasiliens durch Ratingagenturen spricht dafür. Eine besondere Genugtuung ist die Aufholmeldung für die Brasilianer obendrein: Ausgerechnet Großbritannien abgehängt, Brasiliens ehemalige Schutzmacht!

Das Empire hatte 1808 die Flucht des portugiesischen Königs nach Rio de Janeiro ermöglicht, und später gewährte London dem Kaiser in Rio stets Kredite. Das ist nun anders. Schulden hat Brasilien, zumindest im Ausland, kaum noch. Dennoch: Unter dem Strich trabt Brasilien auch Großbritannien bemitleidenswert hinterher.

Zum einen ist Brasiliens Wachstum nur durch die ungewöhnliche Kombination von hoher Inflation bei gleichzeitiger starker Aufwertung der brasilianischen Real-Währung gepuscht worden, haben Brasiliens Wirtschaftsjournalisten nachgewiesen. 68 Prozent des Wachstums der vergangenen zehn Jahre gehe darauf zurück; für Grossbritannien liegt dieser Wert lediglich bei 33 Prozent. Real gerechnet wuchs Grossbritanniens Wirtschaftsleistung damit seit 2001 sogar stärker als Brasiliens, so die Zeitung "Folha de S. Paulo".

Wer liegt jetzt wirklich vorn? Brasilien? Großbritannien? Je mehr Vergleichszahlen man heranzieht, desto differenzierter wird jedenfalls das Bild von dem vermeintlichen Überflieger Brasilien.

Zieht man etwa die Wirtschaftsleistung pro Kopf zu Rate, produziert jeder der gut 200 Millionen Brasilianer bloß ein Drittel der Wirtschaftsleistung eines Briten. "Unser Bruttoinlandsprodukt entspricht bereits dem eines Erste-Welt-Landes, unser Lebensstandard aber noch nicht," bilanziert dann auch Brasiliens Finanzminister Guido Mantega. Erst in zehn bis 20 Jahren würden Brasiliens Bürger den Lebensstandard erreichen, den Europas Bürger schon heute genießen. Und das dann auch nur, wenn Brasiliens jährliche Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2020 stetig um 4,5 bis 5 Prozent pro Jahr zulegen kann - und Europa zeitgleich seinen aktuellen Miniwachstumskurs bis dahin fortsetzt. Das allerdings ist alles andere als ausgemacht.

Lebensverhältnisse auf Entwicklungslandniveau

Europa, so scheint es zumindest, bekommt die Verschuldungskrise des Kontinents sehr langsam aber womöglich doch noch in den Griff. Brasiliens Wirtschaft selbst zeigte aber schon im Jahr 2011 erste Schwächen. Sie wuchs um nur 2,8 Prozent; weniger als der weltweite Durchschnitt, weniger auch als Europas größte Volkswirtschaft Deutschland, die im vergangenen Jahr real um 3,0 Prozent zulegen konnte.

Für 2012 erwarten Brasiliens Ökonomen nun ein Wachstum zwischen 2,5 bis 3 Prozent, das damit erneut unter dem lateinamerikanischen (3,6 Prozent) und dem weltweiten Durchschnitt (3,3 Prozent) liegen würde. Wie bereits 2011 wird Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff wohl auch deshalb im laufenden Jahr eigentlich geplante Milliardenausgaben im Haushalt streichen müssen. Kein gutes Omen also für Brasiliens Durchmarsch in die Spitzengruppe der Weltwirtschaft.

Der Ton in Brasiliens Medien über den Überflieger Brasilien ist dann auch wesentlich unaufgeregter als der "Brasilien-Hype" im Ausland. so werden beispielsweise Vergleiche mit anderen aktuellen Boomwirtschaften gezogen, die wenig Gutes für Brasilien zeigen: In groß aufgemachten Artikeln berichteten heimische Magazine in den vergangenen Wochen beispielsweise über das chinesische Bildungssystem und die den Asiaten eigene eiserne Disziplin, die in einem so scharfen Kontrast zu der eher lockeren brasilianischen Lebensart zu stehen scheint; da wird das Mithalten mit asiatischen Boomökonomien wie der in China schwer.

Zudem bremst der heimische Facharbeitermangel schon jetzt Brasiliens Wirtschaft. Mehr und mehr Unternehmen des Landes fällt es schwer, genug qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Nach Expertenmeinung ist Brasiliens Bildungssystem dafür verantwortlich. Es scheint einfach nicht wettbewerbsfähig zu sein. Beim globalen PISA-Test, der Vergleichstudie der vermittelten Bildungsinhalte, landete Brasilien zuletzt unter den schlechtesten Nationen.

Mehr noch: Die Gesellschaft in Brasilien spiegelt in manchen Vergleichen sogar das Bild eines Entwicklungslandes wider. Die Schere zwischen Arm und Reich in dem Land ist gewaltig. Nur sieben von 187 untersuchten Staaten, deren Lebensverhältnisse von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zuletzt untersucht worden sind, weisen noch krassere Differenzen im Lebensstandard der jeweiligen Bürger auf. Wenig besser fällt auch das Urteil der Vereinten Nationen über Brasiliens Gesellschaft aus. Der Human-Development-Index der UNO, der den Entwicklungsstand eines Staates symbolisieren soll, zeigt Brasilien nur auf Rang 84 in der Welt - das ist das Niveau eines Entwicklungslandes. Typisch für solche Entwicklungsstadien sind oft auch das Anschwellen einer abgehobenen Millionärsschicht, wie sie jetzt auch in Brasilien zu beobachten ist.

Vorbild Eike Batista

145.000 Millionäre soll es bereits in Brasilien geben. Tendenz: steigend. Das Leitbild für deren Aufstieg ist der brasilianisch-deutsche Rohstoffunternehmer Eike Batista, der 2015 der reichste Mann der Welt sein will. Noch ist er davon allerdings ein Stückchen entfernt: Die Unternehmen des Unternehmers, der derzeit ein Vermögen von 30 Milliarden Dollar besitzen soll, haben vielfach noch gar nicht mit ihrer Produktion begonnen. Erst im Laufe dieses Jahres sollen Batistas Erz- und Rohöllagerstätten tatsächlich Abschnitt für Abschnitt ausgebeutet werden. So steht Batista nicht nur für die Spaltung des Landes in sehr wenige sehr reiche und sehr viele sehr arme Menschen. Batista steht auch für Brasiliens enormes Zukunftspotenzial, für das bessere Morgen, das die Stimmung schon heute antreibt.

Der Weg zu einer ausgewogenen Gesellschaft nach europäischem Vorbild ist für Brasilien somit lang. Zwar zitieren ausländische Medien gerne die beneidenswert niedrige Arbeitslosenquote von 5 Prozent in Brasilien. Doch diese Zahl basiert nur auf einer Erhebung in den sechs größten Städten des Landes, und in denen wurden auch nur die wirklich vermittelbaren Personen gezählt. Gerade einmal 1,1 Millionen Arbeitslose hat Brasilien so, bei 22 Millionen Erwerbstätigen. Das zeigt zweierlei: Der Großteil der 200 Millionen Bewohner lebt immer noch in der Informalität. Und die Arbeitslosenzahl Brasiliens ist schlicht nicht mit jenen Angaben vergleichbar, die etwa in Deutschland gemacht werden.

Nach einem Jahrzehnt Wachstums mit Spitzenwerten von 7,5 Prozent unter Ex-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva (2003 bis 2010) muss dann auch die Hälfte der Brasilianer mit bis zu 165 Euro im Monat auskommen, 8,5 Prozent mit weniger als 30 Euro. Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der in Favelaslums lebenden Brasilianern sogar von 4 Prozent auf 6 Prozent gestiegen.

Millionen dieser "Favelados" leben in Megastädten wie Sao Paulo und Rio, wo Sportevents wie die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2014 und die übernächste Sommerolympia 2016 die Lebenshaltungskosten in Rekordhöhen treiben. Sao Paulo (10.) und Rio (12.) gehören so schon heute zu den 20 teuersten Städte der Welt. Die Events hypen Brasiliens Image im Ausland derweil weiter.

Seit vielen Jahren schlage Brasilien ja bereits die europäischen Mannschaften im Fussball, so Douglas McWilliams vom englischen Wirtschaftsforschungsinstitut CEBR. "Dass man sie nun auch in der Wirtschaft schlägt, ist ein neues Phänomen." Viele Brasilianer würden ihn sicherlich auf das ebenfalls Ende Dezember veröffentlichte FIFA-Ranking verweisen. Da ist Brasilien auch auf einem als enttäuschend empfundenen 6. Platz zu finden, 30 Punkte hinter England. Tendenz ungewiss.

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